Mohamed ElBaradei blickt auf seine Zeit als IAEO-Generaldirektor von 1997 bis 2009 zurück: eine Abrechnung in diplomatischem Ton.
Die Rezensentin gesteht, dass sie, ehe sie die IAEO-Memoiren von Mohamed
ElBaradei zu lesen begann, neugierig die Stelle mit "dem Gespräch mit der Rice"
heraussuchte: nämlich jenem, in dem die US-Außenministerin im Sommer 2005 dem
Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde doch noch den
amerikanischen Sanktus für eine dritte Amtszeit erteilte, die die USA so lange
blockiert hatten. Was hat Condy damals gesagt, hat sie für das Nachgeben der
Bush-Regierung vielleicht verlangt, dass ElBaradei das peinliche Wort "Irak
nicht mehr in den Mund nimmt, wenn er weiter als "DeeGee" im 28. Stock der
"Agency" in der Wiener Donau-City sitzen will?
Nichts dergleichen war der Fall, wenn man dem Erzähler Glauben schenkt. Die
US-Regierung, lässt ElBaradei verstehen, gab ihren Widerstand auf, weil eben
alle anderen Staaten ihn wollten - und Condoleezza Rice versicherte elegant,
wenngleich nicht ganz glaubwürdig, dass man ja nichts gegen ihn persönlich
gehabt habe, sondern nur das Prinzip der Beschränkung auf zwei Amtszeiten in
UN-Agenturen auch in der IAEO angewandt sehen wollte. Dieses hatte allerdings
auch vorher nicht gegolten: ElBaradeis Vorgänger Hans Blix, diente gleich vier
Perioden.
Mohamed ElBaradei wurde - aber das erzählt er nur so nebenbei - 1997 nicht
als Kandidat Ägyptens in den Chefsessel der Atombehörde gewählt: Der Diplomat
und Jurist, der Mitte der 1980er-Jahre zur IAEO gestoßen war, kam zum Zug, als
der ägyptische Kandidat, ein enger Freund der Mubarak-Familie, durchfiel. Das
mag ElBaradei Jahre später erleichtert haben, mit dem ägyptischen Präsidenten in
einer Radikalität zu brechen, die ihn zum Katalysator der Revolution im Februar
2011 machte. Auch wenn ElBaradei nie der Mann der Massen war, man sollte seinen
Beitrag nicht unterschätzen. Er formulierte radikale demokratische Forderungen,
als sie noch nicht auf der Straße skandiert wurden, und er gab vielen vorwiegend
jungen Ägyptern und Ägypterinnen - zugegeben eher solchen aus der Elite -
erstmals das Gefühl, dass eine Wende machbar sei. Nicht umsonst ist er bei den
Regime-Resten derartig verhasst.
Das ist er aber auch anderswo, und darin, das auszuhalten, besteht eine große
Stärke des Mannes, dessen Persönlichkeit sich aus seinem diplomatischen, aber
doch klaren Buch gut erschließt. Es ist aber auch eine persönliche Tragödie.
Beispiel Irak: ElBaradei erzählt die Geschichte seiner Auflehnung gegen etwas,
das längst beschlossene Sache war, nämlich den Irakkrieg von 2003. Er tat dabei
etwas, was ihm die USA später noch oft vorwerfen sollten, er sprach als
Verantwortlicher für die Atominspektionen im Irak - die nichts ergeben hatten
und nichts ergeben konnten - "out of the box", als er sich gegen den Krieg
aussprach.
Die "Mehr Zeit"-Sünde
Aber auch Blix, damals als Chef der Uno-Inspektoren sein Mitstreiter, trug es
nicht mit, als ElBaradei im Sicherheitsrat Anfang 2003 "mehr Zeit" für die
Inspektoren verlangte. Blix hätte das nie aktiv gesagt - die Frage danach jedoch
mit einem Ja beantwortet. Das war für ihn der Unterschied zwischen einem
technischen und einem politischen Job.
