Wenn Afrikaner echte Österreicher werden

18. Juni 2011, 16:59
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"Wir sind hier, um zu bleiben", sagen die Verfasserinnen des "Lageberichts über schwarze Menschen in Österreich"

„We are here to stay" (wir sind hier, um zu bleiben) schreiben die VerfasserInnen des zweiten „Lageberichts über schwarze Menschen in Österreich". Dieses Bekenntnis zu Österreich - und wohl auch der Umstand der eigenen „Betroffenheit" - schärfen die Optik beträchtlich. Während sich das offizielle Österreich samt Neo-Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz in integrationspolitischen Absichtserklärungen übt, während vielen Österreichern beim Wort „Afrikaner" weiterhin vor allem „Polizei" und „Drogen" einfällt, stellen die Lagebericht-AutorInnen relevante Probleme und erkenntnisfördernde Zusammenhänge dar. 

So etwa die Sache mit der Sonderschule: Im „Lagebericht" werden statistische Vergleiche angestellt wonach in Österreich fünf Prozent aller somalischen und vier Prozent aller nigerianischen Kinder zwischen 6 und 15 Jahren in diesem Schultyp landen. Das ist ein gleich hoher Anteil wie bei serbischen, montenegrinischen und türkischen Schülern (beide vier Prozent). Doch nur ein Prozent aller österreichischen Kinder kommt dorthin. 

Behindert?

Die Sonderschule bietet „besondere sonderpädagogische Förderung" an, um „physische oder psychischer Handicaps oder körperlicher Behinderungen" wettzumachen. Sind mehr schwarze als österreichische Kinder „physisch, psychisch oder körperlich" behindert? Sicher nicht. Also muss die Entscheidung, viermal mehr schwarze als österreichische Kinder von klein auf zu Problemfällen zu stempeln, in innerschulischen Fehlern wurzeln. Vielleicht , weil LehrerInnen, MitschülerInnen, andere Eltern mit ihnen Probleme haben? Vielleicht, weil die Lehrpläne nicht für alle passen? Oder liegt es am vielzitierten Spracherwerb?
Fragen über Fragen. Ihre Beantwortung erschiene dringlich, zumal in einer von Migration immer stärker geprägten Gesellschaft, die eigentlich vermehrt auf Bildung setzen sollte (aber das nicht schafft). Das offizielle Österreich hat sie bisher nicht gestellt. Dabei stünden die Schulstatistik-Rohdaten auch allen relevanten Politikern zu Verfügung.

Exotisch?

Oder auch die Sache mit der „Fremdheit". Dass schwarze Menschen den ÖsterreicherInnen unbekannt, exotisch, ja zum Teil gefährlich vorkommen, wird meist unhinterfragt vorausgesetzt. Vielleicht, dass noch nach Mitteln und Wegen gesucht wird, um mit diesen „Gegebenheiten" besser umgehen zu können. Die Zuschreibungen selbst jedoch bleiben unangetastet.
Doch woher kommen sie? Was führte zu diesen Einschätzungen und Vorurteilen? War's immer so - oder vielleicht nicht? Gab es Schwarze hierzulande vielleicht schon in der Vergangenheit? Fragen über Fragen - ein Aufsatz des -weißen - Historikers Walter Sauer im „Lagebericht" beantwortet sie in großen Zügen: Die Anwesenheit Schwarzer begleite die österreichische Geschichte seit vielen Jahrhunderten. Der abschätzige Blick auf Menschen mit dunkler Hautfarbe habe sich erst im 19. Und 20. Jahrhundert voll durchgesetzt, schreibt er. 

Immer erkennbar

Solches Wissen müsste öffentlicher gemacht werden. Denn der Großteil schwarzer Menschen in Österreich sieht dieses Land als ihr Land an. Aber so sehr sie sich auch „integrieren", sichtbar bleiben werden sie. Und mit ihnen Vorurteile und Ungleichbehandlung, solange diese nicht offiziell angesprochen und in Frage gestellt werden.

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    Fremd? Keineswegs: AfrikanerInnen in Österreich

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