"Ecce Homo": "Die Gegenreformation lauert überall"

20. Juni 2011, 17:04
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In der Oper "Ecce Homo" erneuert Bernd Liepold-Mosser seine Zusammenarbeit mit der Band Naked Lunch

Villach - Anlässlich der Landesausstellung 2011 Glaubwürdig bleiben - 500 Jahre Protestantisches Abenteuer feiert das Opernprojekt Ecce Homo in der Neuen Bühne Villach am Mittwoch seine Uraufführung. In seinem Libretto thematisiert Bernd Liepold-Mosser die Reformation und ihre brutale Niederschlagung durch die Gegenreformation. Nach der Kafka-Bearbeitung Amerika ist Ecce Homo die zweite Koproduktion von Liepold-Mosser mit der Band Naked Lunch.

Standard: Was sind die thematischen Hintergründe von "Ecce Homo"?

Liepold-Mosser: Für mich ist das Thema Reformation/Gegenreformation von hoher Aktualität. Immer wieder zeigt uns die Geschichte Umstürze und die daraus resultierende Errichtung brutaler Systeme. Es wird sich erst zeigen, was die Umbrüche in den arabischen Staaten mit sich bringen. Die Oper Ecce homo kulminiert in Nietzsches Formel: "Gott ist tot, und wir alle sind seine Mörder". Vorgänge wie die Gegenreformation stellen eine Auslöschung Gottes unter Berufung auf seinen Namen dar. Allgemeiner gesagt: Die Gegenreformation lauert überall.

Standard: Welche künstlerische Vision liegt dem Stück zugrunde? Liepold-Mosser: In der Umsetzung ging es mir darum, eine Gesamtkomposition von Stoff und Form zu finden. In dem Sinn ist für mich das "Gesamtlayout" enorm wichtig. Wir haben den Theaterraum in eine Kirche eingebaut. Ich habe mir vorgestellt, wie es vor 500 Jahren in einem Dorf gewesen sein muss, als plötzlich der Himmel aufging und die Leute mit Frischluft versorgt wurden. Auf der ästhetischen Seite beeinflusst mich die extreme Klarheit und Ästhetisierung von Robert Wilson, anderseits komme ich aus der Diskurstheorie. René Pollesch mit seinem Ansatz, das Theater zu dekonstruieren, fasziniert mich.

Standard: Immer wieder zog und zieht es Theatermenschen ins Opernfach. Warum haben Sie sich für dieses Genre entschieden?

Liepold-Mosser: Oper ist die Königsdisziplin der darstellenden Künste. Oper kann mit den Mitteln von Musik und Schauspiel große Gefühle thematisieren, und wir greifen dementsprechend in die Vollen. Unsere Oper lehnt sich nicht an die E-Musik des 20. Jahrhunderts an, sondern wir arbeiten mit der Ausdruckskraft der Populärmusik. Naked Lunch, die besondere Stärken im Herstellen großer Gefühle haben, waren insofern eine logische Wahl.

Standard: Könnte Ihre neue Lesart des Begriffes Oper nicht auch populistisch ausgelegt werden?

Liepold-Mosser: Ich sehe mich selbst als einen, der aus der Populärkultur hervorgegangen ist, wobei das natürlich ein weiter Begriff ist. Zur Populärkultur gehören für mich Bob Dylan, die Beatles und auch Peter Handkes Publikumsbeschimpfung. Dieser Teil der Kultur ist meiner. Ich bin selbst ein Fan der Band Naked Lunch, und wir bedienen uns in gewisser Weise des gleichen künstlerischen Codes.

Standard: Einerseits will Kunst oft provozieren, andererseits gibt es von den Kulturreferaten Subventionen. Ein Widerspruch?

Liepold-Mosser: In den letzten Jahren habe ich vor allem gesellschaftspolitische Themen aufgegriffen. Das hat dazu geführt, dass kein einziges Projekt vonseiten des Landes gefördert wurde. Der damalige Landeskulturreferent Jörg Haider ließ das nicht zu. Es ist aber trotzdem gelungen, diese Projekte zu verwirklichen.

Standard: Ist es nicht verlockend, als Künstler, aus der Provinz zu flüchten?

Liepold-Mosser: Kärnten ist natürlich ein provinzielles Gebiet, an dem Aufklärung und Moderne vorbeigegangen sind. Das macht die Schwierigkeit, hier zu leben, aus. Hier, an einem der vielen Enden der Welt, kriege ich Gefühlslagen mit, die der Stoff meiner Arbeit sind. Die Provinz steigert meine Produktivität. Eine Zeitlang war Kärnten im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit, weil einer der gefährlichsten Rechtspopulisten hier Landeshauptmann war. Dadurch, dass ich hier lebe, fühlte ich mich gezwungen, mich theatralisch mit der deutschnationalen Hegemonie auseinanderzusetzten. Jetzt erntet das Land die Zerstörung, die unter der Regierung Haider passiert ist. Geblieben sind ein wirtschaftliches wie auch mentales Desaster. Andererseits tritt jetzt eine Art von Normalisierung ein. Kärnten ist wieder Provinz, und für mich rücken andere Themen in den Vordergrund. (Sabina Zwitter, DER STANDARD/Printausgabe 21. Juni 2011)

  • Szenen aus der Reformationszeit, als der Himmel aufging und die Menschen
 mit Frischluft versorgte: "Ecce Homo" hat morgen, Mittwoch, um 20 Uhr, 
in der Neuen Bühne Villach Premiere.
    foto: neuen bühne villach/klopf

    Szenen aus der Reformationszeit, als der Himmel aufging und die Menschen mit Frischluft versorgte: "Ecce Homo" hat morgen, Mittwoch, um 20 Uhr, in der Neuen Bühne Villach Premiere.

  • BERND LIEPOLD-MOSSER (43) war bis 2001 Leiter des Peter-Handke-Archivs 
in Griffen. Seither lebt er als freiberuflicher Autor und Regisseur in 
Klagenfurt. Neben literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten schreibt
 er Drehbücher.
    foto: neuen bühne villach/klopf

    BERND LIEPOLD-MOSSER (43) war bis 2001 Leiter des Peter-Handke-Archivs in Griffen. Seither lebt er als freiberuflicher Autor und Regisseur in Klagenfurt. Neben literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten schreibt er Drehbücher.

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