Die verantwortungsbewussten Politiker wissen auch nicht genau, was zu tun ist
Es besteht durchaus Grund zur Sorge. Eine zweite Finanzkrise, diesmal nicht ausgelöst durch kriminelle US-Banken und ihre Giftpapiere, sondern durch Griechenland und seinen möglichen finanziellen Dominoeffekt, ist denkbar.
Dazu in Kürze mehr. Wenn man aber davon ausgeht, dass wir - Europa, die Weltwirtschaft - ein zweites Mal noch einmal davonkommen, dann wird sich in der EU und der Eurozone wohl grundlegend etwas verändern müssen. Griechenland und die anderen Pflegefälle der europäischen Wirtschaft müssen mit Abermilliarden gerettet werden, weil sie eine extrem unverantwortliche Politik betrieben haben (tendenziell betreibt auch Österreich eine solche Politik). Ein logischer Schritt wäre daher eine viel stärker vereinheitlichte und zentralisierte europäische Finanz-, Wirtschafts-und Budgetpolitik, um nicht alle paar Jahre vor dem Abgrund stehen.
Die jetzige Krise der EU, die bei Gott eine extrem gefährdende ist, könnte daher nach ihrem Überstehen nicht in "weniger EU", sondern "mehr EU", in mehr Integration, kurzum in einer Art "politischen Union" enden.
Vorher müssten wir allerdings die jetzige Krise ohne gröbere Katastrophen überstehen. Die Menschen fragen sich, warum man einem Staat wie Griechenland Unsummen geben soll. Dort ist nicht nur die politische Klasse korrupt und verantwortungslos, sondern auch der gesamtgesellschaftliche Konsens beinhaltet zutiefst unseriöse und selbstzerstörerische Praktiken, die sich jetzt bitter rächen. Die Griechen sind nicht "faul" , das ist rechtspopulistischer Mist. Aber sie leben in einer Tradition, die - resultierend aus jahrhundertelanger Fremdherrschaft - sich dem Staat, der Obrigkeit letztlich nicht verpflichtet fühlt(e), sondern höchstens dem eigenen Clan.
Griechenland ist als Ökonomie in Europa nicht besonders wichtig, aber es ist, wie alle anderen, intensiv wirtschaftlich verflochten. Das bedeutet z. B. auch, dass europäische Banken den Griechen viel zu viele Kredite gegeben haben - in der Hoffnung, im Notfall schon vom Staat gerettet zu werden. Sie wurden aber schon einmal gerettet, während der Finanzkrise 2008/09, und die Staaten sind nun selbst extrem verschuldet.
In einer solchen Situation kann der Zusammenbruch des Bankensystems eines kleinen Staates einen europäischen Dominoeffekt haben. 1931 ist genau das mit dem kleinen, armen Österreich und der Pleite der Creditanstalt passiert.
So wird es nicht wieder passieren, aber reihenweise Bankenzusammenbrüche, Rezession und politischen Extremismus kann sich Europa trotzdem nicht leisten. Deswegen versuchen die europäischen Regierungen Griechenland irgendwie über Wasser zu halten. Europäische Rechtspopulisten versuchen das, in einer Mischung aus Zynismus und Idiotie zu torpedieren. Wer in deren Geschrei einstimmt, sollte wissen, dass er damit an der Destabilisierung mitwirkt.
Die tragische Wahrheit ist allerdings, dass die verantwortungsbewussten Politiker auch nicht genau wissen, was zu tun ist. Deshalb besteht echter Grund zur Sorge. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.6.2011)