Rundschau: Die Dampf-Revolution

    2. Juli 2011, 10:15
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    Neue Lektüre von David Marusek, Stephen Baxter, Antoine Volodine, Tobias O. Meißner, Paul di Filippo plus ein paar Steampunk-Titel

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    coverfoto: golkonda

    David Marusek: "Wir waren außer uns vor Glück"

    Kartoniert, 200 Seiten, € 15,40, Golkonda 2011.

    Die Monatsauswahl beginnt mit einer guten Nachricht für alle diejenigen, die im Zweifelsfall vor englischsprachiger Literatur eher zurückscheuen: Mit David Marusek gibt's einen der interessantesten Autoren, die in den vergangenen Jahren die Bühne der Science Fiction betreten haben, jetzt erstmals auch auf Deutsch zu lesen. Der Golkonda-Verlag hat Maruseks Kurzgeschichtenband "Getting To Know You" (für Details hier die Nachlese) in leicht abgeschlankter Fassung herausgebracht. Weggefallen sind ein paar kürzere Erzählungen, die für sich allein stehen. Enthalten sind in "Wir waren außer uns vor Glück" dafür alle Geschichten - fünf insgesamt, zwei davon in Novellenlänge -, die sich in eine gemeinsame Future History einordnen lassen.

    Wir betreten eine von Nanoprozessoren durchflutete Welt des 22. Jahrhunderts, in der die omnipräsenten Minimaschinchen zu einer Konstante geworden sind wie die Luft und das Wasser. Im menschlichen Körper sorgen sie unter anderem für Gesundheit, quasi-ewiges Leben und nicht zu vergessen geistige Vernetzung mit dem globalen Kommunikationssystem. Ein strahlendes Hightech-Paradies, das auch sehr, sehr dunkle Schatten wirft - zum einen auf die Umstände und den Preis seiner Errichtung, worauf in "Wie wir uns kennenlernten" und "Kraut und Kohl, oder: Wie wir Amerika gesundschrumpften" näher eingegangen wird. Zum anderen auf die - nennen wir's mal so - laufenden Kosten des Systems. Denn außer nützlichen Smartactives schwirren auch jede Menge Nasties herum, Nachfolgegenerationen einstiger Biowaffen, die einen menschlichen Körper binnen kurzem in rote Suppe verwandeln können. Mehrere Verteidigungsbarrieren stellen sich ihnen entgegen: Die Städte hüllen sich in die schützenden Membranen ihrer Baldachine, in den Straßen und Häusern patrouillieren kleine robotische Milizschnecken, die BürgerInnen routinemäßig auf eventuelle Verseuchungen "kosten", zudem trinkt man täglich seinen Visola-Cocktail, der den körpereigenen Nano-Haushalt im Gleichgewicht hält. Selbst diejenigen, die auf der Sonnenseite Edens leben, mussten sich also damit abfinden, dass ihr Alltag einem permanenten Kriegszustand auf molekularer Ebene gleicht.

    Die zentrale Geschichte "Wir waren außer uns vor Glück", die auch der Ausgangspunkt für die beiden Romane "Counting Heads" und "Mind Over Ship" war, schildert, wie ein privilegierter Bürger durch eine simple Fehlfunktion in tiefste Tiefen stürzt. Zugleich spiegelt der traurige Fall des Samson Harger den späteren Niedergang des gesamten Systems wider. Denn skurrilerweise hat Marusek das Ende der Welt, die er in mehreren Erzählungen und vor allem den beiden Romanen überaus detailreich entwirft, ein Jahrzehnt zuvor bereits in der Erzählung "Das Hochzeitsalbum" vorweggenommen. Und das nicht einmal als zentrales Motiv, sondern lediglich als Hintergrundrauschen zur eigentlichen Handlung - und als Beschreibung einer Phase in der Geschichte der Zukunft, die mit diesem Kollaps nicht enden wird. "Ein Junge im Cathyland", ursprünglich als Kapitel des "Hochzeitsalbums" geplant, geht genauer auf die Phase des unmittelbaren Danach ein. Durch die Augen des jungen Mikol verfolgen wir mit, wie eines der letzten Erbstücke der Hightech-Ära aufgespürt wird. Und melancholischer könnte ein Epilog kaum ausfallen: Am Anfang beobachtet Mikol, wie Trümmerstücke und die Leichen ehemaliger Weltraumbewohner als Sternschnuppen zur Erde fallen, am Schluss reagiert er auf das Gesehene wie das Kind, das er ist und das gar nicht begreifen kann, dass es gerade das Ende einer Epoche miterlebt hat.

    "Das Hochzeitsalbum" habe ich ja bereits anlässlich von "Getting To Know You" als eine der besten SF-Erzählungen der vergangenen Jahre gepriesen. Hier zeigt sich besonders gut, wie Marusek transhumane Szenarien, die bei anderen AutorInnen oft recht kalt rüberkommen, mit einer sehr menschlichen Seite versehen kann. Ob es sich dabei um einen "echten" Menschen oder eine Daten-Existenz handelt, spielt nicht notwendigerweise eine Rolle, wie das Schicksal des Sims Anne zeigt, einer ihrer selbst bewussten virtuellen Kopie der originalen Anne, die als "Schnappschuss" erstellt wurde, um die Freude des Hochzeitstags für die Ewigkeit festzuhalten. Niemand ahnt zu dem Zeitpunkt, wie wörtlich dies noch zu nehmen sein wird. Marusek verschmilzt in der Folge die Beschreibung einer gesellschaftlichen Emanzipationsbewegung mit fast schon metaphysischen Elementen - zumindest geht es um das Leben nach dem Tod -, und dies wird nicht nur den zuvor erwähnten Kollaps auslösen, da liegt auch ein echter Hauch von Ewigkeit in der Luft. Beeindruckend.

    Nach zwei Romanen und reihenweise Kurzgeschichten hat man sich an die Nomenklatur eines Autors gewöhnt. Ist also ziemlich witzig, statt vertraut gewordener Begriffe wie proxy oder belt valet nun plötzlich solche wie Stellvertreter bzw. Abzug oder Gürtelbutler zu lesen - und fast schon eine Neuentdeckung. Allen, die Marusek noch nie gelesen haben, sei ans Herz gelegt: Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen! Was auch immer heuer noch an Science Fiction auf Deutsch erscheint, "Wir waren außer uns vor Glück" wird am Ende des Jahres unter den Top Ten rangieren. Und für alle, die in der gleichen bedauerlichen Lage sind wie ich, dass sie schon alles von Marusek kennen, heißt es geduldig weiter warten: Aus seinem aktuellen Romanprojekt macht er noch ein ziemliches Geheimnis. Lassen wir uns überraschen!

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