Die Wiener Austria feiert gemeinsam mit prominenten Gratulanten stolz ihren 100. Geburtstag. Vorstand Thomas Parits - einst Teil des 100-jährigen Sturms - erwartet ein "tolles Fest"
Wien - Ein bisserl oversized erscheint die Sache schon, jedenfalls auf den ersten Blick, zumindest wenn der schon eine Zeitlang zurückreicht. Immerhin bat die Wiener Austria für heute, Freitag, eine ziemlich - um nicht zu sagen: etwas zu - prominente Runde in die Generali-Arena auf ein Kickerl, welches ab 20.30 Uhr in Echtzeit sogar auf ORF Sport plus gezeigt wird.
Es gilt - und da eben ließen sich Figo, Ronaldo, Viera und ähnliche Kapazunder nicht lange bitten -, den 100. Geburtstag der Wiener Violetten zu feiern. Und da ist eben das Beste gerade gut genug, auch wenn der Superlativ schon ein bisschen zurückreicht. Aber darauf hat die Teamführung der Jubilarin eine doch recht charmante Antwort gefunden. Gegen Ende der Partie werden die Hausherren einwechseln: Herbert Prohaska, Toni Polster, Robert Sara und, als Antwort auf Ronaldo, Andreas Ogris. Christoph Pflug, der Sprecher der Austria: "Es soll ein Spaß werden, eine Show, aber kein Kasperltheater."
Man wird sehen. Dem Anlass würde eine Verwurschtelung jedenfalls nicht angemessen sein. Immerhin zählte die Wiener Austria - einst, wie man halt dazusagen muss - zu den Großen in Europa, prägte über lange Zeit das ballesterische Geschehen nicht nur hierzulande, wo sich zum Nutzen des Ganzen eine schöne Rivalität zu den Grün-Weißen entwickelte, die bis tief ins Soziale hineinreichte. Dort das aufrecht-ehrliche Proletariat, hier das liberal-städtische Bürgertum. Nicht umsonst hatte sich die Austria - als Erbschaft der Amateure, die dies von der Mutter, der Cricketer, hatten - einen sogenannten Intelligenzparagrafen verordnet.
Freilich hatte die Wiener Austria auch eine zweite, tiefreichende Rivalität: die zur Hakoah. Die Kicker des jüdisch-zionistischen Allroundvereins waren 1924/25 immerhin Österreichs erste Profimeister - zwei Punkte vor den Amateuren.
Literaturgeschichte
Die einschlägige Entscheidungspartie hat - unscharf, klar - Eingang in die Literaturgeschichte gefunden. In seiner Tante Jolesch beschrieb der Friedrich Torberg, der Hakoahner mit dem violetten Herzen, wie sehr die Rivalität zwischen den hakoahnischen Juden und den austrianischen Israeliten auch ins Handgreifliche gehen konnte.
Beide, die Juden und die Israeliten, deren Judentum sich - nicht unähnlich den Taufscheinchristen - sich auf die Zugehörigkeit zur Israelitischen Kultusgemeinde beschränkte, stehen für eine dem Naziterror zum Opfer gefallenen Tradition im österreichischen Fußball.
Sowohl die Hakoah als auch die Austria - und mit diesen beiden das ganze Land - begriffen den Fußballsport als etwas deutlich Grenzüberschreitendes. Die beiden waren es, die die "ungarische Revolution" gestartet haben, die nicht bloß darin bestand, Budapester Spieler - von Alfred Schaffer bis zum späteren Teamchef Béla Guttmann - nach Wien zu holen - sondern auch deren Philosophie. Austria-Mitbegründer Hugo Meisl holte dann sogar den Philosophen. Der Engländer Jimmy Hogan lehrte während des Ersten Weltkriegs der Budapester MTK das schottische Kurzpassspiel, das in Wien dann den Namen Scheiberln trug, wofür die Austria eine geraume Zeit dieser 100 Jahre gestanden ist. Dass gerade knapp vorm Geburtstagsfest Martin Harnik einem staunenden TV-Reporter erklärt hatte, das österreichische Nationalteam habe "für sich" das Kurzpassspiel entdeckt, hat da schon eine gewisse Ironie.
Klubchef Thomas Parits, neben Hans Pirkner und Julio Morales als Drittel des "hundertjährigen Sturms" der Siebzigerjahre selbst ein Teil der Geschichte, freut sich jedenfalls "auf ein tolles Fest".
Bis Donnerstag waren 8000 Karten verkauft, die Generali-Arena sollte am Freitag ziemlich voll sein. Immerhin hat sich für das Figo-Team ja auch Dejan Stankoviæ angesagt.
Für alle, die den nicht kennen: Er ist der Schwager von Milenko Acimovic. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2011)