Hohe Nahrungspreise gefährden Stabilität

17. Juni 2011, 19:12
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Steigende Lebensmittelpreise bei gleichzeitig starken Schwankungen auf den Rohstoffmärkten prognostiziert ein neuer Bericht zur Ernährungslage

Dies könne, so die Experten, zu noch mehr Instabilität führen.

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Paris/Wien - Schon lange warnen internationale Organisationen vor den Folgen steigender Nahrungsmittelpreise. So auch in dem "Landwirtschaftsausblick 2011 bis 2020", den OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und FAO, die UN-Nahrungsmittelorganisation, am Freitag in Paris vorgestellt haben.

Gestiegene Rohstoffpreise führen in vielen Ländern zu einer höheren Inflation bei Lebensmitteln. Während in den reichen Ländern mit einer solchen Entwicklung mehr oder weniger gut umgegangen werden kann, ist sie für arme Länder desaströs. In Entwicklungsländern besteht Gefahr für wirtschaftliche Stabilität und Ernährungssicherheit, so die Autoren des Berichts.

Preisspirale nach oben

Es sind ein ganzes Bündel von Gründen, weshalb die Durchschnittspreise im kommenden Jahrzehnt stetig hinauf klettern: Höhere Energiepreise sowie Futtermittelkosten führen zu höheren Erzeugerkosten und setzen damit eine Preisspirale nach oben in Gang. Die Nachfrage nach Nahrungs- und Futtermittel steigt mit wachsendem Wohlstand, etwa in Schwellenländern. Immer mehr Grundnahrungsmittel wandern in Biokraftstoffen. Der FAO/OECD-Prognose zufolge werden bis zum Jahr 2020 etwa 13 Prozent des Getreides, 15 Prozent der pflanzlichen Öle und 30 Prozent der gesamten Zuckerrohrproduktion in die Herstellung von Kraftstoffen wandern. Marita Wiggerthale von der Entwicklungshilfsorganisation Oxfam sieht deshalb den Ausstieg aus der Agrarsprit-Produktion als eine der wichtigsten Möglichkeiten, mit dem Lebensmittel-Engpässen gegengesteuert werden können: "Ohne Biosprit gäbe es weltweit Maisüberschüsse."

Sie glaubt jedoch nicht an eine schnelle Verbesserung der Situation. Das G-20-Agrarministertreffen in der kommenden Woche in Paris drohe eine "echte Bruchlandung" zu werden, so Wiggerthale. Laut den ersten Arbeitsdokumenten ignorierten die Minister die Empfehlungen internationalen Organisationen, die Biospritförderung abzubauen.

Mehr Investitionen nötig

Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung sehen OECD und FAO eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität als unbedingt notwendig an. Wird nicht koordiniert vorgegangen, wird die weltweite landwirtschaftliche Produktion langsamer wachsen als in den vergangenen zehn Jahren. Insbesondere in den Ländern der Subsahara wächst die Bevölkerung schon jetzt schneller als die agrarische Produktion.

Auch der Fischereisektor, der erstmals in den Agrarbericht einbezogen wurde, wird bis 2020 um jährlich 1,3 Prozent wachsen. Dies ist weniger als in den vergangenen zehn Jahren. Schuld an der Entwicklung sind geringere Zunahmen bei der Aquakultur (2,8 Prozent plus gegenüber 5,6 Prozent in den Jahren 2001 bis 2010). Dies wird mit einer gewissen Marktdurchdringung erklärt, die in den nächsten Jahren erreicht wird: "Bis 2015 wird die Aquakultur den Wildfang als wichtigste Fischquelle für den menschlichen Verzehr überholen. Bis zum Jahr 2020 dürfte sie etwa 45 Prozent der gesamten Fischereiproduktion ausmachen", heißt es in dem Bericht.

Als eines Herausforderung wird die "Reduzierung politikbedingter Verzerrungen" gesehen - wie Nahrungsmittelspekulation, Handelshemmnisse und Agrarsubventionen in dem Bericht diplomatisch umschrieben werden. OECD-Generalsekretär Ángel Gurría forderte, "Information und Transparenz nicht nur bei den Finanz-, sondern auch bei den Rohstoffmärkten anzustreben. Oxfam-Expertin Wiggerthale kritisiert, dass "Eindämmung von Agrarspekulation allein den Finanzministern überlassen wird". (ruz, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.6.2011)

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