Mit vollen Hosen ist schwer testen

20. Juni 2011, 16:59
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Die Yamaha XT660X zeigt uns die Grenzen auf. Mit zuviel Respekt bringt man sie nicht an die Grenzen. Wer den Sturz nicht scheut, mag sie bezwingen

Zugegeben, die Yamaha XT660X ist jetzt nicht das absolut neueste Modell. Aber sie ist wahnsinnig spannend. Die Kombination aus Supermoto und straßenzugelassenem Serienmotorrad reizt mich persönlich schon seit langem. In Perfektion hat diese Kombination Yamaha mit der WR250X gelöst. Ihre einzige Schwäche - es fehlt ihr ein wenig an Kraft.

Wie schaut das dann bei der XT660X aus? Mit einer Leistung von 48 PS und dem Drehmoment von 60 Newtonmeter ist die Frage nach der Kraft einmal ausreichend beantwortet. Nur: Die 660er ist vollgetankt mit ihren 181 Kilogramm doch ein Alzerl schwerer als die 250er. Wie weit geht das auf Kosten der Agilität? Ich meine, man muss ja nicht permanent am Raster herumfahren, aber es sind doch genau diese ewigen Spielchen, die Kurvenhatz und die Kunststückerl, die man mit der Supermoto mit Links zusammenbringt, die den Reiz ausmachen. Kurzum: Ist die XT660X zu blunzig?

Nach dem dreitägigen Supermoto-Boot-Camp mit Hanson Schruf ist zumindest das kleine Einmaleins des Supermotofahrens bekannt. Stoppie, Wheelie und Drift muss die 660er schon aushalten, um mir nicht die Tränen der Enttäuschung ins Gesicht zu treiben. Wobei: Wheelen muss sie gar nicht so gut können, weil da hab ich eh die Hosen viel zu voll, dass ich eines der Testmotorräder um die Erd hau. Ich beherrsche es einfach nicht und lasse es deshalb außen vor.

Den Plan hab ich aber eh ohne die Yamaha gemacht. Die hebt nämlich gern und flott das Vorderrad - da muss man nicht einmal wild am Kabel reißen. Durch das satte Drehmoment von unten heraus macht die bei jeder Gelegenheit Manderl wie ein Hund vorm Fleischhauer. Für einen Angsthasen wie mich fühlt sich das sogar ganz lustig an, und ich habe nie den Eindruck, die Kontrolle zu verlieren. Obwohl das soll nix heißen. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ich mir Grasbüschel aus der Nase ziehe und mich dabei frage: „Na, was war denn jetzt des?"

Die Stoppies gehen gut, aber sie könnten noch einfacher gehen. Jetzt schindet die Stahlflexleitung zwar optisch schon einmal ordentlich Eindruck, und dass die Bremsen von Brembo sind, tut das Seinige dazu. Nur wenn man genau schaut, kommt man auch beim mehrmaligen Durchzählen nur auf eine Bremsscheibe vorne. Die reicht mit ihrem Durchmesser von 320 Millimeter für das normale Fahren, aber bei den Stoppies hängt sich halt das ganze Gewicht des Motorrades in die Gabel. Und wer weniger kräftig am Hebel ziehen muss, kann natürlich feiner dosieren. Die Gabel taucht zwar tief ein, weil sie Yamaha-typisch eher auf der weichen Seite ist, macht das Spiel aber sauber mit.

Beim Driften schlägt dann wieder der Angsthase zu. Bei einer rennfertigen Supermoto ist es mir ziemlich wurscht, wenn einmal ein Drift nicht ganz gelingt und die Reiben ihrem Namen gerecht wird und sich ein wenig an der Erde reibt. Die hebst du dann wieder auf, sagst einen gescheiten Spruch über die Stärke der Erdanziehungskraft und fährst einfach weiter. Bei einer XT660X vergeht dir aber schnell das Lachen. Während es beim Renngerät vollkommen egal ist, ob da noch ein Kratzer in der Verkleidung ist, oder ob du schnell ein Tauschheberl aus dem Magazin ziehen musst, krampft sich das Geldbörsel zusammen, wenn die 660er knarzende Geräusche von sich gibt. Denn niemand, der etwas auf sich hält, will mit einem Ratbike durch die Stadt fahren, bei dem jeder sofort sieht, dass man ein schlecht ausgebildetes Talent zum Motorradfahren hat. Darum war das Umlegen beim Andriften weniger eine Mutsache als viel mehr eine Sache der Ehre und des Geldes. Testmotorräder bringt man nicht um zwei Kilo leichter zurück. Aber so weit habe ich mich vorgetraut, dass ich nun weiß: Es funktioniert, wenn man sich traut, oder es kann.

Am Weg zum und vom Testgelände hat die 660er aber bewiesen, dass sie eindeutig alltagstauglicher ist als die WR250X - eben weil dort die Kraft zählt, die im 660 Kubikzentimeter großen Einzylinder nur darauf wartet, freigelassen zu werden. Die 250er tut sich darum auf längeren Touren schwer, dafür ist sie was für Spieler, die gerne ein wenig tricksen. Nur: Genau das sieht man unserer WR inzwischen auch schon ein wenig an, während ich die XT sauber, gepflegt und ein wenig traurig retournierte.

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    foto: gabriele gluschitsch
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  • Yamaha XT660X
Motor: 1 Zylinder-4-Takt-Motor, 4 VentileHubraum:
 660 ccmLeistung: 35,3 kW (48 PS) bei 6000 U/minDrehmoment:
 60 
Nm bei 5250 U/minKraftübertragung: 5 Gänge, KetteRadaufhängung
 
vorne: 43 mm Teleskop-GabelRadaufhängung hinten: 
Schwingarm, 
ZentralfederbeinBremse vorne: Einscheibenbremse, Ø 320 mmBremse
 
hinten: Einscheibenbremse, Ø 245 mmReifen vorne: 120/70R 
17M/CReifen
 hinten: 160/60R 17M/CGewicht vollgetankt: 181 kgSitzhöhe:
 875 
mmPreis: ab 8499 Euro
    foto: gabriele gluschitsch

    Yamaha XT660X

    Motor: 1 Zylinder-4-Takt-Motor, 4 Ventile
    Hubraum: 660 ccm
    Leistung: 35,3 kW (48 PS) bei 6000 U/min
    Drehmoment: 60 Nm bei 5250 U/min
    Kraftübertragung: 5 Gänge, Kette
    Radaufhängung vorne: 43 mm Teleskop-Gabel
    Radaufhängung hinten: Schwingarm, Zentralfederbein
    Bremse vorne: Einscheibenbremse, Ø 320 mm
    Bremse hinten: Einscheibenbremse, Ø 245 mm
    Reifen vorne: 120/70R 17M/C
    Reifen hinten: 160/60R 17M/C
    Gewicht vollgetankt: 181 kg
    Sitzhöhe: 875 mm
    Preis: ab 8499 Euro

  • +Sehr feiner Einzylinder für die Stadt 
und Sonderprüfungen am Berg, handlich, wendig und kräftig.
- Kein 
Motorrad für die Autobahn oder Menschen, die gerne lange Gerade mit über
 200 km/h schnupfen.
    foto: gabriele gluschitsch

    +Sehr feiner Einzylinder für die Stadt und Sonderprüfungen am Berg, handlich, wendig und kräftig.

    - Kein Motorrad für die Autobahn oder Menschen, die gerne lange Gerade mit über 200 km/h schnupfen.

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