"Fehler sind das, was uns fehlt"

17. Juni 2011, 17:47
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Peter Waterhouse, am Samstag mit dem Ernst-Jandl-Preis für Lyrik ausgezeichnet, über Aktualität, Utopie und Kunstanspruch

Mit Waterhouse sprach Udo Kawasser.

Standard: In Ihrem neuen Buch "Der Honigverkäufer im Palastgarten und das Auditorium Maximum" polemisieren Sie gegen vordergründige Aktualität, andererseits suchen Sie von den Rändern her die Auseinandersetzung mit zeitgeschichtlichen Themen am Beispiel eines Gerichtstages in Ruanda oder der Besetzung des Auditorium maximum der Uni Wien.

Waterhouse: Das Buch steckt voller Aktualität, sie wird aber in einen Zustand versetzt, der ihr die Schnelligkeit nimmt, sodass man sich mit einer gewissen Gelassenheit und ohne Hysterie damit beschäftigen kann.

Standard: Dabei fällt ein starker Gestus des Infragestellens auf, der auch vor dem Erzähler nicht haltmacht.

Waterhouse: Dieses Befragen geschieht ja auch mit großem Interesse, es ist kein verdrießliches Fragen, sondern eine Neugierde. Der Erzähler stellt hauptsächlich seine Genauigkeit und sein Wahrnehmungsvermögen infrage, das ihm nicht genügend ausgebildet zu sein scheint. Er ist noch immer zu sehr beherrscht von Absichten und Schnelligkeit. Er empfindet es als Mangel, nicht in genügendem Ausmaß über die Qualitäten Träumen, Nichtstun, Nichtswollen zu verfügen.

Standard: Einer der schönsten Momente im Buch ist, als sich ein Polizist einem träumenden Hausbesetzer nähert, um ihn zu wecken und zu verhaften, und der Träumer ihn dann in seinen Traum aufnimmt.

Waterhouse: Und dann gibt es diesen schlimmen Moment, als eine Wiener Zeitung unter der Parole "Der Traum ist ausgeträumt" darüber berichtet. Der Erzähler ist dieser Zeitung böse und fragt sich, ob es diese Formel überhaupt geben kann. Da ist die Fragestellung sehr effektiv: Kann man einen Traum austräumen? Oder ist der Traum eben kein Ding, das man haben und daher austräumen bzw. verbrauchen kann? Es tut sich eine große Diskrepanz auf im Recht - es erlaubt nicht, dass es rechtsfreie Räume gibt.

Standard: Was erwarten Sie sich vom Recht?

Waterhouse: Vielleicht ist es die größte Leistung einer Rechtsordnung, dass sie sich selber begrenzen kann, also nicht nur die ganze Gesellschaft ordnet, sondern auch sich selbst, und sich für gewisse Dinge unzuständig erklärt. Ich glaube, diese jungen Leute in Wien, die die Volksschule besetzten, haben gezeigt, dass wir Dinge tun können müssen, wo nicht "Recht muss Recht bleiben" gilt.

Es muss auch die Räume geben, wo das Recht nicht eindringt. Es gab immer schon diese Räume, die gehören zutiefst zu dieser Kultur. Man spürt sie im Begriff des Asyls. Das Asyl gewährt, gleichgültig was der Mensch gemacht hat, Schutz. Kirchen sind solche Räume und die Universität. Die Polizei darf deren Räume nicht betreten, solange das Rektorat nicht die Genehmigung gibt. Daher war es ein Skandal, dass die Universität der Polizei die Türen geöffnet hat. Damit ist ein Schaden angerichtet worden, der viel größer ist, als der finanzielle Schaden, der durch die Audimax-Besetzung entstanden ist. Dadurch ist eine Tradition verletzt worden, die man nicht verletzen soll.

Standard: In Ruanda kommt es zu einer Art Gerichtsverhandlung in einem Raum, während deren das weibliche Opfer den Täter plötzlich als Sohn bezeichnet. Ist das nicht eine utopische Form der Konfliktlösung?

Waterhouse: Vielleicht ist das gar nicht so utopisch. Denn was in dem Dorf passiert ist, hatte in Ruanda seinen realen Ort. Es wird während dieser Szene laufend aus dem Kinyarwanda ins Englische übersetzt, und dem Erzähler scheint das Englische nicht glaubwürdig zu sein. Er kann dann aber akzeptieren, dass er nicht versteht, wie es zu diesem Moment in dem Raum kommen konnte. Die Frau sagt ja auch nicht "Du bist mein Sohn", sondern "Ich sehe dich". Und er weiß nicht, wen sie da sieht. Hier wird kein Täter identifiziert. Und daher wird auch nicht einem bestimmtem Menschen verziehen. Man könnte glauben, dass sie in diesem Moment träumt.

Standard: In Ihrem Buch werden immer wieder die gleichen Stellen aus der Literatur, etwa aus "Hamlet" oder eine Shakespeare'sche Sonettzeile, wie eine Lupe über verschiedene Ereignisse gezogen.

Waterhouse: Da berühren sich dann Bereiche, von denen man es nicht vermuten würde, etwa berührt sich die Unfähigkeit von Hamlet zu handeln, die in Europa seit mehr als 200 Jahren diskutiert wird, auf einmal mit der Handlungslosigkeit dieses Gerichts in Ruanda. Ich vermute, dass Hamlet deswegen nicht zur Tat schreitet, weil alle Figuren in diesem Theaterstück eine Person sind. Hamlet ist nicht der andere. Das sind vielmehr Spiegelverhältnisse. Ich sehe es auch nicht als Tragödie. Es heißt ja "The Tragedy of Hamlet, Prince of Denmark". Wenn man ein Stück "Tragödie" nennen muss, dann ist es wohl schon keine Tragödie mehr.

