Beruflich mithalten

Was zukunftsfähige Köpfe auszeichnet

17. Juni 2011, 17:13
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    foto: gerd altmann/www.pixelio.de

    Foto: Gerd Altmann/www.pixelio.de

    Um vom Heute erfolgreich ins Morgen zu finden, braucht es eine nie nachlassende, nie endende Befreiung aus momentanen Denk- und Verhaltensmustern.

Um beruflich mithalten zu können, müssen ständig Anpassungen vorgenommen werden

Die laufende Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen - wer im Geschäft bleiben will, sollte sie nicht vernachlässigen. Doch was durch viele schöne Reden längst ein breitgetretener Gemeinplatz ist, bereitet im Persönlichen häufig arge Kopfschmerzen. In so mancher nächtlichen Selbstzweifelattacke quälen sich glaubwürdigen Bekundungen zufolge nicht wenige mit der Frage herum: Wie könnte, sollte, in welche Richtung muss ich mich verändern und anpassen?

Die Frage hat ihre Berechtigung. Wer sich mit sich selbst auf den Weg vom Heute ins Morgen machen will und dabei nach der richtigen Schrittführung sucht, stößt auf ein schier unüberschaubares Angebot an Ideen, Konzepten und Rezepten, die alle für sich in Anspruch nehmen, für die Zukunft fit zu machen. Veränderungsassistenz vulgo Lebenshilfe ist ein gleichermaßen blühendes wie verwirrendes Geschäft geworden.

Doch eines stimmt bei der Beschäftigung mit dieser Wie-Frage nachdenklich und legt ein wenig kritische Distanz zu all diesen verheißungsvollen Angeboten nahe. Und das ist die Beobachtung, dass es ganz augenscheinlich Menschen gibt, die gänzlich ohne seminar- oder workshopmäßige Wegweisung vom Heute ins Morgen finden. Und das nicht nur recht erfolgreich, sondern augenscheinlich auch ganz selbstverständlich.

Getragen von Selbstvertrauen

Wer es bei dieser nachdenklichen Verwunderung nicht belassen will und sich auf die Suche nach einer Erklärung macht und dabei das Glück hat, auf Karl-Heinz Brodbeck zu stoßen, bekommt eine knappe, im ersten Anhören verblüffende Antwort: wache, von Selbstvertrauen getragene Lernbereitschaft. Was der tief mit dem buddhistischem Gedankengut vertraute Philosoph, Kreativitätsforscher, Ökonomen und Wirtschaftsethiker - er lehrt als Professor an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt-FBW - damit sagen will, ist: Wichtiger als von irgendwo angediente Wegweisung stuft er in Sachen persönlicher Zukunftsvorbereitung aufmerksames, aufgeschlossenes, stets zum Weiterlernen bereites alltägliches Verhalten im Umgang mit sich selbst und der turbulenten Welt ein.

Und so erstaunt es dann auch nicht länger, wie er sich die persönliche Anpassungsarbeit vorstellt. Fachliches Wissen und auch Können? Keine Frage, selbstverständlich hält er deren sorgfältige Pflege für unverzichtbar. Doch, nun ganz Wissenschafter, darin sieht Brodbeck nur eine notwendige, längst aber noch keine hinreichende Voraussetzung, um vom "wind of change" nicht umgeblasen zu werden. Dem wirklich standhalten zu können, diese Stabilität stellt sich für ihn erst dann ein, wenn es jemandem gelingt, "das Alltägliche und Gewohnte immer wieder in neuem Licht zu sehen, über vermeintliche funktionale Gebundenheiten hinauszudenken, Materialien und Objekte in neuartiger Weise zu verwenden, Erlebnisse und altvertraute Sachverhalte anders als bisher zu betrachten, zu deuten und mit ihnen umzugehen."

