Premiere von Beat Furrers Musiktheater "Wüstenbuch" im Museumsquartier
Regisseur Christoph Marthaler stellt der filigranen Musik
in Einsamkeit gefangene Figuren zur Seite.
Wien - Es gibt ein Oben und ein Unten. Oben die drei kleinen Zimmerchen,
unten nur dieser eine trostlose Raum mit einem zerzausten Sofa, einem Tisch und
dem Waschbecken. Ob jedoch oben oder unten - jene Figuren, die durch Beat
Furrers Wüstenbuch (Koproduktion mit Basel) wandern, sind immer
nur sich selbst ausgesetzt. Eingehüllt in Ratlosigkeit, suchen sie zwar mit
kleinen Ritualen auszubrechen, um doch wieder als in einem schmuddeligen Hotel
gestrandete Einsamkeitspuppen (Bühnenbild Duri Bischoff) zu enden.
Regisseur Christoph Marthaler lässt sie als quasi ferngesteuerte
In-sich-Gekehrte Wände fotografieren, Feuerlöscher als Babys im Arm wiegen,
lässt sie übereinander herfallen, legt sie schlafen und dann vom Sofa herab
plumpsen, lässt sie immer wieder Zigaretten anzünden oder um solche schnorren.
Doch so wie selbst kleine Handlungen wie jene des Rauchens misslingen, da die
Zigarette vor dem ersten Zug immer zu Boden fällt, misslingt auch jedweder
Kontaktversuch.
Keine Beziehungen
Selbst dort, wo sich die Figuren zu einer Gruppe formieren, die auf der Bühne
auf und ab geht, sind keinerlei Spuren von eingegangenen Beziehungen zu
entdecken. Dieses Theater der bisweilen absurden Wiederholungen, der szenischen
Refrains verzahnt sich aber mit einer delikaten Musik, die zunächst zart
vibriert und immer wieder bewusst lethargisch in sich zusammensackt. Furrer, als
Könner filigranster Strukturen, setzt jedoch in weiterer Folge auf Kontraste,
auf schrille Ausbrüche, denen ein düster-tiefes Orchesterbrummen (des
formidablen Klangforums Wien unter Beat Furrer) folgen kann. Bis dann wiederum
sanfte Klangschwingungen an der Stille entlang zu dominieren beginnen.
Text wird Klang
Zu Marthalers (durchaus schon als routiniert zu bezeichnender) szenischer
Figurenpolyphonie, ermöglicht durch die vier Räume und ihre wechselnden
Bewohner, tritt mitunter auch eine textliche hinzu - erzeugt durch bewusstes
Durcheinanderplaudern. Somit sind nicht alle Texte (von Händl Klaus, Ingeborg
Bachmann, Antonio Machado, José Angel Valente, Apuleius und Lukrez sowie dem
Papyrus Berlin 3024, übersetzt von Jan Assmann) auf Verständlichkeit angelegt.
Mitunter werden sie nur auf ihren Klang zurückgeführt.
Auch hier jedoch setzt Furrer auf Vielfalt: Mal fragmentiert er einzelne
Worte, als wollte er eine Figur quasi bei ihrer langsamen Sprachfindung zeigen.
Mal hört man Gesänge, die an alte, kühle Sakralgesänge erinnern. Und dann wieder
verzahnt Furrer eine Frauenstimme mit dem Kontrabass zu einem subtilen Duett.
Enigmatisch bleibt das ganze Werk, übrigens nach einem Fragment von Ingeborg
Bachmann benannt, natürlich.
Bleibt quasi eine Art bewusst offenes Kunstwerk, das jedoch mit seiner
Unbestimmtheit und seiner Langsamkeit, hervorgerufen durch dieses Verharren der
Figuren im existenziellen Vakuum, bei allen kleinen Längen des Abends im
Museumsquartier, doch wieder überzeugenden Geschlossenheit erlangt. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2011)