"Joschka und Herr Fischer": Ein Welterklärer erklärt sich

17. Juni 2011, 17:44
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Der Dokumentarfilm "Joschka und Herr Fischer" versucht sich an der Darstellung einer markanten Politikerpersönlichkeit

Leider vergibt er mit Plauderton und Anekdoten eine analytische Perspektive.

Wien - Der Bundesaußenminister a. D. Joseph Fischer hatte erst neulich einen hübschen kleinen Auftritt in Cyril Tuschis Dokumentarfilm Khodorkovsky. Er gab den abgebrühten Realpolitiker, der aus der sicheren Perspektive seines Berliner Gartens auf die Machinationen des noch aktiven Vladimir Putin zurückblickte und darin keinen Anlass zu Optimismus fand.

Zur politischen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hat "Joschka" Fischer zweifellos eine Menge beigetragen, er hatte auch definitiv filmreife Szenen wie das engagierte "I am not convinced", das er dem amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld entgegenschleuderte, und das plötzlich wieder ein wenig nach dem Sponti klang, der er irgendwann einmal gewesen war. Wesentliche Szenen dieser Karriere liegen nicht nur in Archiven, sondern im kollektiven Gedächtnis:

Fischer als Straßenkämpfer in Frankfurt, Fischer in Turnschuhen bei der Angelobung als Minister in Hessen, Fischer als Spargeltarzan im Dreiteiler nach einer radikalen Lauf- und Diätkur. Und nun eben: der altersweise Welterklärer, der sich auf die Nachfolge von Helmut Schmidt als Universalorakel vorbereitet.

Der Dokumentarfilmer Pepe Danquart (Am Limit) hat in dieser Geschichte einen tollen Film vermutet, den er dann allerdings nicht gemacht hat. Denn Joschka und Herr Fischer gibt seine analytische Position von Anfang an preis - und zwar an seinen Protagonisten. Fischer sieht sich in einer Art Erinnerungsinstallation den Bildern seines Lebens gegenüber, und kommentiert diese in einem Plauderton, der zwischen Eitelkeit und Souveränität schillert.

Bogen ohne Spannung

Natürlich ist auch dabei das eine oder andere von Interesse, zum Beispiel, wenn Fischer erklärt, dass er während seiner Tätigkeit als Taxifahrer in Frankfurt im Grunde schon der Realo wurde, der später die Partei der Grünen auf weltpolitische Linie brachte. Aber das sind Ausnahmen. Danquart schafft es nicht, die jeweiligen kritischen Situationen aus ihrer Zeit heraus neu zu erschließen. Er hat auch kein Vertrauen in das jeweils spezifische Bildmaterial, das doch vielleicht bei neuerer (und näherer) Betrachtung noch einmal etwas hergeben könnte. Alles ist immer schon Teil eines großen Bogens, dem dadurch jede - sowohl biografische wie intellektuelle und damit natürlich auch: politische - Spannung fehlt.

Daran ändern auch die Zeitzeugen nichts, die sich gelegentlich zu Wort melden. Sie suggerieren eigentlich nur eine anekdotische Ebene und lassen nichts von der kämpferischen Energie erkennen, die ein Alphasubjekt wie Fischer doch umgeben haben muss - wäre er sonst das geworden, was er heute ist? In allen Auseinandersetzungen ist der Held bei Danquart im Grunde mit sich allein - so wird "great man theory" zu einer Tautologie. Der paradigmatische Weg des Joseph Fischer ist mit diesem Film noch nicht erzählt, allenfalls zum Genre der gefälligen Selbstbespiegelung trägt Joschka und Herr Fischer bei.   (Bert Rebhandl/ DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2011)

  • Zwischen Eitelkeit und Souveränität: Bundesaußenminister a. D. Joseph 
"Joschka" Fischer kommentiert Bilder aus seinem Leben.
    foto: filmladen

    Zwischen Eitelkeit und Souveränität: Bundesaußenminister a. D. Joseph "Joschka" Fischer kommentiert Bilder aus seinem Leben.

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