Yoga ist in, Yoga ist hip - und Yoga ist verwirrend - derStandard.at bringt Licht in den Yoga-Dschungel und klärt über die gängigsten Richtungen auf
Dvds, Zeitschriften und unzählige Bücher - von "Yoga für werdende Mütter" über "Yoga für den Mann" bis zu "Mit Yoga durch die Wechseljahre". Die indische philosophische Lehre liegt nach wie vor im Trend, Yoga macht man im Fitnesscenter, im Park oder im Entspannungsurlaub. Aber: Yoga ist nicht gleich Yoga. Und: Yoga ist keine Sportart, sondern vielmehr eine Lebensweise. Mittlerweile gibt es zahlreiche unterschiedliche Schulen und Richtungen - was für den Laien nur mehr schwer durchschaubar ist. derStandard.at hat sich erkundigt und verschafft einen Überblick.
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Vorweg: Yoga soll kein dogmatisches Befolgen bestimmter Übungen und Rituale sein. "Es geht um ein authentisches, aus dem inneren kommendes Praktizieren", sagt Arjuna Paul Nathschläger, Leiter der Yoga-Akademie Austria. Die fünf klassischen Yoga-Arten sind Karma, Bhakti, Jnana, Raja und Hatha. Im Westen sind der meditative Raja- und der körperbetonte Hatha-Yoga am meisten verbreitet. Im Idealfall ergänzen diese beiden Wege einander. "Die anderen drei Richtungen Karma, Bhakti und Jnana sollten im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes der menschlichen Entwicklung in die Yoga-Praxis einfließen, auch wenn sie andere Formen als die klassische, in Indien praktizierte Art und Weise annehmen mögen", erläutert Nathschläger.
Übersicht: Die fünf traditionellen Yoga-Richtungen
-Karma ist das Yoga des selbstlosen Handelns: Dabei geht es um den selbstlosen Dienst am Nächsten. Durch die Abwendung von selbstbezogenen Motiven soll eine Nähe zu Gott entstehen, die wiederum zur Erlösung führt. Nicht meditative oder energetische Techniken, sondern die Bewusstheit beim alltäglichen Handeln steht im Vordergrund.
-Bhakti ist das Yoga der emotionalen Kraft: Es geht um die liebevolle Verehrung Gottes mit dem Ziel, dadurch Erlösung zu finden. Die Mittel dazu reichen von Singen über Meditation bis Beten.
-Jnana-Yoga gilt als der Weg des (spirituellen) Wissens: Durch spirituelle Erkenntnis soll der Kreis der Wiedergeburt durchbrochen werden. Die Bestandteile sind Zuhören und Lernen, Reflexion und Verinnerlichung sowie Meditation und Erkenntnis.
-Raja-Yoga ist meditatives Yoga - es setzt beim menschlichen Geist an: Man strebt nach Herrschaft über den Geist und zwar durch philosophisches Wissen und praktische Übungen. Dieser Weg ergänzt im Idealfall den Hatha-Yoga, der körperorientierter ist. Der Raja-Yoga wird auch als achtgliedriger Pfad oder Asthanga-Yoga beschrieben: "astha" steht für acht, "anga" bedeutet "Teile, Glieder". Dieser achtfache Weg, der hauptsächlich aus Meditation besteht, wird vom weit verbreiteten, sehr körperbetonten aber gleichnamigen Asthanga-Yoga nach Patthabi Jois, der ein bedeutender Vertreter des Hatha-Yogas war, unterschieden.
-Hatha ist der Weg der Energie: Dieser körperlich dominierte Stil ist im Westen wegen des starken Bezuges zur Außenwelt und zum Körper mit Abstand am meisten verbreitet. Er wird in verschiedenen Ausformungen wie zum Beispiel Iyengar-Yoga, Flow Yoga, Kundalini-Yoga oder Asthanga-Yoga (nach Patthabi Jois) praktiziert. "Was zumeist als Hatha-Yoga angeboten wird, sind Fitness- und Stretchingübungen mit einzelnen Elementen der Hatha-Yoga-Körperhaltungen", beurteilt Nathschläger die gängige Praxis.
Ursprünglich besteht die 500 bis 1000 Jahre alte Tradition nämlich nur zu einem relativ kleinen Teil aus Körperhaltungen. Den weitaus größeren Teil machen Atemübungen, Handgesten, Muskelkontraktionen zur Fixierung der Lebensenergie und Meditation aus. Auch Reinigungstechniken, Ernährung und eine stabile geistige Grundlage gehören dazu. "Im Grunde ist auch Hatha-Yoga ein Weg, durch den man sich mit dem dem Menschen innewohnenden Göttlichen verbinden will. Die Körperenergie ist dafür nur eines der Instrumente. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, sich dieser Zusammenhänge beim Üben immer bewusst zu sein", so Nathschläger.
TriYoga bedeutet Entschleunigung
Eine der vielen Hatha-Techniken ist der TriYoga. Es handelt sich um eine fließende Form, bei der Körperstellung, Atmung und Handgesten miteinander verbunden werden. Die Körperhaltungen kräftigen den Körper und lösen gleichzeitig Spannungen, die Atmung steigert die Energie, die von den Handgesten an die richtige Stelle geleitet wird. Die Entschleunigung steht im Vordergrund, das Wichtigste dabei sind nicht die Körperhaltungen, sondern es geht vielmehr um ihren fließenden Übergang durch langsame, wellenförmige Bewegungen. "TriYoga ist einerseits eine alte Form des Hatha Yoga, andererseits natürlich ein sehr modernes Yoga, weil es gegen den schnelllebigen Zeitgeist arbeitet", erklärt Tanja Hösl, die das TriYoga-Center in Wien betreibt.
Ganzheitlicher Yoga
Schließlich gibt es noch eine sechste Yoga-Art, die die Hauptbestandteile der fünf traditionellen Wege kombiniert. "Integraler oder ganzheitlicher Yoga umfasst alle Ebenen und Aspekte des Menschseins", so Nathschläger. Neben Körper- und Atemübungen gehören auch Meditation, das Studium der klassischen Schriften und Selbstbeobachtung, das Loslassen egozentrischer Motivation beim Handeln und die Hingabe an das Göttliche dazu.
Kritik an den zahlreichen Yoga-Auswüchsen
Zusammengefasst: Aus den fünf traditionellen Yoga-Richtungen und dem alles umfassenden integralen Yoga haben sich mittlerweile zahlreiche weitere Praktiken entwickelt. Boris Sacharow, der als ein Wegbereiter des Yoga in Europa gilt und 1921 die erste deutsche Yoga-Schule gründete, kritisierte schon im vorigen Jahrhundert: "Von Tag zu Tag schießen neue Yogapilze aus dem durch üppige Phantasie übersättigten Boden der Orientalistik."
Wie viele Yoga-Arten es heute tatsächlich gibt, ist schwierig zu sagen. "Das ist auch eine Definitionsfrage, außerdem entstehen vermutlich fast täglich neue Ausformungen", so Nathschläger. Beim Iron-Yoga macht man die Körperübungen mit Hanteln, beim Naked Yoga verzichtet man auf Kleidung, sogar Lach-Yoga wird heute praktiziert. "Im Grunde kann und soll man ja alles Leben im Geiste des Yoga durchführen", sagt Nathschläger. Oder, wie der große Meister Sri Aurobindo einst sagte: "All life is Yoga". (Maria Kapeller, derStandard.at, 6.7.2011)
Die Yoga-Akademie Austria bildet künftige Yoga-Lehrer im Intgralen Yoga aus und gibt zweimal pro Jahr eine kostenlose Yoga-Zeitschrift heraus.