Wiener Kinder haben enorme Leseprobleme

17. Juni 2011, 14:14
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Flächendeckender Test: Jedes vierte Kind kann nicht sinnerfassend lesen

Wien - Was die Pisa-Studie schon nahelegte, hat der Stadtschulrat jetzt flächendeckend erhoben: Die Wiener Schüler haben erhebliche Lesedefizite. 24 Prozent der Zehnjährigen befinden sich in der sogenannten Risikogruppe, haben also Schwierigkeiten beim sinnerfassenden Lesen. Bei den 14-Jährigen sind es 19 Prozent. Sieben bis zehn Prozent der getesteten Kinder haben "extreme Probleme", sprich: Ihnen fehlen die elementarsten Lesefähigkeiten.

Anfang April wurde die Lesekompetenz aller Wiener Schüler in der 4. und 8. Schulstufe getestet, 100.000 Euro hat sich der Stadtschulrat diese Erhebung kosten lassen. Für Günter Haider, dessen Institut Bifie die Tests durchgeführt und ausgewertet hat, ein "Meilenstein" - denn im Gegensatz zu Pisa, das aufgrund der Stichprobenerhebung bloß ein Monitoring liefere, habe man nun erstmals in Österreich individuelle Ergebnisse, an die man direkt anknüpfen könne, um die Schüler zu fördern.

Genau das hat der Stadtschulrat nun vor. Jedes Kind erhält kommende Woche sein Ergebnis, das aber keine Auswirkungen auf die Noten hat. Für die meisten Teilnehmer am Test steht im Herbst ein Schulwechsel an; die neuen Lehrer werden über mögliche Leseschwächen informiert, in der zweiten Schulwoche gibt es dann eine "Startwoche Lesen", für die die Lehrer geschult werden, um individuelle Probleme besser diagnostizieren zu können.

Eine radikale Maßnahme wird bei den allerschlechtesten Lesern ergriffen: Sie werden im Herbst für einige Wochen aus dem regulären Unterricht herausgenommen und sollen in einem "Crashkurs" ihre Lesefähigkeiten verbessern. Denn, so argumentiert Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SP), wer nicht lesen könne, könne in den anderen Fächern ohnehin nicht folgen. Bis Weihnachten erhofft sie sich eine deutliche Verbesserung, dann sollen die Lesefähigkeiten der Risikoschüler wieder überprüft werden.

Das Datenmaterial will sich Brandsteidl genau anschauen, etwa im Hinblick darauf, ob Kinder in Ganztags- oder Halbtagsschulen besser abschneiden. Eine Auswertung nach Migrationshintergrund wird es nicht geben.

Schlechte Chancen

Die OECD hat am Freitag eine Pisa-Analyse veröffentlicht, laut der in Österreich Schüler aus sozial schwachen Familien unterdurchschnittlich schlechte Chancen haben, es in das obere Leistungsviertel zu schaffen. Hierzulande gelingt das jedem Fünften, OECD-weit ist es jeder Dritte. (Andrea Heigl, STANDARD-Printausgabe, 18./19.6.2011)

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Posting 1 bis 25 von 1018
schreiber2
00
21.6.2011, 20:44
und der test?

meine schule hat die testergebnisse bekommen. Sehr-gut-Schüler haben Ergebnisse von Quasianalphabeten. Warum? Vielleicht weil den Schülerinnen der Test sowas von egal ist und sie irgendwas ankreuzen? Vielleicht sollten sich die coolen Testentwickler mal ein wenig mit der Realität der Jugendlichen auseinandersetzen, denen eine irrelevante Abfragerei einfach am A. vorbeigeht.

R. Lexer
00

Es ist auch eine Frage, wie man das den Schülern "verkauft".

"Da macht's mal. Ergebnis ist eh wurscht" wird halt zu negativen Ausreißern führen.