Viel spricht dafür, dass es eine Komödie ist. Ich weiß nicht, wie es die Regisseure schaffen, beim Personenverzeichnis des Stücks nicht hellauf zu lachen. Alle Namen stimmen nicht. Polonius ist von der Staatsbürgerschaft her ein Däne, sein Name bedeutet aber Pole, und die Schreibung ist lateinisch. Also was ist er?

Die Frage, die sich mir und, ich glaube auch, Hamlet in dem Stück stellt ist: Who is who? Im Original hieß er ja Amleth. Wenn man das h nach vorn gibt, bekommt man englisch hamlet und das heißt "Dörfchen" oder so wie der Landeshauptmann in Kärnten "Dörfler". Und als sich dann im Hamletstück im 5. Akt alle identifizieren, bringen sich alle gegenseitig um. Die Identifizierung erlaubt das Zielen und damit die Gewalt. Und das ist so schön an der Dorfszene in Ruanda, dass die Frau nicht zielt. Es ist wundersam, ihr zuzusehen, wie sie sich in diesen Zustand bringt, ihre Sinne nicht mehr zum Zielen zu verwenden, sondern etwas anderes damit zu machen.

Standard: Warum kreisen viele Überlegungen des Erzählers um einen so altmodischen Begriff wie "Ewigkeit"?

Waterhouse: Vielleicht deswegen, weil die Ewigkeit der höchste Grad an Unbrauchbarkeit und gleichzeitig an Unerreichbarkeit ist. Das Wort kommt im Buch ja öfter vor. Das, was man verbraucht, ist zeitlich. Was sich nicht verbrauchen oder gebrauchen lässt, ist unbrauchbar. Es gibt in dieser Erzählung einen Konnex zwischen dem Unbrauchbaren und dem Ewigen. Das ist vielleicht allzu kindlich gedacht. Aber der Erzähler ist von dieser Sache überzeugt.

Standard: Ist das nicht die Erneuerung eines alten Kunstanspruchs?

Waterhouse: Ja. Aber nicht jede Kunst ist für die Ewigkeit. Sie muss schon bestimmte sich entziehende Merkmale haben, sonst wird sie brauchbar. Irgendetwas, dass man nicht versteht, was sie sagt, dass man sie nicht ergreifen kann, sodass man sie immer wieder lesen muss. Der Erzähler liest etwa das erste Kapitel von Dombey and Son immer wieder und entwickelt eine Freude daran, dass man etwas wiederholen kann und es wird nicht vertrauter oder gar verbraucht, sondern in jeder Schleife immer frischer. Das Ewige ist vielleicht etwas, das sich erneuern kann.

Diese Erfahrung ist mit Konsum nicht möglich. Man kauft sich ein Auto oder einen Fotoapparat und wird dann ein wenig depressiv, weil man die Sache im Moment des Besitzens ein bisschen verliert, während man beim Nichtbesitz immer ein wenig in einem Erregungszustand bleibt. Vielleicht sind diese ganzen kleinen Beobachtungen im Buch (die Versprecher, Fehlbezeichnungen, Abwesenheiten) Momente, in denen der Erzähler gewahr wird, dass er Augenblicke von Ewigkeit geschenkt bekommt.

Standard: Könnte man das Buch als eine Spurensuche bezeichnen?

Waterhouse: Spuren- und Fehlersuche. Die Fehler sind das, was uns fehlt. Im Englischen ist "mistake" ja vielmehr das Missverständnis. "Fehler" hat im Deutschen keinen bemängelnden Ausdruck, sondern stellt Abwesenheit fest. Man könnte statt Fehler "Abwesenheit" oder "Abwesende" sagen. Die Toten sind die "Fehler", so kann man es empfinden.

Standard: Wenn nun die "Abwesenheiten" in die Rede hereingeholt werden, besteht dann nicht die Gefahr, sie zu zerreden?

Waterhouse: Das müssen Sie und die LeserInnen beurteilen. Wenn für die LeserInnen durch das Schreiben die besondere Qualität des Abwesenden, Fehlenden oder Transzendenten verlorengegangen ist, hätte das Buch selber einen großen Fehler. Das Buch ist in Österreich so gut wie nicht besprochen worden. Aber vielleicht muss man das ganz anders sehen: Nämlich dass diejenigen, die sonst das Geschäft des Besprechens und Kritisierens betreiben, dieses Buch sehr wohl gelesen haben und es durch Nichtbesprechen honorieren (lacht).
(DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2011)

Über den Autor: Udo Kawasser (geboren 1965) lebt als Autor, Übersetzer, zeitgenössischer Tänzer und Choreograf in Wien.

  • Am Samstag, 18.6. um 19.15 überreicht Bundesministerin Schmied in Neuberg an der Mürz den mit 15.000 Euro dotierten Ernst-Jandl-Preis für Lyrik an Peter Waterhouse.
    foto: standard / heribert corn

    Am Samstag, 18.6. um 19.15 überreicht Bundesministerin Schmied in Neuberg an der Mürz den mit 15.000 Euro dotierten Ernst-Jandl-Preis für Lyrik an Peter Waterhouse.

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