Briten spielen mit Lords und "Titanic"

17. Juni 2011, 17:55
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Angeführt vom großartigen Historienepos "Downton Abbey" bringt sich britische Serienkost wieder stärker ins Spiel - Deutsche Sender greifen gerne zu, der ORF zeigt vorerst noch kein Interesse

Wien - Schon die Eingangssequenz von "Downton Abbey" ist großes Ballett: Mit tänzerischer Leichtigkeit schwirren die Bediensteten des Herrschaftssitzes durch die hohen Räume des Hauses. Mit Anmut und Grazie beginnen sie den Tag mit ihnen zugeteilten Aufgaben: Polster aufschütteln, Kerzenhalter putzen, Vorhänge zurückziehen, Fensterläden aufklappen, Tischdecken ausbreiten - alles und jedes hat seinen Platz. Wo nicht, wird nachgebessert: Die zerknitterte Morgenzeitung bügelt der Butler platt. Eure Lordschaft hat Anspruch auf glatte Neuigkeiten.

Die gibt es an diesem Morgen nicht: Der Untergang der Titanic wird vermeldet, Verluste sind in der eigenen Familie zu beklagen.

Das gesunkene Luxusschiff steht am Beginn von "Downton Abbey", einer der erfolgreichsten Serien Großbritanniens. Das Historiendrama auf höchstem Niveau gelang dem Privatsender ITV. Oscar-Preisträger Julian Fellowes (Gosford Park) inszenierte eine Familiengeschichte, die britischen Erzähltraditionen in Film und TV folgt und sich ohne weiteres mit US-Konkurrenz wie "Boardwalk Empire" messen kann.

Wie in Martin Scorseses Prohibitionsepos geht es in "Downton Abbey" um Umbrüche: Mit der Titanic gehen die eingefahrenen Herrschaftshierarchien unter, geraten Gesellschaftsordnungen durcheinander. Größte Sorgfalt bei Ausstattung, Dialogen und Optik, gepaart mit einem großartigen Ensemble (Maggie Smith!), begeisterten das Fernsehpublikum: Bis zu 13 Millionen schauten zu.

Qualitätsschub

Mit einem Qualitätsschub sorgen britische Serien derzeit für erhöhte Aufmerksamkeit am internationalen Markt. "Downton Abbey" kauften bereits mehr als hundert Fernsehstationen. Die Geschicke der Familie Crawley kommen ins deutschsprachige Fernsehen, ab 20. Juli im Abokanal Sky Cinema.

Auf Interessenten warten mehr Serien aus dem Königreich:

  • Luther Der charismatische Inspektor spaltet die Kritiker, eben begann die zweite Staffel. Der zerrissene Ermittler bewegt sich auf mitunter allzu ausgetretenen Krimipfaden. Hauptdarsteller Idris Elba (The Wire) rettet über Schwächen. ZDF sicherte sich Rechte.
  • Sherlock Den genialen Privatdetektiv schickte die BBC in die heutigen Straßen von London. Die Romanfigur fasziniert über die Grenzen hinweg. ARD zeigt die Fälle.
  • Titanic Apropos: 2012, zum 100. Jahrestag des Untergangs, sinkt das Riesenschiff neuerlich, diesmal im britischen Privat-TV auf ITV und in vier Teilen. Abnehmer im Ausland finden sich garantiert.
  • Skins Bevor MTV mit den freizügigen Teenies in die Schlagzeilen kam, zeigte die britische Fassung die ungeschminkte Wirklichkeit jugendlichen Feierns. Der Musiksender stellt Skins nach einer Saison ein, E4 verspricht Kinofilm und sechste Staffel.
  • Das Haus am Eaton Place Die Fortsetzung der Butlerserie war ein Hit zu Weihnachten. Eine weitere Staffel ist fix. Die Dienstboten begeisterten in den 1970ern auch hierzulande.
  • Der Weg nach oben Ein Remake des Dreiecksdramas Room at the Top, 1959 verfilmt mit Laurence Harvey und Simone Signoret, nach der Geschichte von John Brain, hängt vorerst im Urheberrechtsstreit. Die TV-Fassung ist noch zu haben. Vielleicht für den ORF? Der hinkt in Sachen Britenfernsehen derzeit hinterher: Außer Krimiroutine mit "Inspector Barnaby" und Comedyspaß mit "Little Britain" seien keine Serienimporte aus dem Königreich geplant, informiert eine Sprecherin. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 18./19.6.2011)
  • Die britischen Serien "Downton Abbey" (u. a. Maggie Smith, Mitte) ...
    foto: sky

    Die britischen Serien "Downton Abbey" (u. a. Maggie Smith, Mitte) ...

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    ... und "Luther" (Idris Elba) mischen sich in den von US-Ware dominierten TV-Markt.

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