"Wir müssen jetzt tapfer sein"

19. Juni 2011, 17:16
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Auf ihrem Parteitag beschwor die FPÖ - das Kanzleramt vor Augen - wieder die alten blauen Werte: Treue, Ehre, Vaterland - Politologe Anton Pelinka glaubt, die ÖVP öffne bereits eine Tür zu den Blauen

Graz - Totenkerzen flackern auf den Delegiertentischen, im abgedunkelten Saal knistert aus den Lautsprecherboxen eine uralte Schallplattenversion der Soldatenhymne "Ich hatte einen Kameraden". Der Parteichef spricht salbungsvolle Worte über verstorbenen Parteifreunde.

Eine außergewöhnlich lang zelebrierte Totenandacht, die den FPÖ-Parteitag am Wochenende in Graz einleitete. Aber es war ein atmosphärisch stimmiges Seelenbild dieser FPÖ unter ihrem Parteichef Heinz-Christian Strache, der von den rund 600 Delegierten mit 94,4 Prozent wiedergewählt wurde. Diese im Totengedenken mitschwingende Verklärung soldatischen Solidaritätsgeistes - Kampfbereitschaft, Treue, Ehre - entspricht der Gefühlslage der Partei, die im Lichte jüngster Umfragen das Kanzleramt vor Augen hat. "Wir müssen jetzt tapfer sein", schwor Straches Stellvertreterin Barbara Rosenkranz die Parteigetreuen ein. "Wir sind die letzte rot-weiß-rote Zukunftshoffnung", überschlug es sich beim Parteichef. Von einem "Stahlbad", das die Freiheitlichen durchwandern, war die Rede, wie von der "Zeitenwende in Österreich".

Wohin die politische Reise ins Blaue mit einem "Kanzler HC" führen würde, da bleibt Strache vage und in Anti-EU- und Griechenland-Floskeln hängen. Deutlicher wird sein neuer Stellvertreter Johann Gudenus: "Österreich gehört uns Österreichern und sonst niemanden auf der Welt. Diese Zuwanderungsgeilheit gehört abgeschafft. Wir werden diesem Spuk ein Ende bereiten. Hier wird Deutsch gesprochen." Wenn Strache vor ihm hüpfende Schuhplattler als "unsere Kultur, die lebt und die Zukunft hat", preist, führt Kultursprecherin Heidemarie Unterreiner aus, was er meint: "Bewahren unserer Identität, Heimat, Vaterland, Treue. Das ist das, was eine Gemeinschaft braucht."

Der Politologe Anton Pelinka, der die FPÖ seit Jahrzehnten wissenschaftlich kritisch begleitet, ortet keinen Unterschied zwischen Straches FPÖ und der FPÖ unter Jörg Haider. Pelinka im Gespräch mit dem STANDARD: "Die FPÖ ist auch heute das, was sie immer war: die Partei des deutschnationalen Lagers." Die Rekrutierung der Parteielite komme aus dem Kern der Corpsstudenten und Deutschnationalen - "eine grobe Diskrepanz zu den breit aufgestellten Wählerschichten, die die FPÖ wieder nach oben brachte".

Politisches Sprengpotenzial

Um diesen Aufstieg zu bremsen werde es für die rot-schwarze Regierungskoalition nicht genügen, "immer nur ängstlich zu schauen, was morgen in der Kronen Zeitung steht und was am Wochenende in den Umfragen". Pelinka: "Entweder ist die große Koalition in der Lage, ihre Ängstlichkeit zu überwinden, oder die FPÖ wird sich in Richtung 30 Prozent und relativ stärkster Partei bewegen."

Die ÖVP mache bereits die Tür zur FPÖ auf. Pelinka: "Diese unglaubliche Türkei-Beschimpfung Michael Spindeleggers war für einen Außenminister und Vizekanzler äußerst peinlich. Ich habe mich fast ein bissl geniert." Innenpolitisch strategisch könne man dies aber als Signal an die Freiheitlichen werten.

In der Erstarkung der FPÖ liege jedenfalls viel politisches Sprengpotenzial für die Koalition. (Walter Müller, STANDARD-Printausgabe, 20.6.2011)

  • Aufrechte Österreicher in der Krachledernen - bevorzugt in 
Schuhplattler-Ausführung. Für FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache ist das 
"unsere Kultur, die lebt und die Zukunft hat".
    foto: standard/daniel novotny

    Aufrechte Österreicher in der Krachledernen - bevorzugt in Schuhplattler-Ausführung. Für FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache ist das "unsere Kultur, die lebt und die Zukunft hat".

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