"Tree of Life": Der umgängliche Eremit aus Neu-Hollywood

16. Juni 2011, 19:23
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Terrence Malick setzt mit "Tree of Life" neue Maßstäbe

Bei den meisten Menschen verliert sich der Stammbaum irgendwo hinter der siebten Urgroßmutter von links im Ungefähren. Was der Filmemacher Terrence Malick nun aber als Ahnentafel vorgelegt hat, das übertrifft sogar die stolzesten Adelsgeschlechter: In The Tree of Life erzählt er eine Geschichte, deren Helden direkt aus dem Urknall zu kommen scheinen, und noch in den Kinderstreichen in Texas in den 1950er-Jahren ist vom Sonnensystem bis zu den Dinosauriern eine ganze Schöpfungsgeschichte ständig präsent.

Noch nie ist ein Film so aufs Ganze gegangen, und es ist sicher kein Zufall, dass es ausgerechnet Malick ist, der sich dieses wagemutige und auch ein wenig versponnene Kunststück geleistet hat. Mehr oder weniger im Alleingang verkörpert er einen Gegenentwurf zur Betriebsamkeit von Hollywood: Mit fünf Filmen in knapp 40 Jahren hat er sich bewusst rargemacht, dafür nehmen seine Arbeiten zunehmend Gesamtkunstwerk-Charakter an.

Einen Zug ins Prinzipielle hatte er schon, bevor er zum Film kam. Malick, Jahrgang 1943, studierte Philosophie, geriet dabei aber an Gilbert Ryle, dessen analytischer Ansatz ihm nicht zusagte. Er übersetzte lieber Heidegger. 1969 erschien The Essence of Reason, das heute unter Antiquaren als Preziose gilt.

Danach schrieb Malick ein Drehbuch, daraus wurde Badlands (1973), und das Neue Hollywood dieser Ära hatte einen neuen Star - der es allerdings vorzog, sich so unsichtbar wie möglich zu machen. 1978 folgte Days of Heaven, danach gab es eine lange Pause bis 1999, als er mit dem Kriegsdrama The Thin Red Line ein Comeback hatte, dem relativ bald The New World (2005) folgte.

Menschen, die den in dritter Ehe verheirateten Malick näher kennen, beschreiben einen kultivierten, freundlichen Menschen, mit dem man gut im Museum vor alten Meistern schweigen kann. So ähnlich konnte man ihn 1993 in Wien erleben, wo er als Gast der Viennale sogar ein offizielles Abendessen beehrte, und wo Robert Newald für den Standard eines der ganz wenigen offiziell kursierenden Fotos von ihm machen konnte.

Beim Cannes-Sieger The Tree of Life bekommt der in Texas aufgewachsene Malick nun von mancher Seite auch eine Rechnung für seine Geheimnistuerei präsentiert: Viele Kritiker lesen den Film unverhohlen autobiografisch und unterstellen ihm schnöde einen Vaterkomplex. Der sehr lange Stammbaum des Lebens wäre dann also vor allem - ein Ablenkungsmanöver. (Bert Rebhandl/ DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2011)

Malicks The Tree of Life hat bisher weltweit schon rund 13 Millionen US-Dollar eingespielt. Kinostart in Österreich ist am Freitag, 17.6.

Siehe dazu die Filmbesprechung:
Ein Paradies aus gestohlenen Momenten

  • Terrence Malick, hier 1993 als Gast der Viennale
    foto: standard /newald

    Terrence Malick, hier 1993 als Gast der Viennale

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