Wie ist es wohl, wenn der einzige Zukunftsplan "hoffentlich überleben" heißt? Will man das wissen? - Von Julya Rabinowich
Wie es ist, wenn man Kinder
mithat, die man in Sicherheit bringen möchte? Alte? Kranke?
Ich frage mich, wie es ist, ein Flüchtling zu sein. Nein, eigentlich
frage ich mich das nicht mehr. Die, die mit Flüchtlingen Kontakt hatten,
wissen es ohnehin, und jene, die Flüchtlinge per se als
Wirtschaftsmigranten und Sozialschmarotzer wahrnehmen, ohne zu
differenzieren, jene, die sich aufhetzen lassen, um billige Sündenböcke
zu suchen und anzunehmen und mit diesen Sündenböcken die wirklichen
Probleme natürlich nicht zu lösen, und auch jene, die damit gutes Geld
verdienen, unmenschliche Entscheidungen rechtlich exekutierbar zu
machen, jene, die NGOs mit mehr als fadenscheinigen Begründungen von
Asylsuchenden fernhalten, um leichteres und abgekartetes Spiel zu haben,
jene wollen es ohnehin nicht wissen.
Ich frage mich stattdessen, wie viel Chuzpe es braucht, mit der
ansonsten mit Füßen getretenen Privatsphäre der Asylsuchenden zu
argumentieren, um ihnen menschenunwürdige Zustände unentrinnbar zu
gestalten. Ich kann mich gut daran erinnern, was für Alltäglichkeiten -
zwei Zahnbürsten für eine fünfköpfige Familie, Brot mit Zwiebel zum
Abendessen, schimmlige Kellerräume für Bettlägerige - in manchen völlig
legal betriebenen Flüchtlingspensionen herrschten. Fälle, die es
schlussendlich nur aufgrund der recherchierenden NGOs in die Medien
schafften, was zu der längst fälligen Schließung mancher Betriebe
führte. Das will man heute scheinbar lieber nicht zu genau wissen.
Ich frage mich also nicht mehr, wie es ist, ins absolut Ungewisse
aufzubrechen, alles das, das vertraut war, zurückzulassen, nicht aus
freiwilliger Entscheidung, nicht aus hochfliegenden Zukunftsplänen. Wie
ist es wohl, wenn der einzige Zukunftsplan "hoffentlich überleben"
heißt? Will man das wissen? Wie es ist, wenn man Kinder mithat, die man
in Sicherheit bringen möchte? Alte? Kranke?
Wer von ihnen wird wohl auf der Strecke bleiben, für wen werde ich mich
eventuell entscheiden müssen, die alte Mutter? Das kleine Kind? Mit
Auszählreim? Wie ist das, wenn die Kapazitäten, die Familie zu retten,
einfach nicht für alle reichen? Knobelt man um den Platz im Zug? Um die
letzte Wasserration? Viele Kinder sind in den vergangenen Jahren auf
ihrem Fluchtweg nach Österreich, nach Europa, ums Leben gekommen.
Verhungert, ertrunken, erfroren.
Einige sind schon beim Versuch, die Grenzen zu queren, im Ursprungsland
getötet worden. Es wird gezielt in Flüchtlingskonvois geschossen,
Flüchtlingszüge werden hinterhältig angegriffen, obwohl klar ist, dass
es sich da um Zivilisten auf der Flucht handelt.
Ein billiges Exempel. Selten zieht so eine Vorgangsweise ein
Kriegsverbrechertribunal nach sich, obwohl es sich hier offensichtlich
nur um eines handelt: um ein Verbrechen wider die Menschheit.
Über Stock und Stein
Ich frage mich nicht mehr, wie es ist, ein Mensch auf der Flucht zu
sein, denn ich habe diese Geschichten wieder und wieder gehört, vier
Jahre lang dreimal die Woche, von Kindern, von Frauen und Männern, von
Alten, die ihre ganze Familie überlebt hatten, durch Zufall, durch
sogenanntes Glück, das von den Betroffenen oft nicht als Glück, sondern
als bittere Ironie, als Strafe, als Fluch gesehen wurde, mit Bildern der
Verstorbenen, die sie nächtens quälten, mit Selbstvorwürfen während des
Tages.
Wie geht es wohl einer Mutter, die mit ihrem Mann und den drei Kindern
Punkt A des großen Flüchtlings-Mensch-ärgere-dich-nicht verlässt und
bereits auf halbem Weg nach Punkt C in einen Hinterhalt gerät, Figur 2,
3 und 4 verlassen die Spielfläche im Bombenhagel. Die zwei verbliebenen
Figuren dürfen weiterziehen. Zu Fuß. Über Stock und Stein und Schnee und
Waldwege.
Ob man eine Doppelsechs würfelt beim Asylantrag ist auch nicht wirklich
klar, denn Gründe gibt es zwar, aber leider nicht immer so viele
Beweise. Ihr einziger Beweis ist der Weg, die Finsternis, die Angst. Die
vielen, vielen Schritte auf unbekanntem Boden. Sie hat sie nicht alle
gezählt.
