Schuhe aus bestem Stall

Wojciech Czaja, 19. Juni 2011, 19:32
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    foto: ludwig reiter

    Das alte Ambiente wurde, wo es ging, beibehalten. Ein neuer Zubau in Holzleichtbauweise dient als Lager und Verbindungsgang.

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    foto: ludwig reiter

    In den alten Kuhstallungen unter dem Gewölbe werden heute die Schuhe gefertigt.

Die Wiener Schuhmanufaktur Ludwig Reiter verlegte ihren Standort ins Schloss Süßenbrunn. Auf die Pferdemistheizung musste man leider verzichten

Trotz rigoroser Denkmalschutzbestimmungen ist es gelungen, in den alten Gemäuern eine sinnvolle Produktionskette zu schaffen. 

***

Ein paar Dutzend Facharbeiter sitzen unter dem historischen Gewölbe im Erdgeschoß und nähen, kleben, dehnen, stopfen, tuckern und nageln die feinen Oberleder und die kräftigen Sohlenleder. Die Atmosphäre könnte nicht besser sein. Die Wiener Traditionsmanufaktur Ludwig Reiter, die mit 30.000 Schuhen einen Jahresumsatz von rund 15 Millionen Euro erzielt, hat ihren Sitz auf dem geschichtsträchtigen Anwesen rund um das Schloss Süßenbrunn in Wien-Donaustadt.

Das war nicht immer so. "Wir waren davor in einem Gewerbegebiet in Wiener Neudorf", erklärt Till Reiter, Geschäftsführer und einer der drei Brüder im Betrieb. "Doch erstens mussten wir expandieren, und zweitens hat uns der Standort einfach nicht mehr gefallen. Die Industriehalle war unpersönlich, gesichtslos und letztendlich nicht wirklich repräsentativ für ein Unternehmen, das es seit mehr als 125 Jahren gibt."

Produktion im ehemaligen Kuhstall

Anders als in einer modernen Produktionshalle mussten die Gemäuer auf dem Schlossgelände Süßenbrunn erst entsprechend adaptiert werden. Im alten Verwalterhaus wurden die Büros untergebracht, im Schüttkasten befindet sich heute das Materiallager, in den Kuhställen die Produktion, im Taubenschlag die Schlosserei und in der ehemaligen Wagenremise das Auslieferungslager samt Versand.

"Die Sanierung war sehr aufwändig", sagt Lukas Reiter. Er ist der Architekt im Haus und kümmert sich in der Regel um die Gestaltung der Geschäftsfilialen. "Die Adaptierung für unsere Zwecke und die gleichzeitige Beibehaltung der Atmosphäre war nicht sehr einfach." Zum Überblick: Die ältesten Bauteile auf dem Gutshof datieren auf das Mittelalter zurück, der Großteil der Bausubstanz stammt aus der Renaissance und dem Barock und wurde später romantisiert.

Bauen mit Denkmalschutz

Wo so viel Geschichte eingemauert ist, da lauert auch der Denkmalschutz. "Natürlich kann man bei so einem Bauwerksensemble nicht einfach drauflosplanen und losbauen wie einem herkömmlichen Altbau", meint Reiter. "Doch die Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt war sehr gut. Ich denke, es liegt im Interesse aller Beteiligten, dass man so einem alten Anwesen mit allen Mitteln gerecht wird."

Die bestehenden Gebäude wurden trockengelegt, eingemauerte Stahlteile aus der Vergangenheit, die sich als ungünstige Wärmebrücken erwiesen, mussten entfernt werden, Fensteröffnungen wurden, wo es nötig war, gemäß den Denkmalschutzbestimmungen vergrößert. Und auf dem alten Dachboden über den Kuhställen wandern heute fette Lüftungsrohre am Gebälk vorbei.

"Wir haben uns auch nach klassischen Industriehallen aus Backstein umgesehen, so wie man das aus Industriekitsch-Handbüchern kennt", erinnert sich Geschäftsführer Till Reiter zurück. "Aber erstens riechen die alten Fabrikhallen für unseren Geschmack zu sehr nach Blutschweiß, und zweitens sind die Produktionsabläufe in solchen alten Stallungen für unsere Form des Betriebs einfach praktischer."

Doch keine Pferdemistheizung

Ergänzt wurden die Altbauten durch einen neuen, rund 300 Quadratmeter großen Verbindungsgang in Holzleichtbauweise. Der schlichte Vorbau aus Leimbindern und Sandwich-Elementen dient zugleich als Lager für Leder und andere Rohstoffe. Unter dem Betonfundament werden die Versorgungsleitungen für den Altbau geführt. Reiter: "Ohne den Gang wäre die Produktion für uns nicht zumutbar gewesen."