Anpassung, Veränderung als neuer Blick auf das Gewohnte, vermeintlich Selbstverständliche, Alternativlose und oft genug auch Liebgewordene. Wie Friedrich Nietzsche schon bemerkte: "Nicht dass man etwas Neues zuerst sieht, sondern dass man das Alte, Altbekannte, von Jedermann Gesehene und Übersehene neu wahrnimmt, zeichnet die eigentlich originalen Köpfe aus." Die Entdecker des Penicillins und der Schwerkraft beispielsweise. Das Antibiotikum Penicillin verdankt die Menschheit der Tatsache, dass der schottische Bakteriologe Alexander Fleming angesichts einer irgendwie merkwürdig aussehenden Petrischale in seinem Labor stutzte und aus diesem Stutzen heraus die ihm zunächst nicht erklärlichen Muster in dem Glasschälchen unter die Lupe nahm und sie untersuchte. Immerhin hätte er das schlicht vergessene Glasschälchen ja auch einfach wegwerfen können. Was näher am normalen, gewohnten Verhalten gewesen wäre als Flemings Tun.

Auch Newton hätte sich über den Apfel, der ihm beinahe auf den Kopf gefallen wäre, als er dösend darunter lag, keine weiteren Gedanken machen müssen. Doch er machte sie sich. Und die führten ihn zusammen mit seinen nachfolgenden Experimenten zur Entdeckung der Schwerkraft. Zwei von nicht wenigen ähnlich gelagerten Beispielen. Was mit Blick auf die persönliche Anpassungsarbeit lehrt: wach bleiben, aufmerksam bleiben, im Denken und Verhalten nicht gedankenlos in Reih und Glied mit dem Gewohnten, einmal für richtig Befundenen marschieren. Die Welt durch die Brille des Gewohnten zu sehen, führt kaum zu neuen Ufern und Möglichkeiten.

Das ruft das Lebensmotto David Humes in Erinnerung, des vor 300 Jahren geborenen großen schottischen Aufklärers des 18. Jahrhunderts: "Bleib nüchtern und vergiss nicht, skeptisch zu sein!" Ein beherzigenswerter Rat, im Blick auf sich selber wie auf den Überfluss an Autoritäten, Experten und übereifrigen Hütern der Political Correctness. Zumal die Einstufung als Experte in unserer Zeit eine Sache für sich ist, wie der renommierte Politologe Professor Herfried Münkler unlängst in einem Zeitungsartikel anmerkte. Münkler: "Im öffentlichen Diskurs begründet sich der Status des Experten nicht unbedingt aus tatsächlichem Wissen, sondern entsteht durch mediale Etikettierung."

Befreiung aus Denkmustern

Womit erneut die von Brodbeck angeratene wache, von Selbstvertrauen getragene Lernbereitschaft in den Blick kommt. Fortschritt, soll der große Nationalökonomen Joseph Alois Schumpeter gesagt haben, ist schöpferische Zerstörung. Womöglich beschreibt dieser Satz des österreichisch-amerikanischen Wirtschaftswissenschafters am besten, was mit persönlicher Anpassungsarbeit gemeint ist: die nie nachlassende, nie endende Befreiung aus momentanen Denk- und Verhaltensmustern. Oder einfacher ausgedrückt: die Bereitschaft, sich zu entwickeln.

"Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehn: Man muss aus einem Licht fort in das andre gehen." Berührend die einfache Eindringlichkeit, mit der der 1677 in Breslau gestorbene Theologe und bedeutende Barocklyriker Angelus Silesius zu dieser Entwicklung auffordert. Neben Goethes berühmtem Diktum "Stirb und Werde" kommt vielleicht noch Hermann Hesse dieser tief- wie weitsichtigen Eindringlichkeit in seinem Gedicht Stufen nahe, wenn er schreibt: "Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zu Abschied sein und Neubeginne (...) Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen."

Paul Matussek, der 2003 verstorbene Münchner Psychiatrieprofessor, hat Ende der 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts in seinem erschienenen Buch Kreativität als Chance - der schöpferische Mensch in psychodynamischer Hinsicht Aspekte dieser Entwicklungsarbeit in zeitloser Gültigkeit beschrieben. Sein Schluss: Je intensiver ein Mensch seinen Alltag, seinen Beruf, sein individuelles Leben zu erneuern und aus öder Sterilität in eine schöpferische "Neugeburt" umzugestalten vermag, desto reicher und erfüllter wird er sein Leben erfahren. Womit Matussek dem von vielen als beängstigend und einschüchternd empfundenen Anpassungsdruck eine hellere psychische Farbe gibt.

