"Es war ein Zeitalter der Verluste"

17. Juni 2011, 18:42
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Die Schriftstellerin Ruth Klüger, kürzlich mit dem Theodor-Kramer-Preis ausgezeichnet, über die Kindheit in Wien ab 1938 und das Überleben des Holocausts

Standard: Ein halbes Jahrhundert trugen Sie am linken Arm die Nummer, die man Ihnen in Auschwitz-Birkenau eintätowiert hatte: A-3537. Warum haben Sie sich dann doch dazu entschlossen, die Nummer in einer kalifornischen Laserklinik entfernen zu lassen?

Klüger: Sie hat zu viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen - mit den Jahren immer mehr, weil es immer weniger Leute gibt, die diese Tätowierung haben. Es war mir einfach peinlich geworden. Vor allem, weil viele Leute ein Ressentiment dagegen zu haben schienen, als ob ich sie ihnen aufdrängen, als ob ich sagen wollte: "Schaut her, ich war im Lager!" Aber der tiefer liegende Grund war, dass ich diese ganze Sache gewissermaßen abgearbeitet habe. Ich überlegte mir, dass hinter dem Behalten der Nummer eine Verpflichtung gegenüber den Toten stand. Und dann dachte ich mir: Ich habe dieses Buch geschrieben, jetzt kann ich mir die Nummer nehmen lassen - und die letzten Jahre ohne sie verbringen. Ich habe es nicht bereut.

Standard: Das Buch, 1992 veröffentlicht, heißt "weiter leben. Eine Jugend". Nach dem Einmarsch Hitlers wollten Sie nicht mehr Susi, sondern Ruth gerufen werden. War das wirklich ein bewusster Akt? Sie waren ja keine sieben Jahre alt.

Klüger: Ja, es war ein bewusster Akt. Ich war wirklich in Rebellion mit den Deutschen. Es war ein Aufwachen ins Leben. Ich sagte mir: "Die Deutschen haben doch hier nichts zu suchen. Und alle Leute, die ich kenne, sind gegen sie. Warum spricht man nicht darüber? Warum hat die Lehrerin Angst vor ihnen?" Das war eine bewusste Entscheidung.

Standard: Wenn Sie die NS-Zeit nicht hätten erleben müssen: Wären Sie noch immer die Susi?

Klüger: Ha! Ich wäre noch immer in Wien. Das glaube ich schon. Das ist ein gelegentliches Gesprächsthema: Was wäre ohne Hitler aus uns geworden? Und die erste Antwort ist: Man wäre in Wien geblieben. Aber ob ich die Susi geblieben wäre? Ich hätte auch so eine bewusste Jüdin werden können. Mein Vater war Zionist, das hätte schon sein können.

Standard: Sie beschreiben die NS-Zeit in Wien mit dem Satz: "Man trat auf die Straße und war in Feindesland." Die Zeit war für Sie sehr bedrückend und dunkel.

Klüger: Ja. Man wusste nicht, wie man sich auf der Straße verhalten sollte. Man machte sich so unscheinbar wie möglich. Man konnte nirgendwo hingehen. Es gab keine Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben oder etwas zu lernen. Ich hätte gern mehr gelernt. Aber ich war nicht mehr in der Schule. Bücher lesen: Das war das Einzige, was man machen konnte. Man konnte nicht einmal spazieren gehen. Diese Stadt ist für mich noch immer weitgehend so. Emigranten, die ein paar Jahre älter waren als ich, haben Wien noch als Heimatstadt erlebt. Für mich ist es einfach Geburtsstadt - was nicht ganz stimmt: Ich habe hier sprechen gelernt. Es bleibt also ein Stück von einem selbst. Aber die unangenehmen Erinnerungen kommen halt immer wieder hoch. Die Stadt bedrückt mich, sogar wenn sie leuchtet.

Standard: Auch heute noch?