Beheizt wird die Schuhmanufaktur mit einer herkömmlichen Gasetagenheizung. Die Temperierung mit Erdwärme wäre für derart dicke Gemäuer nach Auskunft von Technikern zu träge gewesen. Und die favorisierte Pferdemistheizung erwies sich letzten Endes als unwirtschaftlich. "Es gibt zwar einen Reiterhof, der ganz in der Nähe ist, und die Menge an Pferdemist hätte auch für unser Objekt gereicht", erklärt der Architekt, "aber dafür bräuchte man riesige Manipulationsflächen und eigenes Personal. Außerdem wäre die Feinstaubbelastung bei dieser Methode zu hoch gewesen. Die Gemeinde Wien hat uns davon abgeraten."

Ambiente und tadelloses Raumklima

Die neue Manufaktur für die Schuhe mit den berittenen Pferdchen auf der Sohle verschlang mitsamt Umbau rund sieben Millionen Euro. Es gäbe zwar auch billigere Standorte, so Reiter, doch dafür erhalte man hier auch jede Menge Ambiente. Und das Raumklima stimmt auch.

Pläne für die Zukunft? Die drei Brüder sind sich einig: "Die wichtigsten Pläne haben wir gerade umgesetzt. Jetzt haben wir endlich einen Standort, der unserem Produkt gerecht wird." Vor wenigen Tagen wurde die Baustelle, die bei laufendem Betrieb abgewickelt werden musste, beendet. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.6.2011)

Kommentar posten
20 Postings
hast1
00
24.6.2011, 02:46
wie vergrößert man

fensteröffnungen denkmalschutzgerecht?

GTV916
 
00
22.6.2011, 13:18
Es gibt natürlich immer...

Leute, für die das Beste nicht gut genug ist und - die Qualität über den Preis definieren (selbstverständlich !). Aber gerade in Wien gibt's auch preiswertere Alternativen, um den Preis gibt's mitunter auch schon Maßarbeit (wenn man das unbedingt braucht). Fragen sie einmal den Schuhmacher ihres Vertrauens (in Wien ist dieses Gewerbe ja noch am Leben (?)), was er davon hält. Ja, die sind schon gut - aber der Preis ? Meines Erachtens liegt die Erfolgsstory eher im konsequenten Vermarkten des "Retroschmähs".

Grantscherben
00
22.6.2011, 13:18

Bevor man für einen Ludwig-Reiter Schuh mit den unpassenden Leisten 450/500 Euro ausgibt spart man sich ca. 100 Euro und kauft sich gleich einen Crockett & Jones.

oblomow II
00
22.6.2011, 17:09
da geb ...

... ich Ihnen recht

oblomow II
00
22.6.2011, 10:26
schwankende qualität

... ich besitze 4 paar reiter.
3 davon sind wirklich gut. vergleichbar mit englischen benchmades.
mit einem davon hab ich weniger freude. nach ca 5 jahren begannen sie zu knarzen und zu quietschen. ich vermute, dass sich die gelenksfeder (nennt man die verbindung zwischen absatz und vordersohle so?) gelockert hat.
ich habe gehört, dass das ca auch der qualitätseindruck anderer ist.
75% ist für mich leider nur befriedigend ...

supa
00
21.6.2011, 09:18
ich hoffe die bekommen nun die qualität wieder in den griff

war leider in der letzten Zeit alles andere als sehr gut

ist das eigentlich nur die showproduktion - werden nicht die größten mengen eh in ungarn hergestellt?

oblomow II
00
22.6.2011, 10:30
ungarn muss nicht schlecht sein ...

... mit meinen vass bin ich sehr zufrieden.

Solemnly Somnambulating Soliloquist
30
20.6.2011, 21:26
gerade das möchte der träger handegemachter schuhe nicht

pseudomoderne wegwerfmarketingarchitektur.

diese holzkiste ist alles andere als elegant und erinnert an eine ökoaussteigerschrebergartenhütte.

architekten sind heutzutage eine nutzlose plage.

zum glück habe ich meine letzten kalbslederschuhe nicht bei reiter gekauft.

c c
00
21.6.2011, 10:55

"pseudomoderne wegwerfmarketingarchitektur......... erinnert an eine ökoaussteigerschrebergartenhütte"

ähhh.
sie erkennen eventuell einen gewissen widerspruch in ihren bemühten wortschöpfungen.
das ist halt oft das problem am InternetTouretteSyndrom. (und das ist nicht meine wortschöpfung). man weiß am ende des absatzes meist nicht mehr, worüber man sich am anfang zu ereifern begonnen hat.

