Zwischen allen Stühlen

17. Juni 2011, 17:09
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Mohamed ElBaradei blickt auf seine Zeit als IAEO-Generaldirektor von 1997 bis 2009 zurück: eine Abrechnung in diplomatischem Ton.

Die Rezensentin gesteht, dass sie, ehe sie die IAEO-Memoiren von Mohamed ElBaradei zu lesen begann, neugierig die Stelle mit "dem Gespräch mit der Rice" heraussuchte: nämlich jenem, in dem die US-Außenministerin im Sommer 2005 dem Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde doch noch den amerikanischen Sanktus für eine dritte Amtszeit erteilte, die die USA so lange blockiert hatten. Was hat Condy damals gesagt, hat sie für das Nachgeben der Bush-Regierung vielleicht verlangt, dass ElBaradei das peinliche Wort "Irak nicht mehr in den Mund nimmt, wenn er weiter als "DeeGee" im 28. Stock der "Agency" in der Wiener Donau-City sitzen will?

Nichts dergleichen war der Fall, wenn man dem Erzähler Glauben schenkt. Die US-Regierung, lässt ElBaradei verstehen, gab ihren Widerstand auf, weil eben alle anderen Staaten ihn wollten - und Condoleezza Rice versicherte elegant, wenngleich nicht ganz glaubwürdig, dass man ja nichts gegen ihn persönlich gehabt habe, sondern nur das Prinzip der Beschränkung auf zwei Amtszeiten in UN-Agenturen auch in der IAEO angewandt sehen wollte. Dieses hatte allerdings auch vorher nicht gegolten: ElBaradeis Vorgänger Hans Blix, diente gleich vier Perioden.

Mohamed ElBaradei wurde - aber das erzählt er nur so nebenbei - 1997 nicht als Kandidat Ägyptens in den Chefsessel der Atombehörde gewählt: Der Diplomat und Jurist, der Mitte der 1980er-Jahre zur IAEO gestoßen war, kam zum Zug, als der ägyptische Kandidat, ein enger Freund der Mubarak-Familie, durchfiel. Das mag ElBaradei Jahre später erleichtert haben, mit dem ägyptischen Präsidenten in einer Radikalität zu brechen, die ihn zum Katalysator der Revolution im Februar 2011 machte. Auch wenn ElBaradei nie der Mann der Massen war, man sollte seinen Beitrag nicht unterschätzen. Er formulierte radikale demokratische Forderungen, als sie noch nicht auf der Straße skandiert wurden, und er gab vielen vorwiegend jungen Ägyptern und Ägypterinnen - zugegeben eher solchen aus der Elite - erstmals das Gefühl, dass eine Wende machbar sei. Nicht umsonst ist er bei den Regime-Resten derartig verhasst.

Das ist er aber auch anderswo, und darin, das auszuhalten, besteht eine große Stärke des Mannes, dessen Persönlichkeit sich aus seinem diplomatischen, aber doch klaren Buch gut erschließt. Es ist aber auch eine persönliche Tragödie. Beispiel Irak: ElBaradei erzählt die Geschichte seiner Auflehnung gegen etwas, das längst beschlossene Sache war, nämlich den Irakkrieg von 2003. Er tat dabei etwas, was ihm die USA später noch oft vorwerfen sollten, er sprach als Verantwortlicher für die Atominspektionen im Irak - die nichts ergeben hatten und nichts ergeben konnten - "out of the box", als er sich gegen den Krieg aussprach.

Die "Mehr Zeit"-Sünde

Aber auch Blix, damals als Chef der Uno-Inspektoren sein Mitstreiter, trug es nicht mit, als ElBaradei im Sicherheitsrat Anfang 2003 "mehr Zeit" für die Inspektoren verlangte. Blix hätte das nie aktiv gesagt - die Frage danach jedoch mit einem Ja beantwortet. Das war für ihn der Unterschied zwischen einem technischen und einem politischen Job.