Spucks
00
22.6.2011, 08:02

Vielleicht sollten Lehrer und Eltern den Kindern klar machen, dass derartige Tests sinnvoll sind, da sie zeigen wo Schwächen liegen und wie den Schülern geholfen werden kann?

Außerdem vergeben Lehrer Noten nicht immer nach Leistung - vielleicht sind diverse 1er Schüler ja wirklich quasi Analphabeten.

akela
00
21.6.2011, 06:41
Umsetzung

Maßnahmen ankündigen ist die eine Seite, Möglichkeiten zur Umsetzung die andere. Es wurde zwar ein Maßnahmenkatalog erstellt (der übrigens schon lange Wunsch vieler LehrerInnen war), die nötigen Ressourcen, sprich das nötige Stundenkontingent, werden nicht bereitgestellt.

Wiener Mafioso
00
21.6.2011, 05:37
Der Grund ist klar:

Das kann nur dieser beinharte Leistungsstress in den Wiener Volksschulen sein. Oder aber dieses grausame Aussieben bereits nach dem Kindergarten.

freddy001
01
20.6.2011, 12:14

Vielleicht liegt es auch daran, dass immer weniger Eltern Zeit dafür haben, ihren (kleinen) Kindern am Abend etwas vorzulesen...

Spucks
01
20.6.2011, 14:03

Zeit hat für sowas sicher jeder. Ob man auch Lust dazu hat, ist eine andere Frage.

LGM
01
20.6.2011, 14:11

Dass aber dann die Schule die Watschen einstecken muss, wenn die Eltern keine Lust haben, kann's ja auch nicht sein.

marie berg
00
20.6.2011, 21:39
soso

"Die OECD hat am Freitag eine Pisa-Analyse veröffentlicht, laut der in Österreich Schüler aus sozial schwachen Familien unterdurchschnittlich schlechte Chancen haben, es in das obere Leistungsviertel zu schaffen. Hierzulande gelingt das jedem Fünften, OECD-weit ist es jeder Dritte."
---> WORAN sind da jetzt konkret die eltern schuld?

LGM
00
20.6.2011, 21:57

Wir haben oben vom Lesen geredet, nicht vom weiteren Fortkommen der Schüler. Die Analyse ist für dieses Thema also nicht relevant.
Für das Lesen ist einerseits der Unterricht der Fertigkeit wichtig (=Schule), viel wichtiger ist aber ausreichend Übung, die eben außerhalb der Schule stattfindet. Weiter unten wird ein Artikel zitiert, der beschreibt, wie wichtig das vorlesen zuhause für den Erwerb der Lesefähigkeit und auch Leselust ist. Wenn die Eltern das nicht tun, dann kann man kaum die Schule dafür verantwortlich machen.

kakophobikerin
00
22.6.2011, 07:12
ich kann gut lesen und schreiben und mir wurde eigentlich nie was vorgelesen.

ich seh nicht ganz was das bringt, wenn wer anderer das macht was ich lernen soll? dann lerne ich zuhören, aber lesen lernen vom vorgelesen bekommen? das geht?
ich bezweifel das irgendwie.

LGM
00
22.6.2011, 08:31

Spucks hat es unten ganz gut zusammengefasst. Das Vorlesen von Büchern schafft bei Kindern unter anderem eine Neugier auf Bücher und sie verbinden angenehme Erfahrungen damit.
Die anderen angeführten Faktoren kann man sicher auch erreichen, indem man den Kindern Geschichten erzählt, aber gerade kleine Kinder mögen dieselbe Geschichte wieder und wieder erzählt haben und mögen es oft überhaupt nicht, wenn sich die mit jedem Erzählen ändert. Da hilft ein Buch auch dem Ezählenden...
Aber es stimmt, die eigentliche Lesefertigkeit lernt man nur durch (viel) lesen

