"Fünfer können abgearbeitet werden"

16. Juni 2011, 18:59
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Mehr Stress für Schüler und auch Lehrer bringt die Einführung der Modularen Oberstufe - Am Innsbrucker Reithmanngymnasium wird in einem Schulversuch bereits umorganisiert - Ganze Klassen werden nicht mehr wiederholt

Innsbruck - Läuten, Tratschen, Lachen, Laufen: Es ist große Pause im Reithmanngymnasium. Direktor Max Gnigler macht auch Pause - von der Maturaaufsicht: "Einer ist schon durchgefallen - in Biologie." Heuer wird im Reithmann allerdings noch "klassisch" maturiert. Erst im kommenden Schuljahr 2011/2012 wird der erste Jahrgang des Schulversuchs "Modulare Oberstufe" (Most) zur Reifeprüfung antreten.

"Die Zustimmung zum Schulversuch ist seit der Einführung im Schuljahr 2008/2009 stark gestiegen", sagt Most-Koordinator Ingo Wartusch: "Und es ist eine große Umstellung."

Nach dem Plan von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) soll Sitzenbleiben in der Oberstufe zur Ausnahme werden: Künftig sollen Schüler der AHS und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) nur dann eine Klasse wiederholen, wenn sie in mehr als drei Fächern negativ beurteilt werden. Statt einer "Ehrenrunde" sollen nur noch einzelne Module, in die der Semesterstoff künftig unterteilt wird, wiederholt werden. Sollte trotzdem eine Klasse wiederholt werden müssen, dann bleiben dem Schüler außerdem alle positiven Noten vom vorigen Schuljahr erhalten. Im Schuljahr 2016 sollen alle 800 Schulstandorte österreichweit umgestellt sein.

Nicht nur die Lehrer, auch die Schüler am Reithmanngymnasium mussten sich umstellen. "Bis Ostern gemütlich dahinwursteln war plötzlich nicht mehr", erzählt David aus der siebenten Klasse: "Das stresst am Anfang schon gewaltig." Jedes Fach muss in der Most pro Semester abgeschlossen werden. Das bedeutet nicht nur für die Schüler ein ständiges Mitlernen, sondern für die Lehrer viel mehr Kommunikation. "Die Stoffbereiche müssen halbiert und überschaubarer werden", erklärt Chemielehrer und Koordinator Wartusch. Üblicherweise werde der Lehrplan über zwei Jahre ein bisschen "lockerer" geplant, in der Most muss der Stoff straff unterrichtet werden.

Weitere Neuerungen für die Oberstufe: Droht ein Fünfer, sollen die Schüler per Frühwarnsystem informiert werden und sich einen Lerncoach und Förderkurse suchen. Diese sollen je nach Entscheidung der Schule in Gruppen oder individuell besucht werden.

Dieses Fördermodell zu organisieren sei die meiste Arbeit, sagt Wartusch. Bezahlt würden ihm dafür vier Stunden, manchmal sei er aber 15 Stunden pro Woche am planen: "Es wird sich schon einpendeln." Vom Ministerium wünscht er sich aber zusätzliche Stunden: "Denn erfahrungsgemäß kommen die Schüler immer erst gegen Semesterende drauf, dass sie in einem Fach nichts können."

Ein negatives Modul kann nicht nur im nächsten Semester, sondern auch erst im nächsten Schuljahr ausgebessert werden. Die Prüfung kann auch
öfter als bisher wiederholt werden. Nach drei Prüfungen kann noch ein Prüferwechsel erfolgen. "Fünfer können so über mehrere Semester quasi
abgearbeitet werden", erklärt Wartusch: "Zur Matura kann man aber nur antreten, wenn alle Fünfer weg sind."

Das System scheint zu funktionieren. Im Reithmann hatte seit Einführung der Most noch kein Schüler vier Fünfer. "In Vormodulzeiten hatten wir in
der Oberstufe durchschnittlich 15 Wiederholungsprüfungen bei rund 300 Schülern", rechnet Direktor Gnigler. Er kann sich eine Rückkehr zur
klassischen AHS nicht mehr vorstellen. Das Fördersystem und das Aufsteigen mit bis zu drei Fünfern sei aber für ihn nicht allein ausschlaggebend gewesen, beim Schulversuch mitzumachen.

Gnigler wollte Innovationen für sein Gymnasium, das trotz eines Sprachen- und Sportschwerpunkts neben einem Realgymnasium trotzdem Schüler verlor. In der Most á la Reithmann wurden gleich Wahlfächer miteingeführt. Die Pflichtmodule, also die normalen Fächer, wurden so weit wie gesetzlich möglich gekürzt. Dazu kamen Fächer wie der "Band-Workshop".

"Lehrer und Schüler haben zwar mehr Aufwand, allein durch die Stundenplanerstellung, sie sind aber weit motivierter", erzählt Koordinator Wartusch. David hat das Wahlmodul "Wein- und Edelbrandherstellung in Theorie und Praxis" belegt - es gilt als vertiefender Reifeprüfungsgegenstand im Fach Biologie. (Verena Langegger, STANDARD-Printausgabe, 17.6.2011)

  • Schülerinnen und Schüler der 7D des Innsbrucker Reithmanngymnasiums 
haben gut lachen. Eine Klasse wird erst ab vier Fünfern wiederholt, also
 quasi nie.
    foto: standard/andreas fischer

    Schülerinnen und Schüler der 7D des Innsbrucker Reithmanngymnasiums haben gut lachen. Eine Klasse wird erst ab vier Fünfern wiederholt, also quasi nie.

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