Spannungsvolles Umfeld

Bausteine dieser Veränderungs- beziehungsweise, wie Matussek sagt, Erneuerungsarbeit sind für ihn Flüssigkeit des Denkens, Flexibilität, Originalität, Neudefinierungsfähigkeit, Problemsensitivität und Elaborationsfähigkeit. Als herausragend stuft er dabei die Ambiguitätstoleranz ein. Die Fähigkeit mithin, in einer spannungsvollen, unübersichtlichen, von vielen Kräften bewegten Situation auszuhalten und unbeirrt an deren Bewältigung zu arbeiten.

Die meisten Menschen ertragen die aus der Ungelöstheit einer solchen Situation entstehenden Spannung nicht oder nur für kurze Zeit. Sie tun alles, um diesen Druck loszuwerden. Und verzichten so auf die fruchtbare, weiterführende Lösung. Dabei, so Matussek, ist die einzig mögliche Lösung oft die unerwartete, nicht vorhersehbare. Um zu ihr zu gelangen, muss man in der Schwebe der Ungewissheit arbeiten können. Die, wie Matussek sie nennt, kreative Persönlichkeit kann nicht nur in dieser Situation leben, sie kann sie auch weiterdenkend gestaltend. Sie vermag die Ungelöstheit als Problem aus dem Wissen heraus, dass die echte Lösung oft die unerwartete, nicht voraussehbar ist, lange aushalten. Sie weiß: Wer voreilig nach Lösungen greift, beseitigt zwar die Spannung, aber auf Kosten der ausgereifteren, durchdachteren, zukunftsträchtigeren Lösung. (Hartmut Volk, DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2011)

yourworstnightmare
00
19.6.2011, 14:39

Meiner Erfahrung nach ist es wichtig in ambiguitätsgeladenen Situationen eine Priorität zu haben. Natürlich lassen sich auch Prioritäten nicht ewig festhalten - müssen immerwieder neu gesetzt werden. Daher ist es wichtig sich seine Ziele (immer wieder neu) zu setzen und im Auge zu behalten. Darüber hinaus die Risikobereitschaft ein absolutes "must" - kleine Motivation dazu in englischer Sprache:
http://www.youtube.com/watch?v=_tjYoKCBYag

jsa
 
04
18.6.2011, 13:08
Die wichtigste Anpassung

Ein Parteibuch zählt noch immer am meisten in Österreich.

al vvi
00
18.6.2011, 07:06

ja wuerden Sie nur in der Box denken, die Mehrzahl denkt gar nicht.

Einer neuer Nick, um jeden Preis!
02
18.6.2011, 00:25
Quaaaack.

Ein in einen Artikel gepresstes Motivationsseminar.

Wer zukunftsfähig sein will, verscherzt es sich am besten mit niemand und hält sich immer mindestens zwei Pferdchen, auf die er setzen kann.

Man kennt ja heutzutage nur selten das Ablaufdatum seiner Förderer ...

R2F2
00
19.6.2011, 16:47
Echt arg der Artikel, ja.

schlag den raab
19
17.6.2011, 18:47
Leider lehrt unser Schulsystem, dass man nur in der Box denken soll

jeans
00
19.6.2011, 00:13

Es lehrt nicht das Schulsystem sondern die Lehrer. Selbst das bestmögliche System (das Sie in Ihrer Weisheit sicher bereits ausgearbeitet haben) kann eine Lehrkraft nicht davon abhalten, stupides Runterbeten von Lernstoff zu fördern, um sich selbst Arbeit zu ersparen. Und ein guter Teil der Schüler würde auch vorher ein Telefonbuch auswendig lernen, bevor er außerhalb irgendeiner Schachtel denken muss.

reallity show
02
18.6.2011, 12:23

es werden halt mehr indianer gebraucht als häuptlinge

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