"Schocktherapie auf allen Ebenen gescheitert"

17. Juni 2011, 17:32
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Der Athener Gewerkschafter Ioannis Poupkos erzählt, warum er auf die Straße geht, um gegen EU und IWF zu protestieren

Warum bocken die Griechen? Der Athener Gewerkschafter Ioannis Poupkos erzählt, warum er auf die Straße geht, um gegen EU und IWF zu protestieren. Das Sparprogramm führe sein Land direkt in den Bankrott, sagte er András Szigetvari.

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STANDARD: Außerhalb Griechenlands wundern sich viele: Ihr Land ist pleite, braucht Finanzhilfe. Trotzdem organisiert Ihre Gewerkschaft Streiks gegen den Sparkurs. Ist das nicht paradox?

Poupkos: Nein. Unsere Geldgeber, die Europäer und der Währungsfonds, haben Griechenland Maßnahmen wie Steuererhöhungen und Lohnkürzungen diktiert und gesagt: Setzt das um und ihr löst euer Problem. Ein Jahr später steht fest, dass die Schocktherapie auf allen Ebenen gescheitert ist. Die Kürzungen haben die Kaufkraft der Menschen verringert, Unternehmen in die Pleite getrieben. Obwohl wir das Defizit gesenkt haben, steigt unsere Verschuldung statistisch an, weil sich die Wirtschaft in der Rezession befindet.

STANDARD: Aber Griechenland ist an seinen Problemen selbst schuld.

Poupkos: Dass wir selbst schuld sind, glauben viele Österreicher und noch mehr Deutsche. Aber das stimmt so nicht. Griechenland ist ein Nettoimporteur, kauft also Staaten in Europa für teures Geld jede Menge Produkte ab. Davon profitieren andere. Unsere Probleme gesteigert haben auch die teuren Einkäufe französischer Kampfhubschrauber und deutscher U-Boote. Und auch die Kredite, die wir erhalten haben, sind nicht gratis, sondern wir müssen dafür hohe Zinsen bezahlen.

STANDARD: Ist eines der größten Probleme des Landes nicht die mangelnde Solidarität der Bürger? Deswegen ist Steuerhinterziehung so verbreitet.

Poupkos: Steuerhinterziehung ist so weit verbreitet, weil die Eliten das Phänomen lange geduldet haben. Sie waren ja nicht selten selbst die Täter.

STANDARD: Steuern hinterziehen aber nicht nur Superreiche: Auch Taxler, Verkäufer, Ärzte.

Poupkos: Das stimmt schon. Aber normale Angestellte und Arbeiter, deren Steuer vom Lohn abgezogen wird, konnten nie so einfach Steuer hinterziehen; sie tragen für die fehlenden Einnahmen keine Verantwortung. Was Ärzte und Taxifahrer betrifft, liegt die Hauptschuld beim Staat. Der Staat hat lange Zeit zugeschaut und keine Sanktionen verhängt. Niemand hatte etwas zu befürchten, also haben es alle gemacht.

STANDARD: Was ist die Alternative zum Sparkurs?

Poupkos: Wir brauchen einen völlig anderen Rettungsplan. Es macht keinen Sinn, Gehälter zu kürzen. Griechenland braucht mehr Investitionen, mehr Geld, damit Arbeitsplätze entstehen können und das Land wieder wächst. Es gibt bei uns rund eine Million gut ausgebildeter junger Menschen. Aber wir investieren nicht in sie, sie arbeiten in prekären Arbeitsverhältnissen, und viele wollen im Grunde nur weg, dem Land droht eine Abwanderung der Gebildeten.

STANDARD: Wer würde Griechenland Geld für Investitionen geben, noch dazu ohne Auflagen?

Poupkos: Die EU, und zwar auch im eigenen Interesse. Wenn die EUauf dem jetzigen Modell besteht, wird Griechenland das geborgte Geld nie zurückzahlen können.

STANDARD:  Ihre Gewerkschaft lehnt auch Privatisierungen ab. Vom Verkauf des Staatssilbers erwartet sich die Regierung 50 Milliarden Euro Einnahmen.

Poupkos: Wir sind nicht grundsätzlich gegen Privatisierungen. Aber wir sagen, es gibt wichtige Unternehmen - wie Wasserwerke und Telekommunikationsbetriebe -, die nicht verkauft werden dürfen. Und es gibt noch einen wichtigen Punkt: Die Schätzungen der Regierung sind viel zu hoch. Aufgrund der Krise macht es der-zeit überhaupt keinen Sinn, Staatsbetriebe zu verkaufen. Wir müssten unsere Unternehmen zu Niedrigstpreisen anbieten - und das wäre ein schwerer Fehler.

STANDARD: Was halten Sie von der Arbeit von Premier Papandreou?

Poupkos:  Ich bin ein Mitglied der Sozialdemokraten und habe Papandreou im Wahlkampf unterstützt. Aber seine Politik hat mit Sozialismus nichts zu tun. Ich glaube, er mag auch selbst nicht, was er da tut. (András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.6.2011)

IOANNIS POUPKOS ist verantwortlich für Jugendarbeit bei der GSEE, dem größten Gewerkschaftsdachverband Griechenlands für Privatangestellte. Die GSEE hat eine Million Mitglieder.

  • Ioannis Poupkos: "Papandreous Politik hat mit Sozialismus nichts zu tun. Ich glaube, er mag 
selbst nicht, was er da tut."
    foto: standard

    Ioannis Poupkos: "Papandreous Politik hat mit Sozialismus nichts zu tun. Ich glaube, er mag selbst nicht, was er da tut."

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