Der Theaterdirektor mit dem Holzbein

19. Juni 2011, 19:55
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Das Burgtheater würdigte am Freitagabend den Roman "Moby Dick"

Wien - Er ist das Promitier der Weltliteratur, und nach einem seiner Gegenspieler wurde gar eine Coffeeshop-Kette benannt. Dennoch, Moby Dick als Abenteuerroman zu bezeichnen, sei ein Etikettenschwindel, schließlich müsse man diesen Wälzer erst einmal bewältigen, sagt Kulturwissenschafter Ronald Düker in seiner Einführungsvorlesung zu "Moby Dick Revisited #1" im Vestibül, das an diesem Abend "Steuerhaus" heißt und nur die erste der Stationen im Burgtheater ist - pardon: auf der "Pequod" rund um die Geschichte der Jagd nach dem Wal.

Als Abenteuer lässt sich der Abend in den Foyers, Kämmerchen und Feststiegen durchaus bezeichnen. Die Zuschauer erhalten Karten mit dem Grundriss des Burgtheaters, um zwischen den Programmpunkten am "Unterdeck", "Hauptdeck" und "Ausguck" zu navigieren, wo Experten teils rein wissenschaftliche, teils performative Vorträge halten.

Warten auf Windstille

Da wäre Fotograf Erich Lessing, der als Mitglied der Magnum-Agentur 1954 die Dreharbeiten von John Hustons Moby-Dick-Film begleitete und sich im Interview ans "Warten auf den windstillen Moment", die zeitvertreibenden "Kartenspiele auf der Walfischattrappe" erinnert (Hauptdarsteller Gregory Peck soll immer gewonnen haben) und seine vor Ort ausgestellten preisgekrönten Fotografien erläutert.

So richtig geht das Spektakel allerdings los, als im großen Pausenfoyer, dem "Achterdeck", Burgchef Matthias Hartmann als Kapitän Ahab - mit Holzbein und Seemannskappe - erscheint und seine Mannschaft, das Publikum, seemännisch begrüßt. Etwas dick aufgetragen, aber als einziger "Kostümauftritt" des Abends durchaus witzig. Beinahe das vollständige Burgtheater-Ensemble ist dann zu erleben. Auf Lesetischen sitzen Schauspieler und lesen, ganz privat, einzelnen Zuhörern Kapitel aus Moby Dick vor.

Manch ein Zuschauer wurde da zu späterer Stunde selbst zu Ismael oder zu Moby Dick und bekam für sein Geld auch noch professionellen Unterricht in Stegreiftheater. Rum und Matjesfilet aus der Kombüse inklusive.

Schließlich: Auf der Feststiege, "Bugspriet", schlüpft der deutsche "Skandalkünstler" Jonathan Meese in die Rolle des Kapitän Ahab, der mit seiner Besessenheit für den weißen Wal seine Mannschaft in den Tod führt. Meese wütet stundenlang mit unbändiger Energie wie ein wahnhafter Kobold von seiner Kanzel und stellt in Publikumsbeschimpfungen Vergleiche vom Diktator Ahab mit der Diktatur der Kunst her. Der Theologe Eugen Drewermann als Ismael zieht dann Parallelen zwischen Moby Dick und dem heutigen "War of Terror". Ein gelungener Abend.  (Elisa Weingartner/ DER STANDARD, Printausgabe, 20.6.2011)

  • Als Ahab: Jonathan Meese auf der Feststiege
    foto: jan bauer / jonathan meese

    Als Ahab: Jonathan Meese auf der Feststiege

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