Sinn und Unsinn der "versteckten" Griechenrettung

Ökonom Hans-Werner Sinn glaubt, die Rettung durch die Hintertür schädige die EZB

Wien/München/Dublin - Hans-Werner Sinn ist ein streitbarer Ökonom. Der Leiter des renommierten ifo-Instituts in München trommelt seit Wochen gegen eine "versteckte Rettung" Griechenlands durch die Europäische Zentralbank, bzw. das Europäische System der Zentralbanken. Diese Rettung durch die Hintertür schädige die EZB und würde zudem der deutschen Wirtschaft massiv schaden, kritisiert Sinn.

Denn im Zahlungssystem der EZB (Target 2) haben sich in den vergangenen zwei Jahren massive Ungleichgewichte aufgetan. Für Sinn ein Indiz dafür, dass aus dem Verrechnungssystem Target 2 eine Finanzierungsform für periphere Banken geworden ist. So schreibt der Ökonom, dass die Geldinstitute Zusatzgeld erhalten haben, "dass ihre Notenbanken über das Maß hinaus gedruckt haben, das für die eigene, innere Geldversorgung benötigt wurde." Sprich: über Target 2 seien 340 Mrd. Euro zur Stützung des Konsums in die Euro-Peripherie geflossen. Darüber hinaus fürchtet Sinn, dass der deutsche Bankensektor wegen der Target-2-Salden weniger Kredite von der Zentralbank bekommen wird, weil ja das Geld nach Griechenland oder Irland fließt.

Falsche Schlussfolgerungen

Die Zahlen von Sinn stimmen: Doch die Schlussfolgerungen nicht, kritisieren Ökonome und Wirtschaftsmedien wie das Wall Street Journal. Spanien, Portugal, Griechenland und Irland waren per Jahresende 2010 zwar allesamt Target-2-Schuldner, insgesamt im Ausmaß von 340 Mrd. Euro. Doch das bedeute keineswegs, dass die deutsche Wirtschaft darunter zu leiden habe, sagt etwa der Dubliner Ökonomie-Professor Karl Whelan: "Die EZB stellt seit der Krise allen Banken Liquidität zur Verfügung, sofern sie die nötigen Sicherheiten haben. Keiner deutschen Bank wird Geld verweigert, wegen der Liquidität, die griechischen oder anderen Instituten zugewiesen wird."

Zudem sei das Risiko dieser Transaktionen auch gering. Den 340 Milliarden an Defizit in den PIGS-Staaten stehen Sicherheiten gegenüber, die von den Banken geleistet wurden. Gegen diese Sicherheiten (wohl insbesondere die lokalen Staatsanleihen) vergibt die EZB aber jedenfalls nur zu Marktpreisen Liquidität. Notiert eine griechische Anleihe also nur bei 65 Euro, erhält eine griechische Bank auch nur diese Summe als Liquidität, nicht den Nominalwert von 100 Euro.

Whelan geht sogar noch weiter: Der Vorschlag von Sinn, die Möglichkeit von Defiziten und Überschüssen im Zahlungssystem zu verbieten, "würde das Ende der gemeinsamen Währung Euro bedeuten". Denn dann würden Euro-Konten, die in verschiedenen Ländern liegen, ungleich behandelt werden, je nachdem wie hoch der Saldo des jeweiligen Staates in Target 2 ist.

Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, hat Sinns Kritik ebenso zurückgewiesen. Einige akademische Autoren würden "ihre Reputation gefährden", schoss der EZB-Ökonom scharf gegen die Kritik. (sulu, DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2011)

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