Klüger: Die Frage ist irgendwie unfair. Ja und Nein. Ich würde ja nicht zurückkommen, ins Theater gehen, mit Freunden sprechen, wenn es wirklich so wäre. Andererseits, wenn ich mich frage: "Könnte ich hier leben?", so ist die Antwort immer: "Nein."

Standard: In einem Interview mit Spiegel online sagten Sie: "Wien schreit nach Antisemitismus."

Klüger: Die haben sogar die Überschrift daraus gemacht. Aber ich habe das in einem Kontext gesagt. In meiner Erinnerung ist Wien die antisemitische Stadt. Wenn ich an der Hofburg vorbeigehe, erinnere ich mich, wie ich damals an der Hofburg vorbeigegangen bin - und auf den Steinen Antisemitisches stand. In Göttingen, wo ich eine Zweitwohnung habe, habe ich nicht dieses Gefühl. Göttingen war natürlich genauso eine antisemitische Stadt. Aber trotzdem: Für mein Gefühl ist Göttingen keine. Und Wien schon.

Standard: Sie erwähnen, dass Ihr Vater Ihren Bruder abgetrieben hat. Das muss eine unglaubliche Verzweiflungstat gewesen sein.

Klüger: Er war Gynäkologe. So hat es mir meine Mutter erzählt.

Standard: Ihr Vater konnte nach Italien fliehen, weil sich Ihre Mutter verpflichtet hatte, die Reichsfluchtsteuer zu zahlen. Aber sie konnte das Geld nicht aufbringen. Warum ist sie trotzdem geblieben?

Klüger: Weiß der Kuckuck! Wohin hätte sie hinsollen? Die Annahme war, dass Frauen und Kinder nicht gefährdet sind. Später hat man schon gewusst, dass das nicht stimmt. Aber später war es zu spät. Mir wurde nie klar, warum es ihr nicht gelungen ist herauszukommen. Sie wurde eben nicht erzogen, selbstständig zu sein, sich auf die Flucht zu begeben und in Abenteuer zu stürzen. Die Frauen haben sich auf die Männer verlassen. Viele Frauen, deren Männer ausgewandert oder geflohen sind, sind hier geblieben. In Theresienstadt war eine große Anzahl alter Frauen, deren Söhne im Ausland waren - und die froh waren, dass sie im Ausland waren. Aber man fragt sich: Warum haben die Jungen die Alten zurückgelassen?

Standard: An Theresienstadt haben Sie - das finde ich sehr interessant - nicht nur schlechte Erinnerungen.

Klüger: Dort wurde ich sozialisiert. In Wien war ich so wahnsinnig isoliert: Es gab keine Kinder. Und die Erwachsenen haben sich einen Dreck um einen gekümmert - das hätte man schon erwarten können unter den Umständen. In Theresienstadt waren massenhaft Kinder. Dort habe ich gelernt, Freundschaften zu schließen. Und ich habe Geschichte gelernt, ein bisschen über Literatur geredet. Es gab in diesem überfüllten Quadratkilometer natürlich fortwährend Krankheiten, Epidemien. Und es gab oft so eine Panikstimmung. Es war eben ein Konzentrationslager, keine Frage. Aber es gab zu essen. Und keine Isolierung. Isolierung kann in mancher Hinsicht ärger sein.

Standard: Wie zuvor in den Sammelwohnungen.

Klüger: Ja, wie in dieser Sammelwohnung in der Währinger Straße, nicht sehr weit entfernt von der Berggasse. Ich war später einmal dort. Aber ich bin nicht rein. Mir ist das Kotzen gekommen. Das war für mich das Ärgste an Wien: diese Einsamkeit, diese zunehmende Einsamkeit - in einer Zeit, in der sich das Gesichtsfeld von Kindern erweitert, in der sich der Freundeskreis erweitert. Bei mir hat er sich verringert. Die paar Freundinnen, die ich hatte, sind verschwunden, ausgewandert oder untergetaucht oder verschickt, was weiß ich.

Standard: Im Mai 1944, mit zwölfeinhalb Jahren, kamen Sie nach Auschwitz-Birkenau. Darf ich Ihnen dazu eine Frage stellen?

