Der Krieg, mit dem niemand rechnete: Am 25. Juni 1991 erklärten sich Slowenien und Kroatien für unabhängig
Am 25. Juni 1991 erklärten sich Slowenien und Kroatien für unabhängig. An diesem Tag rechnete noch kaum jemand damit, dass es innerhalb weniger Tage zu einem Krieg kommen würde.
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Der Tag verlief nicht aufregender als andere in den Wochen zuvor und viel ruhiger als jeder in den Wochen danach: Am späten Nachmittag des 25. Juni 1991 versammelten sich die Parlamente - in Ljubljana der Državni Zbor und in Zagreb der Sabor - und verkündeten ohne Debatte die Unabhängigkeit ihrer Republiken von Jugoslawien.
"Dass es zum Krieg kommen würde, war mir erst klar, als die Panzer rollten" , sagt Milan Kucan, damals Präsident Sloweniens. Es dauerte 24 Stunden. Noch während eine große Menschenmenge auf dem Kongressplatz der slowenischen Hauptstadt den feierlichen Worten ihres Präsidenten lauschte, überschritten erste Konvois der jugoslawischen Volksarmee aus Kroatien die ungesicherte Verwaltungsgrenze mit der Nachbarrepublik und strebten ihren Zielen zu: den Grenzübergängen Jugoslawiens mit Italien, Österreich und Ungarn sowie dem Flughafen der Hauptstadt. "Krieg in Europa" - Der Aufschrei der europäischen Öffentlichkeit kam mit Verspätung. Mit Krieg hatte niemand gerechnet.
Kein halbes Jahr zuvor hatte die Welt ein ganz ähnliches Szenario erlebt. Sowjet-Truppen hatten schon im Jänner 1991 öffentliche Gebäude in Lettland und Litauen besetzt. Nur zwei Wochen später hatten Gorbatschows Truppen sich zurückgezogen. Jugoslawien, das in der kommunistischen Welt das mildeste Regime zu erdulden hatte, galt als der leichtere Fall.
Wie ernst die Kriegsdrohung war, mochten selbst erfahrene Diplomaten nicht abschätzen. In dem komplizierten Vielvölkerstaat mit seinen sechs Republiken und zwei autonomen Provinzen war nicht einmal der scheinbar so klare Begriff der Unabhängigkeit eindeutig. "Wir wollten einfach klare Verhältnisse" , sagt Stipe Mesić, der kurz darauf letztes jugoslawisches Staatsoberhaupt wurde. Nicht die völlige Abtrennung war damit gemeint: "Wir wollten vielmehr eine neue Verständigung mit den anderen Republiken." Aus der Föderation sollte eine Art Gemeinschaft unabhängiger Staaten werden - eine Konföderation.
Slowenien dagegen marschierte gerade auf sein Ziel zu. In einer Volksabstimmung hatten sich schon 1990 94 Prozent der Bevölkerung für die Unabhängigkeit ausgesprochen. Spätestens von da an dachte die Führung - bestehend aus dem postkommunistischen Präsidenten Kuèan und einer antikommunistischen Parlamentsmehrheit mit Premier Lojze Peterle - nicht mehr in jugoslawischen Kategorien. Während die Kroaten noch um die künftige Gestalt Jugoslawiens pokerten, schloss Ljubljana mit ihnen ein taktisches Bündnis. Kuèan: "Gemeinsam mit Kroatien, so dachten wir, würde es leichter sein, die Unabhängigkeit zu erreichen."
Belgrads verlorene Autorität
Jugoslawien war im Sommer 1990 nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Regierung unter Ante Marković hatte fast alle Autorität verloren. Das Gesetz des Handelns bestimmten die Führungen der einzelnen Republiken. Anders als die Staatsspitze Jugoslawiens waren sie demokratisch legitimiert: In jeder Republik hatten seit 1990 Wahlen stattgefunden. Macht auf gesamtstaatlicher Ebene repräsentierte allein noch Verteidigungsminister Veljko Kadijević. Er setzte die Truppen in Marsch. Dass die drittgrößte Armee Europas gegen die schwache Territorialverteidigung der Slowenen eine so schmähliche Niederlage erlitt, führt Kuèan auf die schlechte Moral der Truppe zurück. Die jugoslawische Idee war schon tot.
Im Hintergrund wurde längst ein anderes Spiel gespielt. Als die EG-Troika für Slowenien nach nur zehn Tagen einen Waffenstillstand erreichte, war in Kroatien der Krieg ausgebrochen. Die Armee, de facto gesteuert vom serbischen Präsidenten Slobodan Milošević, war an Grenzübergängen und Flughäfen nicht mehr interessiert. Der Einsatz im neuen Spiel war die Konkursmasse Jugoslawiens: das Territorium. (Norbert Mappes-Niediek/DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2011)