Manchmal sind mir die Regenbogenfarben zu viel

17. Juni 2011, 19:55
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Christian Högl, Veranstalter der Wiener Regenbogenparade, wohnt ziemlich bunt im zweiten Wiener Gemeindebezirk

Christian Högl, Veranstalter der heutigen Wiener Regenbogenparade, wohnt ziemlich bunt. Doch wie Wojciech Czaja erfuhr, will er seinen Wohnbereich demnächst umgestalten. 

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"Ich habe davor schon hier im zweiten Bezirk in Wien gewohnt, und ich mag diese Gegend sehr. Mit der U-Bahn bin ich in ein paar Minuten am Stephansplatz, zu Fuß brauche ich, wenn ich mich beeile, vielleicht 30 Minuten. Das ist super. Ein besonderes Highlight ist für mich die Donau. Da geh ich regelmäßig joggen, um auch ein bissl was für meinen Körper zu tun.

Außerdem hab ich noch den ganz neuen Rudolf-Bednar-Park vor der Haustür. So viel ich weiß, hat der Park schon ein paar Architekturpreise eingeheimst, aber ich denke, das ist vorerst noch kein Park, sondern eine leere grüne Wiese mit ein paar dünnen Bäumchen. Es ist ein einziger großer Baum stehengeblieben. Bis das ein richtiger Park wird? Das wird noch Jahrzehnte brauchen!

Ich wohne hier in diesem Haus seit 1999. Ich bin im achten Stock, und paar Mal in der Woche fahre ich nicht mit dem Lift, sondern geh zu Fuß hinauf, um fit zu bleiben. Wozu ein Cross-Stepper, wenn man auch Stiegen steigen kann! Der Ausblick ist das beste an dieser Wohnung. Das Fenster im Wohnzimmer reicht bis zum Boden, ich sehe hinunter auf eine alte, denkmalgeschützte Straßenbahnremise, auf eine Allee voller Bäume, auf die Reichsbrücke und natürlich auf die Kirche am Mexikoplatz. Die Kirche sieht so verträumt aus, ich sage immer 'mein Schloss' dazu.

Ich bin ziemlich bunt eingerichtet. Die Wände sind ziegelrot und gelb gestrichen, die Couch, die für diesen Raum wahrscheinlich viel zu groß dimensioniert ist, macht einen etwas marokkanischen Eindruck, und ich habe viele bunte Bilder und Posters an der Wand. Ich glaub, da entspreche ich wohl dem klassischen schwulen Klischee. Aber gleichzeitig muss ich zugeben, dass mir die vielen Regenbogenfarben manchmal schon zu viel sind.

Ich habe nie ein Einrichtungskonzept für diese Wohnung gemacht. Das merkt man wohl. Eigentlich ist das eine Schande, denn ich bin hauptberuflich Grafiker, ich setze mich tagtäglich mit Gestaltung auseinander und habe ein ästhetisch geschultes Auge im Print- und Webbereich. Zu Hause in den eigenen vier Wänden habe ich diese Gabe leider noch nicht ganz so überzeugend eingesetzt. Ich will jetzt endlich einen Tapetenwechsel. Höchste Zeit!

Wie ich's gern hätte? Ich stelle mir die Wohnung dezent und zurückhaltend vor, also weiß, grau und schwarz, mit ein paar kräftigen Farbakzenten. Aber trotzdem will ich's nicht steril haben. Ich hab schon zu viele überdesignte und zu Tode gestaltete Wohnungen in Weiß und Grau gesehen, die alle keine Seele haben. Gemütlichkeit ist mir am Ende dann doch wichtig. Ich brauch mein Eck zum Knotzen.

Am liebsten hätte ich gern so ein richtig üppiges, knallbuntes Samtsofa von Bretz. Ich finde die Formen sehr innovativ, und irgendwie schauen die Möbel nicht aus wie 08/15-Sofas, die man in jedem Einrichtungshaus bekommt. Und meine Bücher würde ich gerne in einem Kasten verschließen. Erstens sind mir die vielen bunten Buchrücken zu unruhig, zweitens ist das Ausstellen der Bücher in einem offenen Regal heute eh nicht mehr en vogue. Der Trend geht hin zu Einfachheit und Schlichtheit.

Und: Natürlich habe ich auf meiner Eingangstür einen kleinen Regenbogenaufkleber. Das gehört zu meiner Identität. Aber ich habe den Eindruck, dass man in Wien früher viel mehr Regenbogenfahnen aus den Fenstern und von Balkonen hängen gesehen hat als heute. Auch ich habe damals eine Fahne auf dem Balkon gehabt. Das war immer eine Art Zeichen zu sagen: 'Seht her, ich bin schwul! Seht her, ich bin lesbisch!' Irgendwie finde ich schade, dass das zurückgegangen ist. Doch es zeigt auch, dass das Thema in der Gesellschaft selbstverständlicher geworden ist." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.6.2011)

CHRISTIAN HÖGL, geboren 1970 in Wien, studierte Informatik und absolvierte einen Lehrgang für Produktions- und Drucktechnik an der HTL in Wien. Seit 2001 ist er als freischaffender Grafiker tätig.

Seit 1996 ist Högl Obmann der Homosexuellen Initiative (Hosi) Wien, von Österreichs ältestem Lesben- und Schwulenverein. Vor einem Jahr eröffnete er das neue Vereinszentrum Gugg in der Heumühlgasse 14 in 1040 Wien. Die Hosi veranstaltet alljährlich die Wiener Regenbogenparade, die heute, Samstag, zum 16. Mal stattfindet. Start: 15 Uhr am Schottenring. Offizielle Schlusskundgebung: 19 Uhr am Rathausplatz.

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www.hosiwien.at

  • Christian Högl, Obmann der Homosexuellen Inititiave (Hosi) Wien, in seinem Wohnzimmer in der Leopoldstadt: "Ich brauch mein Eck zum Knotzen."
(Foto: Lisi Specht)
    foto: lisi specht

    Christian Högl, Obmann der Homosexuellen Inititiave (Hosi) Wien, in seinem Wohnzimmer in der Leopoldstadt: "Ich brauch mein Eck zum Knotzen."

    (Foto: Lisi Specht)

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