Und diesen Weg wird sie dann in Österreich wieder und wieder und wieder
beschreiben müssen, und wehe, es unterläuft dabei ein kleiner Fehler,
eine Unstimmigkeit, eine abweichende Angabe, denn dann wird sie als
Lügnerin hingestellt, als eine, die den Staat in hinterlistiger Art und
Weise schädigen wollte durch die Rettung ihres nackten Lebens, und
anders als für Karl-Heinz Grasser wird keine Unschuldsvermutung gelten,
heute nicht, morgen nicht, und schon gar nicht für das traumatische
Gestern.
Wie soll sie beweisen, dass ihr Mann neben ihr gestorben ist? Sie hat
keine Todesanzeige. Buchstaben haben mehr Gewicht als gesprochenes Wort,
und noch mehr Gewicht hat ein passender Stempel. Die Wucht, mit der er
auf das geheiligte Papier gesetzt wurde, ist wuchtiger als jeder
Schicksalsschlag. Und so sitzt sie da und übt, das Grauenhafte, das
Unbegreifliche zu erzählen, ohne einen Fehler, zwingt sich, sich genau
zu erinnern, wie das war: wo sie gestanden ist. Wo ihre Tochter. Wo das
Auto, das von der Bombe getroffen worden ist. Die Tochter wird übrigens
ebenfalls gezwungen, ihre Sichtweise zu wiederholen und sich genau zu
erinnern, wie der Bruder starb, wie der Vater, die ältere Schwester. Zu
wem sie gelaufen ist. Wo genau sie unter der Autobahnbrücke stand, an
deren Betonwände sie sich für immer erinnern wird, diese poröse graue
Oberflächenstruktur der Wand, an die sie von der Druckwelle geworfen
wurde, ist ab sofort und für immer der Hintergrund ihrer Innenschau,
eingebrannt auf der Rückseite ihrer Lider, sobald sie sich schließen,
sieht sie wieder die Wand, hört das Kreischen von Metall auf Metall, und
dann die lange, lange Stille. Sie wird nicht urteilen können, was
schlimmer war, das Laute oder das Lautlose.
Das Laute wird sie einholen, überall, auch in der vermeintlichen Wiener
Sicherheit, sie wird keine Autobahnunterführung betreten können, weil
ihre Knie Meter davor nachgeben werden, und wenn eine U-Bahn in der Nähe
vorüberfährt, wird sie oft ohnmächtig werden. Das Lautlose aber wartet
auf sie, sobald sie sich schlafen legt, das Hinlegen ist gefährlich, es
erinnert an Liegenbleiben, hinter den geschlossenen Lidern sammeln sich
die Bilder, um sich zu Dantes privatem Inferno zusammenzubrauen, sie
geht also nicht mehr schlafen, um dem zu entkommen, und schlafwandelt
tagsüber, da die Kräfte sie verlassen.
Je weniger sie schläft, umso unkonzentrierter werden ihre Schilderungen,
sie fürchtet sich bereits Monate vor ihrem Gerichtstermin, der Therapeut
wird ihr Beruhigungsmittel verschreiben, die einen feinen grauen Nebel
legen zwischen sie und die graue Betonwand, aber sie fürchtet diesen
Nebel fast ebenso sehr wie die Nacht und den Schlaf, weil sie zu Recht
spürt, dass ihre Schilderungen weniger präzise ausfallen könnten. Die
Präzision aber ist das, was den Tod der Familienmitglieder nicht völlig
sinnlos machen wird, denn welchen Sinn hätte es wohl, wenn sie nicht
einmal das letzte Kind in Sicherheit bringen könnte mit besonders genau
gesetzten Worten? Diese Worte werden es sein, die gemessen, gewogen und
für eventuell genügend befunden werden müssen.
Diese Worte sollen ihre Schritte beweisen, die vielen, vielen Schritte
durch Europa, sie hat vergessen, wie viele es waren, wie viele Tage,
und das ist gefährlich. Sie war so lange unterwegs und ist doch immer
nur in jener Autobahnunterführung gewesen, aber wenn sie das sagt, gibt
es nichts zu kartografieren. Dann hat ihr Weg nicht stattgefunden. Damit
verfällt ihr Recht auf Sicherheit.
Ich frage mich nicht mehr, wie das ist, wenn sie nächtens über einen
Atlas gebeugt sitzt und mit dem Finger immer wieder von neuem sinnlose
Linien zieht, über Berge und Flüsse, über Staatsgrenzen hinweg, so ist
das schnell und problemlos möglich, und sie folgt dem Finger mit den
Augen und rezitiert dabei die Länder, die sie betrat und wieder
verlassen hat, penibel in der richtigen Reihenfolge, während das Kind
schläft, oder so tut, als würde es schlafen, vielleicht geht auch die
Tochter die Wegstationen durch, immer und immer wieder, den Abstand zum
Vater, die Tage nach dem Verlust des Bruders. Das sind die Augenblicke,
wenn Worte mehr als Leben und Tod wiegen.
Ich frage mich, wie man dazu schweigen kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2011)
Bei der Aktion European Umbrella March, (in Österreich von der
Asylkoordination veranstaltet) wird symbolisch ein schützender
Regenschirm über Flüchtlinge gespannt. Am 20. Juni (dem internationalen
Tag des Flüchtlings) findet diese Initiative in Belgien, Deutschland,
Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich, der Türkei und
Tschechien statt. Also bitte spenden, mitmachen und Schirm nicht
vergessen! Start: 11 Uhr Freyung, 1010 Wien