Wozu dann überhaupt noch Noten?

Kommentar der anderen17. Juni 2011, 18:55
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Der rot-schwarze Entwurf, der es Schülern ermöglichen soll, mit drei "Nicht genügend" aufzusteigen, aus Sicht eines AHS-Lehrers

Wäre es vorstellbar, in Österreich eine radikale Reform im Gesundheitswesen durchzuführen, ohne die Vertreter der Ärzteschaft nach ihrer Meinung zu fragen und in Verhandlungen einzubeziehen? Natürlich, warum denn nicht? Wenn es um Medizin geht, kennen sich die Politiker ohnehin gut aus; schließlich war jeder schon einmal krank ...

Was bei jedem anderen Thema wie ein schlechter Witz klingt, findet im Bereich Bildung tatsächlich statt. Das Ministerium beschließt, dass man in Hinkunft mit bis zu drei "Nicht genügend" aufsteigen kann; die Argumente lauten "Verlust an Lebenszeit", "volkswirtschaftliches Interesse", "soziale Kontakte". Die Begriffe "pädagogisch" oder "Bildung" kommen auch in der Online-Langversion des Interviews mit der Ministerin nicht vor.

Gefahr der "Langeweile"?

Wer sich dem Thema kompetent nähern wollte, würde zunächst einmal untersuchen, warum Schüler negativ abschließen und wie man diesen sehr unterschiedlichen Schülergruppen helfen kann. In Medienberichten ist im Zusammenhang mit "Sitzenbleiben" stets von Schülern die Rede, die auf Grund einer negativen Note ein ganzes Jahr wiederholen müssen und sich dann in allen anderen Gegenständen langweilen. Natürlich gibt es diese Schüler mit Teilleistungsschwächen (meist in Mathematik) auch. Genau für sie existiert (bereits seit vielen Jahren) auch die sogenannte "Aufstiegsklausel", mit deren Hilfe solche Schüler in die nächste Klasse aufsteigen können und quasi ein Jahr Zeit haben, das Versäumte nachzuholen. Sogar wer am Ende des Schuljahres in zwei Gegenständen negativ ist, kann durch eine erfolgreiche Wiederholungsprüfung im Herbst diese Regelung im zweiten Gegenstand in Anspruch nehmen.

Die Schüler, die dann tatsächlich eine Klasse wiederholen müssen, fallen in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle aber nicht in diese Kategorie. Vielmehr haben die meisten Repetenten in der Oberstufe neben ihren zwei (oder mehr) "Nicht genügend" noch zahlreiche (oft knapp errungene oder halb "geschenkte") Vierer, sodass den wenigsten alles, was sie beim Wiederholen hören, bereits längst bekannt sein dürfte. Die Gefahr der "Langeweile" hält sich also in Grenzen.

Das Absurdeste an der geplanten Neuregelung, dass negative Noten im Grunde wirkungslos sind, ist aber wohl der Zeitpunkt ihrer Einführung. Ab 2014 gibt es in Österreich bekanntlich flächendeckend die zentrale Reifeprüfung, sodass ein etwaiges "Durchtragen" durch die Matura (etwa in Form intensiven Übens der Aufgaben im Vorhinein) nicht mehr so leicht möglich sein wird. Auch die Lehrer werden die Prüfungsaufgaben erst sehen, wenn sie zu Beginn der Prüfung dem versiegelten Kuvert entnommen werden. Wenn dann reihenweise Kandidaten antreten, die - speziell in den zentral erstellten Prüfungsgebieten, also Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen - seit Jahren zahlreiche "Nicht genügend" angesammelt haben und dann im letzten Moment irgendwie (beim vierten Antreten?) für positiv erklärt wurden, lässt sich vermuten, dass die geforderten Kompetenzen nicht wirklich vorhanden sind.

Matura bedeutungslos?

Als Folge sind zwei Szenarien vorstellbar: Entweder es gibt eine sehr hohe Misserfolgsquote bei der Reifeprüfung. (Was geschieht eigentlich mit einem "Nicht genügend" bei der Matura, Frau Ministerin? Kann man sich das dann bis zum Ende des 1. Studienabschnitts auf der Uni ausbessern?) Da aber unwahrscheinlich ist, dass das Ministerium dieses Risiko eingehen wird, bleibt als Lösung nur, das Niveau bei der Reifeprüfung allgemein so weit herunterzuschrauben, dass in Hinkunft auch Schüler für "reif" erklärt werden können, die seit Jahren keine positive Note mehr geschafft haben.

Erste Probeläufe etwa im Bereich Mathematik zeigen bereits, dass es in diese Richtung gehen wird. Die Matura wäre somit bedeutungslos. Das hätte zur Folge, dass das Problem an die Universitäten ausgelagert wird. Für die würde sich dann das aufdrängen, was es in zahlreichen anderen, völlig unterschiedlich gearteten Bildungssystemen auf der ganzen Welt (USA, Türkei usw.) bereits gibt: zusätzliche Tests, die, bevor es um Eignungstests für einzelne Fächer geht, zunächst einmal die allgemeine Studierfähigkeit der jungen Menschen überprüfen.

Übrigens: Für solche Tests bereiten sich die "Maturanten" üblicherweise in privaten Instituten und teuren Nachhilfekursen vor. Von welcher Partei kommt die Unterrichtsministerin schnell noch einmal? Beim Thema Schule kennen sich Politiker halt wirklich gut aus. Schließlich sind sie alle einmal in die Schule gegangen ... (Kommentar der anderen, Christian Goldstern, STANDARD-Printausgabe, 18./19.6.2011)

CHRISTIAN GOLDSTERN ist Englisch-Lehrer an einer Wiener AHS.

  • Sollte das Modulsystem nicht auch für Politiker gelten? - Ein 
Protestgeschenk der Grünen aus dem Vorjahr, das der reformkritische 
Kommentar-Autor aus gegebenem Anlass auch gerne der Löwelstraße zukommen
 lassen würde.
    foto: standard/urban

    Sollte das Modulsystem nicht auch für Politiker gelten? - Ein Protestgeschenk der Grünen aus dem Vorjahr, das der reformkritische Kommentar-Autor aus gegebenem Anlass auch gerne der Löwelstraße zukommen lassen würde.

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