Zurück in den Boom

17. Juni 2011, 17:50
2 Postings

Skulptur ist Trumpf auf der 42. Art Basel, die einen Ansturm wie in ihren allerbesten Zeiten erlebt und eine spannende Sektion mit kuratierten Galerienprojekten zeigt

Zuerst Stau der Privatjets, dann Schlangestehen vor der Messehalle und schließlich Gerangel in den Kojen: Am VIP-Tag der heurigen Art Basel (bis inkl. 19. Juni) herrschte enormer Andrang. Als wäre die Uhr auf die Boomjahre zurückgedreht, drängten nervöse Sammler an hochpreisiger Ware. Ein Shoppingtermin auf dem internationalen Messekalender wurde ja jüngst gestrichen, als das Art Forum Berlin nach 15 Jahren sein Aus bekanntgab.

Während das Art Forum bei seinen Fusionsverhandlungen mit der Konkurrenz Art Berlin Contemporary scheiterte, kaufte sich die Basler Messe vor kurzem mit 60 Prozent in die Art Hongkong ein. Für ein Engagement in dem Markt ist es höchste Zeit: 2011 sind in Basel nur acht Händler aus China bzw. mit Filialen dort, vertreten und asiatische Kunden eine verschwindende Minderheit.

Gewohnt starke Präsenz zeigen die US-Sammler, für die mit 73 Galerien und deren Künstlertross die Crème de la Crème ihres Landes angereist ist. Big Names aus Amerika wie Robert Rauschenberg, Carl Andre, Dan Flavin oder James Turrell sind in der Art Unlimited vertreten, die Kunst im XL-Format versammelt.

Leider überzeugt dort John Baldessaris Mehrfachprojektion Five 1986 Films (New) wenig; der 80. Geburtstag des wichtigen Künstlers wurde auch von keiner seiner vielen Galerien größer gewürdigt. Zu den Installationen mit politischem Anstrich bietet das Künstlerduo Duo Allora & Calzadilla, das heuer den amerikanischen Pavillon in Venedig bespielt, eine prekär balancierende Waage der Gerechtigkeit und in Mona Hatoums Installation stößt man auf ein Meer an von der Decke baumelnden und Stacheldraht ähnlichen Lederbändern.

Luxus der Isolation

Eine dunkle Satire auf Luxus-eliten liefert Hans Op de Beecks Video Sea of Tranquillity, der ein avantgardistisches Kreuzfahrtsschiff mit permanenten Mietern zeigt, die ihren Reichtum in einer Art schwimmenden Isolationszelle genießen. Ursula Krinzinger hat den aufwändigen Film mit drei Kollegen kofinanziert. "Anders lassen sich solche Projekte nicht mehr verwirklichen." Der Messestart lief für die Galeristin hervorragend ebenso wie für Rosemarie Schwarzwälder, die viel positive Reaktionen auf Ernst Caramelles Installation mit monochromer Wandmalerei und Spiegeln erhielt. Von Manfred Pernice wechselte für 66.000 Euro die Skulptur mit Wotruba-Zitaten aus der letzten Secessionsschau den Besitzer. Georg Kargl verkaufte wiederum Markus Schinwalds prothetisch übermalte Bürgerporträts, die auch bei Yvon Lambert (Paris) und Marconi (Mailand) zu haben sind. Kostenpunkt: ab 22.000 Euro.

Gadaffis grünes Buch

Wie schon auf der diesjährigen Biennale in Venedig läuft auch in Basel das Medium Skulptur zu Hochtouren auf. Anish Kapoors perlmuttglänzende Wandobjekte und die Totenköpfe des Briten Thomas Houseago stechen dabei besonders hervor. Von dem algerisch-stämmigen Adel Abdessemed, der auch in der Sammlung Pinault vertreten ist, verkaufte Christine König eine Kleinplastik mit aktuellem Bezug: Das aufgeschlitzte Kunststoffpferd, das auf das Grüne Buch - die Bibel Gaddafis - gebunden ist, hat 80.000 Euro gekostet. Martin Janda führt eine bemalte Stahlskulptur von Werner Feiersinger im Angebot, und im hochfrequentierten Stand von Ropac verstellt die glänzende Stahlkugel Moon des schweizerisch-amerikanischen Künstlers Not Vital den Weg.

Mit dem nötigen Kleingeld hat die Art Basel für jeden Geschmack etwas zu bieten: von Warhols zehn Meter langem Marilyn-Bild um 80 Millionen Dollar (Bruno Bischofberger, Zürich) oder einem Francis-Bacon-Triptychon um 50 Millionen Dollar (Marlborough Galerie, Zürich) bis hin zu ganz jungen Positionen in der Sektion Statements. Die aktuelle Selektion an Newcomern bietet indes weniger Überraschungen als die leider an den Messerand gequetschte Abteilung Feature. Bei diesen 20 kuratierten Galerienprojekten mischen sich aufs Beste stringente Etabliertenshows - solche von Giorgio Morandi oder Lygia Clark - mit wiederentdeckten Positionen, etwa KwieKulik oder John Smith, und Künstlern wie Klara Lidén, deren Stern international gerade zu leuchten beginnt.  (Nicole Scheyerer/ DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2011)

  • Kai Althoffs Installation "Punkt, Absatz, Blümli" wechselte kurz vor dem Start der Art Basel in New York den Besitzer.
    foto: galerie gladstone

    Kai Althoffs Installation "Punkt, Absatz, Blümli" wechselte kurz vor dem Start der Art Basel in New York den Besitzer.

Share if you care.