Adolf Ogi
00
20.6.2011, 20:11
na bumm

15 Millionen durch 30 Tausend ergibt 500 Euro, pro Paar Schuhe, und das Großhandelspreis ab Werk.

stefan1981
00
20.6.2011, 22:05

falls sie noch keine haben, legen sie sich welche zu! die sind jeden cent wert!

Adolf Ogi
00
20.6.2011, 22:11
glaub ich gern

kann es mir aber nicht leisten

Handsome Bob
00
21.6.2011, 09:43

statt einmal alle 1 bis 3 Jahre bei Humanic und Konsorten einen 100er für billig geklebte Schuhe made in wosbilligis zu ergattern halten die schuhe für 500 entsprechend länger. bei guter pflege sind 15 jahre eine untergrenze. so gesehen sind diese teuren schuhe auch auf diesen zeitraum gerechnet wesentlich billiger

Eiffel LaTour
00
20.6.2011, 18:15
Es ist schön,

dass es traditionsreiche Unternehmen wie Ludwig Reiter und Knize in Österreich gibt! Beide zählen international zu hoch anerkannten Modehäusern und ich bin mir sicher, dass das auch so bleibt.

Der neue Unternehmenssitz sieht toll aus!

ciao4zampe
 
00
20.6.2011, 12:37
richtig. btw: auch dieses sehr schöne haus aus der "vorstadt" wird ehebaldigst abgerissen: so ab ende juli... :-\

.

bild nr.3(insgesamt 9)
http://regionaut.meinbezirk.at/wien-13-h... 44240.html

petitionen dagegen
waren erfolglos...

http://regionaut.meinbezirk.at/wien-13-h... /lastpage/
schiele starb auf nr.114

doch wenn bezirksvorsteher zum grätzel in baulicher präsentation
a) nicht aus 1.hand abrissbescheide kennen
b) sowas schleifen lassen

c) hietzinger mögen an gasthof spiller denken...

so stellt sich die frage ob bezirksvorsteher
d) mit bezirks"v o r s t e h u n g" zum thema

ortverschandelung

ja dazu:
sich fachlich eignen :-\

David-Lauritz
11
20.6.2011, 00:17
Wo gibt es in Wien rigorose Denkmalschutzbestimmungen?

In keiner europäischen Stadt ist der Denkmalschutz so zahm als wie in Wien: Zerstörung von Gründerzeitfassaden im 1. Bezirk durch Schaufenster, Chipperfield-Komplexbau in der Kärtnerstr, Dachausbauten, Augartenspitz, ....). Prag zieht heut mehr Touristen an als Wien. Denkmalschutz für Gründerzeitbauten braucht mehr Gewicht.

Klinge Ling
00
20.6.2011, 11:28

Sie haben zwar recht, dass der Denkmalschutz ziemlich lahm ist in Wien, viele Dächer und Fassaden schleichend zerstört werden und daneben auch noch mit Werbeschildern zugekleistert werden - aber der Chipperfield Bau ist konservatorisch absolut in Ordnung. An dessen Stelle standen zuvor hässliche 50er Jahre Bauten, die seit Bau wohl auch nicht mehr besonders gepflegt wurden und vor allen Dingen nicht schützenswert waren.

Wien ist kein Disneyland, deshalb sollte an Stellen, an denen nichts erhalten wurde auch kein künstlicher Altbau aufgebaut werden. Wenn allerdings Gründerzeitbauten abgerissen werden oder die Sockelzonen zerstört, sollte es viel häufiger einen Aufschrei in der Stadt geben!

WJM
00
20.6.2011, 14:19

Der Bau ist zu voluminös für die Kärntnerstrasse, da gibt es kein so breites Haus. Der Bau wirkt wie ein uniformer gelber riesiger Fleck in der kleinteilig vertikal gegliederten Häuserlandschaft

Georg Kulm
00
19.6.2011, 22:30
Ein rundum erfreulicher Bericht

Hoffentlich haben sie auch nachhaltig wirtschaftlichen Erfolg. Ich hoffe, die haben für den eh schon nötigen Schuhkauf passende Treter für mich.

Der junge Jim Kirk
00
20.6.2011, 18:15

Gehns zum Maßschuhmacher ihrer Wahl und sie haben für etwas mehr geld viel mehr Schuh.
Keine Pappendeckel Hinterkappen z.b. die durch den natürlichen Fußschweiß in kürzester Zeit zerbröseln.

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