Ein Vielvölkerstaat löst sich auf

20. Juni 2011, 18:03
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    foto: apa/eggenberger

    29. Juni 1991, Grenzübergang Lavamünd/Labot: Ein slowenischer Polizist zeigt das Victory-Zeichen.

Der Krieg, mit dem niemand rechnete: Am 25. Juni 1991 erklärten sich Slowenien und Kroatien für unabhängig

Am 25. Juni 1991 erklärten sich Slowenien und Kroatien für unabhängig. An diesem Tag rechnete noch kaum jemand damit, dass es innerhalb weniger Tage zu einem Krieg kommen würde.

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Der Tag verlief nicht aufregender als andere in den Wochen zuvor und viel ruhiger als jeder in den Wochen danach: Am späten Nachmittag des 25. Juni 1991 versammelten sich die Parlamente - in Ljubljana der Državni Zbor und in Zagreb der Sabor - und verkündeten ohne Debatte die Unabhängigkeit ihrer Republiken von Jugoslawien.

"Dass es zum Krieg kommen würde, war mir erst klar, als die Panzer rollten" , sagt Milan Kucan, damals Präsident Sloweniens. Es dauerte 24 Stunden. Noch während eine große Menschenmenge auf dem Kongressplatz der slowenischen Hauptstadt den feierlichen Worten ihres Präsidenten lauschte, überschritten erste Konvois der jugoslawischen Volksarmee aus Kroatien die ungesicherte Verwaltungsgrenze mit der Nachbarrepublik und strebten ihren Zielen zu: den Grenzübergängen Jugoslawiens mit Italien, Österreich und Ungarn sowie dem Flughafen der Hauptstadt. "Krieg in Europa" - Der Aufschrei der europäischen Öffentlichkeit kam mit Verspätung. Mit Krieg hatte niemand gerechnet.

Kein halbes Jahr zuvor hatte die Welt ein ganz ähnliches Szenario erlebt. Sowjet-Truppen hatten schon im Jänner 1991 öffentliche Gebäude in Lettland und Litauen besetzt. Nur zwei Wochen später hatten Gorbatschows Truppen sich zurückgezogen. Jugoslawien, das in der kommunistischen Welt das mildeste Regime zu erdulden hatte, galt als der leichtere Fall.

Wie ernst die Kriegsdrohung war, mochten selbst erfahrene Diplomaten nicht abschätzen. In dem komplizierten Vielvölkerstaat mit seinen sechs Republiken und zwei autonomen Provinzen war nicht einmal der scheinbar so klare Begriff der Unabhängigkeit eindeutig. "Wir wollten einfach klare Verhältnisse" , sagt Stipe Mesić, der kurz darauf letztes jugoslawisches Staatsoberhaupt wurde. Nicht die völlige Abtrennung war damit gemeint: "Wir wollten vielmehr eine neue Verständigung mit den anderen Republiken." Aus der Föderation sollte eine Art Gemeinschaft unabhängiger Staaten werden - eine Konföderation.

Slowenien dagegen marschierte gerade auf sein Ziel zu. In einer Volksabstimmung hatten sich schon 1990 94 Prozent der Bevölkerung für die Unabhängigkeit ausgesprochen. Spätestens von da an dachte die Führung - bestehend aus dem postkommunistischen Präsidenten Kuèan und einer antikommunistischen Parlamentsmehrheit mit Premier Lojze Peterle - nicht mehr in jugoslawischen Kategorien. Während die Kroaten noch um die künftige Gestalt Jugoslawiens pokerten, schloss Ljubljana mit ihnen ein taktisches Bündnis. Kuèan: "Gemeinsam mit Kroatien, so dachten wir, würde es leichter sein, die Unabhängigkeit zu erreichen."

Belgrads verlorene Autorität

Jugoslawien war im Sommer 1990 nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Regierung unter Ante Marković hatte fast alle Autorität verloren. Das Gesetz des Handelns bestimmten die Führungen der einzelnen Republiken. Anders als die Staatsspitze Jugoslawiens waren sie demokratisch legitimiert: In jeder Republik hatten seit 1990 Wahlen stattgefunden. Macht auf gesamtstaatlicher Ebene repräsentierte allein noch Verteidigungsminister Veljko Kadijević. Er setzte die Truppen in Marsch. Dass die drittgrößte Armee Europas gegen die schwache Territorialverteidigung der Slowenen eine so schmähliche Niederlage erlitt, führt Kuèan auf die schlechte Moral der Truppe zurück. Die jugoslawische Idee war schon tot.

Im Hintergrund wurde längst ein anderes Spiel gespielt. Als die EG-Troika für Slowenien nach nur zehn Tagen einen Waffenstillstand erreichte, war in Kroatien der Krieg ausgebrochen. Die Armee, de facto gesteuert vom serbischen Präsidenten Slobodan Milošević, war an Grenzübergängen und Flughäfen nicht mehr interessiert. Der Einsatz im neuen Spiel war die Konkursmasse Jugoslawiens: das Territorium. (Norbert Mappes-Niediek/DER STANDARD, Printausgabe, 21.6.2011)

Kommentar posten
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franz liszt
00
13.7.2011, 19:51
Der Titel ist schlecht...

