"Vermisster" 19-Jähriger wegen Diebstahls schuldig gesprochen

16. Juni 2011, 18:14
66 Postings

Jener 19-Jährige, der drei Wochen "vermisst" in Haft saß, wurde zu drei Monaten bedingter Haft verurteilt

Wien - "Er ist ein bleder Bua und hat einen Fehler gemacht, aber die Kirche sollte man im Dorf lassen." Verteidiger Manfred Ainedter erklärt am Donnerstag im Wiener Landesgericht dem Vorsitzenden Norbert Gerstberger jovial, warum sein Mandant eine niedrige Strafe verdient. Bei drei Gelegenheiten wollte der 19-jährige Oberösterreicher Computerspiele stehlen, die Anklage lautete auf gewerbsmäßigen Diebstahl.

Ein Dutzendprozess im Grauen Haus - wenn der Teenager nicht jener Bursch wäre, der drei Wochen in Untersuchungshaft gesessen ist, ohne dass die Angehörigen das erfahren haben. Obwohl sie eine Vermisstenanzeige aufgegeben haben, die Polizei aber aus noch ungeklärten Gründen nicht herausfand, dass der Verschwundene schon hinter Gittern saß.

Was im Diebstahlsprozess ja eigentlich nichts zur Sache tut. Doch Gerstberger hat Nachsicht mit den Medienvertretern im Saal - und fragt den Angeklagten, wie denn das nun mit der Haft war. Der Jugendliche im Kapuzensweater schildert: "Mein Handyakku war leer, die Polizisten fragten mich nach meiner Festnahme sogar von sich aus nach Nummern, die man anrufen könnte." Zwei gab er den Beamten: die eines WG-Mitbewohners und jene seiner Mutter.

"Würde mich nicht schämen"

"Und wie war es, als sie ins Gefängnis gebracht worden sind", will der Richter wissen. "Hier war alles einwandfrei, ich wurde gefragt, ob man wen verständigen solle, und ich habe geantwortet, dass das schon passiert sei." "Da muss ich aber nachfragen, warum Sie nicht sichergehen wollten, dass jemand verständigt wurde. Denkbar wäre ja auch, dass Sie sich geschämt haben und nicht wollten, dass ihre Eltern von der Haft erfahren?" "Nein, ich würde mich nicht schämen, meine Eltern stehen auch jetzt hundertprozentig hinter mir."

Der Vater des 19-Jährigen sitzt im Publikum, er ist extra aus der Türkei gekommen, um bei der Suche nach seinem "verschwundenen" Sohn zu helfen. Ob er gegen die Republik vorgehen will, weiß er noch nicht, er vertraut Rechtsanwalt Ainedter. Der kündigt nach dem Prozess an, eine Schadenersatzklage stellen zu wollen. "Es ist ja offensichtlich eine Fehlleistung der Polizei, eine höchst befremdliche" , meint er. Der Vater dürfe jedenfalls keinesfalls auf den Flugkosten sitzenbleiben.

"Die Intensität fällt da schon auf"

Gehen konnte dagegen Ainedters Mandant. Obwohl der - nicht rechtskräftig - wegen gewerbsmäßigen Diebstahls verurteilt worden ist. Drei Monate auf Bewährung fasste der 19-Jährige aus. Zu debattieren gab es nämlich wenig. Der Angeklagte gesteht, im April und Mai versucht zu haben, Computerspiele zu stehlen. "Im Mai sind Sie ja ertappt worden und dann sofort von der Polizei ins nächste Geschäft gegangen, um es wieder zu versuchen", hält ihm Richter Gerstberger vor. "Die Intensität fällt da schon auf."

"Na ja, ich habe mir das selber gegenüber etwas verharmlost und nie an die Konsequenzen gedacht. Aber in der Haft habe ich nachgedacht", gibt der unscheinbare angehende Student zu. Jus will er ab Herbst studieren. "Was angesichts der Geschichte schwierig werden könnte" , wie Ainedter in seinem Plädoyer eingesteht. Derzeit lebt der Teenager von knapp 400 Euro AMS-Geld im Monat.

Jurist kann er immer noch werden

"Die Computerspiele wollte ich halt haben. Die sind als Luxusgüter für mich nur schwer leistbar gewesen." Sein Verteidiger zuckt beim Wort "Luxusgüter" innerlich zusammen. Denn gewerbsmäßiger Diebstahl heißt nicht nur, dass man etwas weiterverkaufen, sondern sich generell einen Vorteil verschaffen will. Geld sparen, zum Beispiel.

Der Richter folgt daher dem Wunsch von Staatsanwältin Christine Cottogni. Gewerbsmäßig sei es gewesen, schließlich gibt es auch eine einschlägige Vorstrafe aus dem Jahr 2009. Drei Monate bedeuten aber auch, dass der Strafregisterauszug blütenweiß bleibt. Jurist kann der 19-Jährige immer noch werden. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2011)

  • Ein Vermisster auf dem Anklagestuhl. Dass der Teenager von der 
Polizei in der Haft "übersehen"  worden ist und niemand die Angehörigen 
verständigt hat, tat in dem Prozess eigentlich nichts zur Sache - und 
stand doch im Mittelpunkt.
    foto: matthias cremer

    Ein Vermisster auf dem Anklagestuhl. Dass der Teenager von der Polizei in der Haft "übersehen" worden ist und niemand die Angehörigen verständigt hat, tat in dem Prozess eigentlich nichts zur Sache - und stand doch im Mittelpunkt.

Share if you care.