Seine Berufsauffassung hat ElBaradei und der IAEO im Herbst 2005 aber den Friedensnobelpreis eingebracht - wenn man jedoch in Kairo heute den sprichwörtlichen Mann auf der Straße fragt, wird man oft genug die Absurdität hören, dass ElBaradei nicht wählbar sei (er hat seine Kandidatur für die Präsidentschaft bekanntgegeben, ganz will man noch nicht glauben, dass er sich das antun will ...), weil er doch Schuld am Irakkrieg habe! Hatte er in den letzten Jahren im Amt vor allem israelische Anschuldigungen zu ertragen, dass er bei seiner Arbeit in der IAEO bereits seine spätere Karriere in Ägypten im Auge hatte, so ist er vielen Ägyptern bei weitem nicht ägyptisch genug. Eine ElBaradei-Biografie könnte "Zwischen allen Stühlen" heißen.

Wenn schon vom Titel die Rede ist: Natürlich ist derjenige der englischen Originalausgabe The Age of Deception, das Zeitalter der Täuschung, sehr viel feinsinniger als das inhaltlich etwas platte, sprachlich fragwürdige Wächter der Apokalypse der deutschen. Der Trug ist eben nicht nur das Geschäft der Sorgenkinder der Agency, vom (früheren) Irak über Nordkorea, Libyen bis zum Iran, sondern auch derer, die sich für die "Guten" in diesem Spiel halten. Im Kapitel "Double Standards" sagt ElBaradei klar, dass der Druck auf die IAEO oft groß gewesen sei, sich in Einzelfällen nicht nur auf eine objektive Evaluation der existierenden Fakten zu beschränken. Was wurde ElBaradei alles vorgeworfen, angesichts seiner rein deskriptiven IAEO-Berichte! In der Tat scheint es manchmal so - auch in vielen Zeitungsredaktionen übrigens -, als hätte das große Irak-Theater nie stattgefunden. Die "smoking gun" muss beschrieben werden, auch wenn sie nicht klar zu sehen ist.

Abseits von allen politischen Fragen ist ElBaradei natürlich auch als Buch zu lesen, in dem ein guter chronologischer und technischer Überblick über die einzelnen Fälle, mit denen die IAEO in den vergangenen Jahren zu Gange war, geboten wird. Besonders die iranische Heiß-kalt-Story wird detailliert nacherzählt, und die Schilderungen vieler Treffen ElBaradeis mit anderen Akteuren geben zwar seinen persönlichen Eindruck wieder, sind aber eine gute atmosphärische Ergänzung der Atomgeschichte, in der laut ElBaradei viele ihre Prügel vor eine Lösung warfen. Dabei kommen auch die Europäer nicht zu kurz, und bei aller Diplomatie ist herauszuhören, mit wem der Generaldirektor konnte und mit wem nicht. Wenn ihn ein französischer Präsident Sarkozy mit "Ich bin ein Freund der USA und Israels" begrüßt, schüttelt man mit ElBaradei den Kopf: "Na und?"

Bewunderung für Obama

Übrigens sind bei weitem nicht alle von ElBaradeis Sparring-Partnern aus der US-Regierung von George W. Bush unsympathisch gezeichnet, auch der Präsident selbst nicht. Mit Rice, mit der er viele Sträuße auszufechten hatte, verbindet ihn letztlich Sympathie, liest man heraus. Bei Barack Obama allerdings wird der Ton dann völlig anders: Seine Vision, aber auch seinen Stil bewundert ElBaradei fast vorbehaltlos.

Auch wer im Buch abwesend ist, ist aussagekräftig. Die IAEO ist in Wien ansässig, die Musik spielt aber nicht in Österreich. Nur Ex-Außenministerin Ursula Plassnik wird von ihm anerkennend und als Freundin erwähnt, sie half ihm einmal terminologisch aus. Was es zu sagen hat, dass sein Nachfolger nur in einer Fußnote vorkommt, und da nicht einmal als nächster IAEO-Generaldirektor? Diplomatisches Schweigen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2011)

Mohamed ElBaradei, "The Age of Deception. Nuclear Diplomacy in Treacherous Times". $ 15 / 352 Seiten. Metropolitan Books. New York 2011

Deutsche Ausgabe: Mohamed ElBaradei, "Wächter der Apokalypse: Im Kampf für eine Welt ohne Atomwaffen". € 24,90 / 366 Seiten. Campus Verlag, 2011

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    Mohamed ElBaradei (69): vom Wespennest Internationale Atomenergiebehörde auf den Vulkan der ägyptischen Politik.

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    foto: verlag
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