Klüger: Ersparen wir uns das. Darüber zu reden, das habe ich nie gekonnt. Das zu schreiben war sehr schwierig. Übrigens: Diese Parlamentsrede, die ich am 5. Mai gehalten habe, war auch sehr schwierig zu schreiben. Das war kein Vergnügen.

Standard: Sie sprachen im Parlament über das Kindsein. Und Sie trugen jenes Gedicht vor, dass Sie damals, 1944, über die Vergasung von Millionen Menschen verfassten. Auschwitz-Birkenau überlebt zu haben: Macht das auch stolz?

Klüger: Nein. Bestimmt nicht. Das war ein Zufall. Man hat eben ein bisschen was dazu getan, weil einem eben im richtigen Moment eingefallen ist, man soll probieren herauszukommen - dank meiner verrückten Mutter.

Standard: Und dank einer unbekannten Frau, die Sie beschwor, bei der Selektion zu sagen, dass Sie bereits 15 Jahre alt sind. Dadurch kamen Sie ins Arbeitslager - und nicht in die Gaskammer.

Klüger: Ja, wenn die noch lebt: Diese Frau sollte stolz sein! Aber nicht ich! Ich bin nicht stolz auf diese Zeit. Das ist etwas, was nicht hätte stattfinden sollen.

Standard: Stolz dürfen Sie dennoch sein: Weil Sie den Mut gefasst haben zu sagen: "Ich bin 15."

Klüger: Wenn ich daran zurückdenke, denke ich mir: "Ja, das war eine gute Sache." Aber stolz darauf? Schon eher, dass wir, sechs Frauen, geflohen sind. Wir waren dann in einem Arbeitslager, in einem Außenlager von Groß-Rosen, das aufgelöst wurde, weil es nahe der russischen Front war. Da war ein Fußmarsch, und wir sind geflohen. Die anderen sind später in Lastwagons - in Viehwagons, wie man zu sagen pflegt - nach Bergen-Belsen gekommen. Das haben wir uns erspart. Denn ob wir das überlebt hätten? Die arme Anne Frank ist dort mit ihrer Schwester gestorben. Auf diese Flucht war meine Pflegeschwester immer sehr stolz. Daran denke ich mit einigem Vergnügen zurück. Aber es war einfach keine gute Zeit. Nicht nur Sie, auch andere Journalisten interviewen dann Leute, die Erfolg gehabt haben. Und man vergisst darüber die, die untergegangen sind. Das sind die meisten. Denken Sie nur an die Ausstellung "Entartete Kunst": Wie viele Namen gibt es da, die man nie mehr wieder gehört hat! Das sind enorme Verluste. Es war bei den meisten eben nicht so wie bei Brecht und Mann, die etwas anfangen konnten im Exil. Es ist eben umgekehrt: Es war ein Zeitalter der Verluste.

Standard: Sie kommen nun öfter nach Wien. Gibt es wenigstens einen Ort, wo Sie sich wohlfühlen?

Klüger: Ich geh ganz gern zum Heurigen. Den Heurigen habe ich natürlich erst als Zurückgekehrte kennengelernt. Vielleicht ist er mir darum so angenehm: Er hat überhaupt keine Beziehung zu irgendwas in der Vergangenheit. (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 18./19. 6. 2011)


Ruth Klüger, geboren am 30. Oktober 1931 in Wien, ist Literaturwissenschafterin und Schriftstellerin. 2008 veröffentlichte sie unter dem Titel "unterwegs verloren" den zweiten Teil ihren Erinnerungen.

  • Ruth Klüger überlebte den Holocaust. Aber: "Ich bin nicht stolz auf 
diese Zeit. Das ist etwas, was nicht hätte stattfinden sollen."
    foto: trenkler

    Ruth Klüger überlebte den Holocaust. Aber: "Ich bin nicht stolz auf diese Zeit. Das ist etwas, was nicht hätte stattfinden sollen."

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