Spucks
00
22.6.2011, 08:08

Es geht nicht darum, dass man durchs Vorlesen lesen lernt, sondern um viele andere Dinge:
1. Die Kinder lernen Bücher zu mögen
2. Der Wortschatz erweitert sich
3. Auch außerhalb des Wortschatzes erweitert es das Sprachverständnis, da die geschriebene Sprache sich oft von der gesprochenen unterscheidet.
4. Kinder lernen aus dem Gehörten einen "Film im Kopf" zu machen, was für das spätere sinnerfassende Lesen wichtig ist.

marie berg
00
20.6.2011, 22:38
sehen sie

und da bin ich anderer meinung: unser teures schulsystem MUSS sicherstellen, dass ALLE kinder unabhängig ihrer herkunft, lesen lernen. es geht nicht um bücherliebe sondern um eine rudimentäre kulturtechnik.

LGM
00
20.6.2011, 22:59

Dann müssen Sie aber jede Menge Geld hineinstecken und auch erzwingen, dass die Kinder für diese zusätzliche Zeit zur Verfügung stehen.
Man kann nicht Verantwortung übertragen, ohne gleichzeitig die entsprechenden Mittel zur Verfügung zu stellen.

marie berg
00
20.6.2011, 23:24
zunächst

sollte mal evaluiert werden, ob das, was die lehrer im moment so tun, überhaupt sinn macht. und dann wird man sehen wieviel zusätzliche mittel benötigt werden.

LGM
00
20.6.2011, 23:49

Ich weiß nicht, was Ihnen Lehrer angetan haben, aber sie führen hier einen völlig irrationalen Kreuzzug gegen die Lehrerschaft und erwecken den Eindruck, dass Ihnen das eigentliche Thema völlig egal ist, solange man nur Lehrer überprüfen und kündigen kann.

marie berg
00
21.6.2011, 07:57
mir hat

gar niemand "was angetan". ich halte nur das derzeitige schulsystem für änderungsbedürftig!

grapefruitmoon
00
4.10.2011, 22:48

Da bin ich ganz ihrer Meinung und als Mutter von 2 schulpflichtigen Kinder bin ich es leid mir dauernd die Schuld an diesem schlechten Ergebnis in die Schuhe schieben zu lassen - im österreichischen Schulsystem läuft einiges schief!

LGM
00
21.6.2011, 08:36

Das kommt aber halt überhaupt nicht so an.

Spucks
01
20.6.2011, 14:14

Die Watschen sollten an Beide gehen, wobei ich aber auch davon überzeugt bin, dass der Großteil der Watschen den Eltern gebührt. Der zweitgrößte Teil gehört dem Schulsystem, und der drittgrößte dann den Schulen/Lehrern.

W.v.Grün, Erfinder düsengetriebener Wunderwaffeln
03
20.6.2011, 10:19
Ganz naive Frage:

Wenn ein Manager ein Unternehmen führt, das jahrzehntelang den Ruf hatte, hohe bis ausgezeichnete Qualität herzustellen, und dieser Laden im Laufe weniger Jahre auf einmal 25 % Ausschuss produziert und statt konkreter Gegenmaßnahmen nur Geschwafel, Augenverschliessen und Abstreiten angesagt ist – dann wird dieser Manager flugs auf der Strasse landen (jaja, bitte keine Banker-, Grasser- und Politgünstlingsvergleiche, das weiss ich alles. Ich spreche hier von einem ansonsten üblichen Standard).

Darum meine Frage: warum sitzt die Wiener Bilfungsmanagerin, die Stadtschulratpräsidentin, für deren Wirken der Begriff "Totalversagerin" noch eine euphemistische Beschreibung ist, noch immer auf ihrem Posten?

marie berg
21
20.6.2011, 18:07
weil

jeder, der oder die das bildungssystem reformieren will, das lehrerdienstrecht ändern muss. und davor hat der liebe gott den neugebauer gesetzt.

Franz Iskaner
 
00
21.6.2011, 07:58
nicht gott...

... benutzt neugebauer als werkzeug!

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