Vorsitzende Christiane Druml: "In der Öffentlichkeit sicher noch zu wenig wahrgenommen"
Wien - Vor zehn Jahren hat der damalige Bundeskanzler Wolfgang Schüssel eine Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt eingesetzt, die sich am 29. Juni 2001 konstituiert hat. "Wir brauchen ein Frühwarnsystem für neue wissenschaftliche Entwicklungen", sagte Schüssel damals. Das 25 Mitglieder umfassende Expertengremium gab seither eine Reihe von Empfehlungen ab, etwa zu Stammzellenforschung, Nanotechnologie und Biobanken für die Forschung. Dass nur wenige bisher umgesetzt wurden, sieht das Gremium nicht als Zeichen von Schwäche. "Ich glaube, dass wir schon stark genug sind, da wir direkt beim Bundeskanzler angesiedelt sind", sagte die Vorsitzende Christiane Druml: "Die Umsetzung von politischen Beratungsmechanismen obliegt immer dem Beratenen."
Man habe auf die Umsetzung der von der Bioethikkommission erstellten Stellungnahmen keinen Einfluss, so die Juristin. Bisherige Beiträge der Kommission sieht die Vorsitzende auch durch "die überaus erfolgreiche Einbettung in die internationale Welt der Bioethik" erfüllt. So etwa auf EU-Ebene. "Da werden wir ganz genau beobachtet." Doch hier würde sich Druml eine noch intensivere Zusammenarbeit der nationalen Ethikkommissionen im Bereich klinischer Forschung wünschen, um "häufiger zu einer europaweiten Haltung zu kommen".
Fehlende Einheitlichkeit
"Wir haben einen europäischen Forschungsraum. Doch wir sind derartig zersplittert, dass die EU-Staaten eher Nachteile in Bezug auf die medizinische Forschung haben - etwa im Vergleich zu den USA oder asiatischen Ländern, wo es einheitlichere Regeln gibt", so Druml. Dabei seien die wissenschaftlichen Grundlagen und ethischen Fragestellungen, etwa bei der medizinischen Forschung an einem Mittel gegen die EHEC-Erreger, "nicht anders, gleich ob sie in Porto, in Stockholm oder in Wien beurteilt werden". So etwa die Frage, ob der Patient vor seiner Einwilligung zur Behandlung hinreichend informiert wurde. "Oder wie mit den Patientendaten in den Studien umgegangen wird. Für das große Ganze kann man lokale Maßnahmen nicht gutheißen", so Druml. Letztlich gehe es um Verbesserungen in Diagnose und Therapie für alle Menschen.
Knapp über 15 Empfehlungen und Stellungnahmen, sind in den vergangenen zehn Jahren auf der Website der Kommission veröffentlicht worden. Zu einer alten Forderung zählt die Schaffung eines Forschungsgesetzes, das den Schutz des Patienten sowie die Rechte der Forscher regelt. "Vermutlich sind andere Dinge, etwa in Bezug auf die Finanzierung der Unis, im Ressort Wissenschaft derzeit wichtiger", zeigt Druml Verständnis. Doch man will auch weiter darauf hinweisen, dass man zwar ein Tierversuchsgesetz, aber kein "Humanforschungsgesetz" habe. Hier könne sich Österreich ein Vorbild an der Schweiz nehmen, wo gerade ein entsprechendes Gesetz diskutiert wird.
Gang an die Öffentlichkeit
Die Bioethikkommission "wird in der Öffentlichkeit sicher noch zu wenig wahrgenommen", doch Österreich sei nicht gerade das Land, dessen Bevölkerung "großes Vertrauen und Interesse in die medizinische und wissenschaftliche Forschung hat", so Druml mit Verweis auf die Ergebnisse einer Eurobarometer-Studie zu Wissenschaft und Technologie aus dem Vorjahr. So hält sie es auch für eine wichtige Aufgabe der Bioethikkommission, "ethische Themen mehr in die Öffentlichkeit zu bringen." Doch das sei mit den gegebenen Mitteln nur in Grenzen möglich.
Einzelne Versuche hat die Kommission etwa im Zuge von Veranstaltungen und Schulprojekten unternommen. Am kommenden Montag und Dienstag (20. bis 21. Juni) beschäftigt sich eine von ihr veranstaltete, öffentliche Konferenz in Wien mit dem Thema "Fortpflanzungsmedizin - Quo Vadis?" und fragt auch nach "Was will die Gesellschaft?".
Über die Bildung kommt auch die ethische Bildung, sagt Druml. Neben den Schulen seien daher auch die Unis gefragt, etwa bei der Einrichtung von eigenen Bioethik-Lehrstühlen beim Medizin-Studium. "Das Wichtige ist, dass der Arzt das Zusatzwissen Ethik hat und nicht der Ethiker das Zusatzwissen Medizin."
Geldfrage
Für die Zukunft relevant sieht Druml eine Diskussion über Ressourcenallokation. Dabei geht es primär um knapper werdende Geldmittel bei gleichzeitig wachsenden Bedürfnissen, so etwa bei der Forschung und Versorgung von Patienten. Es stellt sich etwa die Frage, wie der Staat die Geldmittel bei der medizinischen Versorgung aus ethischer Sicht aufteilen und wo man bei der Therapieentwicklung für Krankheiten Prioritäten setzen soll. "Auch wenn wir eines der reichsten Länder der Welt sind, ist das für meine Begriffe ein Thema, dem wir uns nicht verschließen dürfen."
Über die Zukunft der Kommission wird wieder im Herbst entschieden. Da geht es um die sechste Amtszeit des Gremiums sowie eine Neubestellung der Mitglieder. Druml, die seit 2007 den Vorsitz hat, sieht weitere wichtige Themen für die nächsten Jahre und könnte sich eine Fortführung vorstellen. (APA/red)
Konferenz der Bioethikkommission
zu "Fortpflanzungsmedizin - Quo Vadis?" von 20. bis 21. Juni 2011 im
Bundeskanzleramt, Amtsgebäude Hohenstaufengasse 3, 1010 Wien