Seine Berufsauffassung hat ElBaradei und der IAEO im Herbst 2005 aber den
Friedensnobelpreis eingebracht - wenn man jedoch in Kairo heute den
sprichwörtlichen Mann auf der Straße fragt, wird man oft genug die Absurdität
hören, dass ElBaradei nicht wählbar sei (er hat seine Kandidatur für die
Präsidentschaft bekanntgegeben, ganz will man noch nicht glauben, dass er sich
das antun will ...), weil er doch Schuld am Irakkrieg habe! Hatte er in den
letzten Jahren im Amt vor allem israelische Anschuldigungen zu ertragen, dass er
bei seiner Arbeit in der IAEO bereits seine spätere Karriere in Ägypten im Auge
hatte, so ist er vielen Ägyptern bei weitem nicht ägyptisch genug. Eine
ElBaradei-Biografie könnte "Zwischen allen Stühlen" heißen.
Wenn schon vom Titel die Rede ist: Natürlich ist derjenige der englischen
Originalausgabe The Age of Deception, das Zeitalter der Täuschung, sehr
viel feinsinniger als das inhaltlich etwas platte, sprachlich fragwürdige
Wächter der Apokalypse der deutschen. Der Trug ist eben nicht nur das
Geschäft der Sorgenkinder der Agency, vom (früheren) Irak über Nordkorea, Libyen
bis zum Iran, sondern auch derer, die sich für die "Guten" in diesem Spiel
halten. Im Kapitel "Double Standards" sagt ElBaradei klar, dass der Druck auf
die IAEO oft groß gewesen sei, sich in Einzelfällen nicht nur auf eine objektive
Evaluation der existierenden Fakten zu beschränken. Was wurde ElBaradei alles
vorgeworfen, angesichts seiner rein deskriptiven IAEO-Berichte! In der Tat
scheint es manchmal so - auch in vielen Zeitungsredaktionen übrigens -, als
hätte das große Irak-Theater nie stattgefunden. Die "smoking gun" muss
beschrieben werden, auch wenn sie nicht klar zu sehen ist.
Abseits von allen politischen Fragen ist ElBaradei natürlich auch als Buch zu
lesen, in dem ein guter chronologischer und technischer Überblick über die
einzelnen Fälle, mit denen die IAEO in den vergangenen Jahren zu Gange war,
geboten wird. Besonders die iranische Heiß-kalt-Story wird detailliert
nacherzählt, und die Schilderungen vieler Treffen ElBaradeis mit anderen
Akteuren geben zwar seinen persönlichen Eindruck wieder, sind aber eine gute
atmosphärische Ergänzung der Atomgeschichte, in der laut ElBaradei viele ihre
Prügel vor eine Lösung warfen. Dabei kommen auch die Europäer nicht zu kurz, und
bei aller Diplomatie ist herauszuhören, mit wem der Generaldirektor konnte und
mit wem nicht. Wenn ihn ein französischer Präsident Sarkozy mit "Ich bin ein
Freund der USA und Israels" begrüßt, schüttelt man mit ElBaradei den Kopf: "Na
und?"
Bewunderung für Obama
Übrigens sind bei weitem nicht alle von ElBaradeis Sparring-Partnern aus der
US-Regierung von George W. Bush unsympathisch gezeichnet, auch der Präsident
selbst nicht. Mit Rice, mit der er viele Sträuße auszufechten hatte, verbindet
ihn letztlich Sympathie, liest man heraus. Bei Barack Obama allerdings wird der
Ton dann völlig anders: Seine Vision, aber auch seinen Stil bewundert ElBaradei
fast vorbehaltlos.
Auch wer im Buch abwesend ist, ist aussagekräftig. Die IAEO ist in Wien
ansässig, die Musik spielt aber nicht in Österreich. Nur Ex-Außenministerin
Ursula Plassnik wird von ihm anerkennend und als Freundin erwähnt, sie half ihm
einmal terminologisch aus. Was es zu sagen hat, dass sein Nachfolger nur in
einer Fußnote vorkommt, und da nicht einmal als nächster IAEO-Generaldirektor?
Diplomatisches Schweigen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2011)
Mohamed ElBaradei, "The Age of Deception. Nuclear Diplomacy in
Treacherous
Times". $ 15 / 352 Seiten. Metropolitan Books. New York 2011
Deutsche Ausgabe: Mohamed ElBaradei, "Wächter der Apokalypse: Im
Kampf für
eine Welt ohne Atomwaffen". € 24,90 / 366 Seiten. Campus Verlag, 2011