...denn in Wahrheit haben die meisten Staaten in Europa mit einem Krieg gerechnet. Es gab zahlreiche Hinweise nicht zuletzt vom österreischischen Geheimdienst...vom Krieg war in Jugoslawien selbst und im benachbarten Ausland niemand überrascht.
Kann eine unheimlich spannende 5 stündige Doku dazu empfehlen, die Hälfte der darin interviewten Personen sitzt nun in Den Haag. Endlos interessant, http://www.youtube.com/watch?v=pY813POvJzc

Prof. Alois
 
10
27.6.2011, 17:59
Der Titel ist gut

Ein K rieg mit dem niemand rechnete.

Das sei all jenen ins Stammbuch geschrieben, die ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass miltärische Konflikte in Europa undenkbar geworden wären.

world-citizen
00
28.6.2011, 17:26
Wenn es keine nationalen Armeen mehr gibt ....

........... sondern nur noch eine einzige europäische, dann sind militärische Auseinandersetzungen in Europa tatsächlich undenkbar. Oder glauben Sie etwa, daß eine militärische Auseinandersetzung zwischen Steiermark und Kärnten möglich wäre?

roland-p
00
30.6.2011, 18:26

ja, dann bekriegen sich vielleicht die europäischen Länder nicht mehr untereinander, sondern greifen gemeinsam andere Länder an ... wie z. B. Libyen, NATO reloaded ... ja, da steh ich voll drauf!

roland-p
01
30.6.2011, 18:25

Jugoslawien war auch EIN Staat mit einer GEMEINSAMEN Armee ...

world-citizen
00
30.6.2011, 23:12
Und jede Teilrepublik ...........

........... hatte ihre Territorialverteidigung.

Ozrenac
25
25.6.2011, 00:25
Empfehlenswerter Film!

Think about it.

http://www.youtube.com/watch?v=D... r_embedded

Macinorgo
20
27.6.2011, 18:07

In Serbien nichts Neues.

phaeluxx
00
26.6.2011, 10:02

vielen dank!
gibt es noch mehr filmtipps zum thema?

iterim
13
23.6.2011, 13:30
Alex Jones o Srbima/ Alex Jones about Serbs

http://www.youtube.com/watch?v=Y... BcOEA&NR=1

_hugh_
10
23.6.2011, 11:04
Nationalistische Strömungen

waren nur zum Teil der Grund des Zerfalls. Hauptausschlaggebend war, dass die wirtschaftlich relativ gut aufgestellten Teilrepubliken SI und HR den rückständigen Sünden nicht mehr finanzieren wollten. Aber diese Strömungen gibt es in vielen Staaten .... in Italien, Belgien, Angola usw. zum Beispiel

Prof. Alois
 
00
27.6.2011, 17:50
Fast hätte ich geschrieben

in Österreich auch.

Aber Gottseidank nur fast...

Sindjelic
13
23.6.2011, 10:10
Die Überschrift muß lauten...

ein souveräner und allseits geschätzter Staat wird im Rahmen der Perestroika und der gesamtdeutschen,neuen Außenpolitik, Opfer des Systems und seiner unaufgearbeiteten, inneren Geschichte.
Auch heute noch empfinde ich es als äußerst schade,daß niemand die Slovenen beim 5.Kongress des Bundes der Kommunisten nicht allesamt in den Knast gesteckt und das Kriegsrecht ausgerufen hat.
Es hätte solange Ausnahmezustand herrschen müssen,bis den Nationalisten die Puste ausgeht und die Jugoslawen sich auf jugoslawische Parteien einigten,die dann unterstützt vom Westen in die ersten demokratischen Wahlen gehen.
So hat jeder Republik auf sich bezogen neue Parteien hervorgebracht,die jugoslawische Idee starb aus.Das Ende kennen wir allzu gut..

Prof. Alois
 
21
25.6.2011, 16:03
Wie wärs wenn der Slobodan M

darauf verzichtet hätte, laut von Groß-Serbien zu träumen. Um diese Träume auch gleich einmal mittels beschniedung der kosovarischen Autonomie umzusetzen. Das war schon der Milosevic, der den ganzen Schmarren losgetreten hat.

chilly76
 
23
26.6.2011, 17:11
das wort grosserbien ist eine erfindung der österreicher

und mit dem wort die kroaten in den 90er wieder ängste schürten bei den germanischen nachbarvölkern unter denen viele serbienfeindlich gesonnen sind.... in sfrj war nunmal knapp 40% der bürger serbisch. man zwang viele diese bürger gegen den willen dieser 40% sich von ihrer heimat loszutrenen... das es nicht zum krieg kommen wird dachten nur einige sehr schlaue bosnier ansonsten wussten alle das es zum krieg kommen wird .

