Rapid hat einen Weg gefunden, den "deutschen" Meistertitel in die Vereinsgeschichte zu integrieren: Ehrlichkeit. Am Mittwoch wird über dunkle Seite des Lichts debattiert
Wien - Die Austria feierte am vergangenen Freitag ihren 100.
Geburts-,
wenn auch nicht Namenstag. Und nichts daran war, wie viele es befürchtet
hatten, peinlich. Im Gegenteil. Es war, wie ein Geburtstagsfest sein
sollte: eine ordentliche Hetz. Am kommenden Mittwoch stellt sich Rapid
der Unausweichlichkeit, der 70. Wiederkehr des deutschen Meistertitels
zu gedenken. Und nichts daran wird peinlich gewesen sein. Ganz im
Gegenteil. Es wird sein, wie man sich den österreichischen Fußball
zuweilen wünscht: ein wenig nachdenklicher, als es der Eindruck ist, den
er erweckt.
Geschnallt
Rudolf Edlinger, der rote grünweiße Präsident, darf es sich
anrechnen,
die Idee der beiden Politikwissenschafter Jakob Rosenberg und Georg
Spitaler aufgegriffen zu haben, gemeinsam mit dem Dokumentationsarchiv
des österreichischen Widerstandes die Rapid während der Jahre 1938 bis
1945 unter die Lupe zu nehmen. Weil nur so nämlich - es ist Rapid hoch
anzurechnen, es geschnallt zu haben - der legendäre deutsche
Meistertitel in die Vereinsgeschichte integriert werden kann. Und
überhaupt. Darüber wird am Mittwoch in St. Hanappi einen ganzen Tag lang
geredet werden. Immerhin schwebt über dem sportlichen Highlight - das
genau ist es nämlich - ein ungeheures Menetekel. Am 22. Juni 1941 - am
Mittwoch vor 70 Jahren also - begann das sogenannte Unternehmen
Barbarossa, der "Russlandfeldzug", die ultimative Eskalationsstufe des
Krieges, in der es dann nur noch um die physische Vernichtung ging.
Klar also, dass Rapid sich immer schwer getan hat, den am selben Tag
errungenen Sieg stolz in die Auslage zu stellen. Verdient hätte er es
sich. Immerhin ging es im Berliner Olympiastadion gegen Schalke. Und
Schalke war damals jener Kreisel, den die Wiener Schule zum
schwindligmachenden Ringelspiel verfeinert hatte. Eppenhof, Kuzorra,
Szepan: 3:0 stand es bis zur 61. Minute. So weit also alles im
erwartbaren Bereich.
Was dann freilich folgte, eignet sich wahrlich zur Legende, wäre es
an
einem anderen Tag passiert. 61. Minute: Franz "Bimbo" Binder zu Georg
Schors - 3:1. 62. Minute: Freistoß Binder - 3:2. 65. Minute: Foul an
Schors, Elfmeter, Binder - 3:3. Und dann die 76. Minute: Freistoß aus 35
Metern, wieder Binder - 3:4. Der Gelsenkirchner Radioreporter Theodor
Krein war fassungslos: "In einer Viertelstunde (sic!) ist Schalke
vom
sicher gewähnten Sieger zum Verlierer geworden, zerriss die geballte
Kraft den kunstvollen Organismus der Blauweißen."
Solches Gegnerlob wäre ein Schmuckstück in jeder Vereinsgeschichte.
Freilich ist da eben auch dieser Tag, sind diese Umstände, ist vor allem
auch dieses Österreich, das so lange nichts wissen wollte von alldem.
Nach Rapids Meistertitel war es aus mit den sportlichen Rücksichten.
Auch Kicker rückten nun ein. "Bimbo" Binder, der Hattricker aus Berlin,
kam zur 2. Wiener Panzer Division. Die wurde, während Binders Blinddarm
sich zu seinem Glück entzündete, ein Teil der 6. Armee, die straks nach
Stalingrad zog. Es war der Herbst 1942. Im Februar 1943 hielt dieser
Goebbels dann seine berüchtigte Sportpalastrede über den "totalen
Krieg", die vor allem eines ankündigte: das Überschreiten auch der
letzten Hemmschwellen.
Solche wieder zu errichten ist eine Aufgabe, der sich der Fußball
endlich annimmt. Rapid eh schon seit längerem. Und wenn so was getan
wird, dann darf man auch mit einigem Recht stolz daran erinnern, einmal
"deutscher" Meister gewesen zu sein.
Denn sportlich ist schon auch bis heute klar: Schalke war - gerade
damals - keine Nudeltruppe. Sondern ganz im Gegenteil.(Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe, 20.6.2011)