Baumeister Schiele

17. Juni 2011, 17:54
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Mit Seele gebaut: Egon Schieles "Häuser mit bunter Wäsche" auf Rekordkurs in London

Arthur Roessler (1877-1955) war ein Anfang des 20. Jahrhunderts anerkannter Kritiker und Schriftsteller. Die Wertschätzung der akademischen Kunstforschung blieb ihm letztlich verwehrt, obgleich er einige wichtige Monografien zu Meistern des 19. Jahrhunderts verfasste, denen oft erst Jahrzehnte später ein Werkverzeichnis folgte. Als Redakteur mehrerer Kunstzeitschriften und Kunstkritiker der Arbeiter-Zeitung war die junge Kunstszene sein bevorzugtes Arbeitsrevier. Hier entdeckte er beispielsweise auch Egon Schiele, den er wiederum an die Kunstsammler und späteren Auftraggeber Carl Reininghaus und Oskar Reichel vermittelte.

Noch Jahre nach dem Tod des Künstlers zehrte der Publizist von den Erinnerungen an die zahlreichen Gespräche. So auch 1925 in einem in der Fachzeitschrift Österreichische Baukunst veröffentlichten Artikel "Zu Egon Schieles Städtebildern", der - im Vorfeld des am 22. Juni bei Sotheby's in London im Auftrag des Leopold-Museums zur Versteigerung gelangenden Gemälde Häuser mit bunter Wäsche (Vorstadt II) - einen authentischen Einblick in Schieles eigene Sichtweise gewährt.

Der von Roessler skizzierte Gedankenaustausch hatte etwa das noch heute den Kunstmarkt kennzeichnende Mengenverhältnis in Schieles OEuvre zum Thema, von dem Aquarelle und Zeichnungen dominierenden Kardinalthema der menschlichen Gestalt gegenüber der motivischen Minderheit der Architektur in Öl. Irgendwann hatte Schiele die Faszination für Städte befallen, eine Liebe, ob deren Seelenhaftigkeit und voll ehrfürchtigem Staunen für die "kristallinischen Drusen von riesenhafter Größe und abenteuerlich vielfältigem Formenreichtum".

"Wenn ich nicht Maler wäre, was ich mit jeder Faser meines Leibes und aller Kraft meiner Seele bin, würde ich wohl noch am liebsten Baumeister sein wollen", zitiert ihn Roessler. Wiewohl er das eigentlich sei, denn darin sei ja alles gebaut, und sei bildmäßiges Komponieren nichts anderes als Bauen. "Ein Bildwerk, in dem die Teile nicht architektonisch behandelt werden, das nicht gefügt, gebaut ist" tauge genau genommen nie, "kann trotz schöner Farben und sonstiger Vorzüge keinen rechten Halt in sich haben".

Ein Weltrekord für Wally

Für die in der Welt verstreuten Schiele-Aficionados bietet sich anlässlich des Impressionist & Modern Art Evening Sales angesichts der Rarität der Städtebilder deshalb eine einzigartige Gelegenheit, so sie über notwendige finanzielle Mittel verfügen. Zwischen 22 und 30 Millionen Pfund bzw. umgerechnet etwa 25 und 34 Millionen Euro beziffern die Experten ihre Erwartungen. Welchen Preis das Werk aus dem Jahr 1914 auch erzielt, er wird - das hat der Vorstand ausverhandelt - 1:1 an die Leopold-Museums Privatstiftung überwiesen. Ein Budget, das man nicht nur für die Refinanzierung des Wally-Deals benötigen wird.

Ein neuer Künstlerweltrekord wird es mit Sicherheit, wie ein Blick auf die höchsten jemals für Schiele-Werke in Auktionen erzielten Preise belegt, an deren Spitze ein solches Städtebild steht: In Dollar beansprucht Christie's 2006 in New York versteigertes Einzelne Häuser (1915) mit 22,41 Millionen (17,55 Mio. Euro) den ersten Platz - in Euro hält die Krumauer Landschaft (Stadt & Fluss) von 1916 diesen Titel, die 2003 bei Sotheby's in London für 18,2 Millionen (12,66 Mio. Pfund) den Besitzer wechselte. (Olga Kronsteiner / DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2011)

  • Egon Schieles "Häuser mit bunter Wäsche" bringt dem Leopold-Museum dringend notwendiges Spielgeld, 25 Mio. Euro zumindest.
    foto: sotheby's

    Egon Schieles "Häuser mit bunter Wäsche" bringt dem Leopold-Museum dringend notwendiges Spielgeld, 25 Mio. Euro zumindest.

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