Prof. Alois
 
00
27.6.2011, 18:02
Dass das dort nicht Großserbien geheißen hat

liegt auf der Hand. Man hätte sich einfach nicht nach was so Großem benehmen sollen. Wie man mit dem Kosovo die 20 Jahre zuvor umgesprungen ist, ist ja bekannt. Ein Blick in die umfangreichen Kapitel dazu in den Jahresberichten von amnesty international lassen keinen Zweifel.

roland-p
10
30.6.2011, 18:35

ja, ganz schlimm ... und wie ist dann der Kosovo-Albaner Sinan Hasani anno 1986 Präsident Jugoslawiens geworden? Hat sich der als Serbe ausgegeben, oder wie? Rätselhaft ...

Prof. Alois
 
00
Müdes Argument

Genauso k önnte ich sagen: Obama ist Präsident. Gab es jemals Rassismus in den USA?

roland-p
10

also der Tenor lautete ja, dass es ein jahrzehntelanges Apartheidssystem gab, in dem die Albaner unterdrückt wurden .... und in einem so bösen Apartheidssystem nach südafrikanischem Vorbild passt ein Kosovo-Albaner als Präsident Jugoslawiens irgendwie so überhaupt nicht ins Bild - wie viele schwarze Regierungsmitglieder gab es im Apartheid-Regime in Südafrika?

es gab ja auch so Typen wie Scharping oder Fischer, die behaupteten, die Serben würden sich zu den Albanern so verhalten wie die Nazis zu den Juden - wieviele jüdische Regierungs-Mitglieder gab es im Dritten Reich? Eben!

Prof. Alois
 
00
Vergleiche hinken immer. Geb ich zu. Man bleibt besser bei den Fakten

Über 30 Jahre blieben die Albaner friedlich. Jedes jahr zig-Seiten in den Amnesty International Jahresberichten. In den 70er-Jahren fuhr man da schon mal mit Panzern auf, wenn die nicht spurten. Milosevic hat dann das Fass zum Überlaufen gebracht, indem er herging und die Autonomie der Kosovoalbaner zurücknahm. Wenn mir wer die Universität meiner Sprache und Kultur zusperrt, dann fang ich auch zum nachdenken an, ob bewaffneter Widerstand nicht wirkungsvoller wäre. Dem Widerstand in Südafrika erging es ähnlich: Es dauerte lange bis sich die Befürworter des bewaffneten Kampfes durchsetzten.

Da einzige "Argument", das ich hörte: Die Albaner vermehren sich viel schneller als die ansässigen Serben. Das ist das Niveau des Dritten Reiches.

roland-p
00

wobei in Südafrika die Schwarzen nicht einmal ein Wahlrecht hatten, während in Jugoslawien eben z. B. ein Kosovo-Albaner ein Jahr lang Präsident war ...

dass Milosevic ein Verbrecher war, steht für mich eh außer Frage ... aber wenn man schon Amnesty International ins Spiel bringen muss, sehen wir doch mal nach, wie es heute im Kosovo aussieht: http://www.amnesty.de/asylpolit... -im-kosovo
dürfen sich jetzt Serben, Roma und andere Minderheiten im Kosovo auch bewaffnen? Dürfen sich die Kärntner Slowenen bewaffnen? Wie stehen Sie eigentlich zur ETA, zur IRA, zu den Tiroler Bumsern? Wobei die immerhin nie mit Organen handelten, so wie es die UCK tat ...

Prof. Alois
 
00
Alter Trick

Zieht nicht.

Die tatsächlich jahrzehntelangen Verbrechen der Serben im Kosovo gegen das aufrechnen, was diese Verwüstung an Regierungsfähigkeit hinterlassen hat.
Ich kenne wen, der im Kosovo Mitte der 80er in einen Autounfall verwickelt war. Wurde festgenommen. Man hat nie wieder etwas von ihm gehört.

roland-p
00
18.7.2011, 20:08
Trick???

Ihre Geschichte mit dem Autounfall: die Polizei im Kosovo war in den 80er-Jahren weitgehend albanisch dominiert ... somit auch kein stichhaltiges Argument gegen die "bösen Serben" ...

und was sagen Sie zu dem Amnesty-International-Bericht? Es werden im Kosovo ja nicht nur die pöhsen Serben unterdrückt, sondern auch die Roma - was haben die genau verbrochen? oder ist Ihnen AI als Quelle plötzlich doch nicht mehr genehm?

ach, ich vergaß: "die Serben" sind ja die Bösen, und "die Serben" sind die neuen Nazis ... das müsste ein Mann besonders genau wissen: Cedda Prlincevic, der Chef der jüdischen Gemeinde in Pristina ... doch siehe da: http://emperors-clothes.com/german/ar... erview.htm ... merkwürdig, oder?

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