So schnell laufen, wie Öl fließt

16. Juni 2011, 17:18

"Bodenprobe Kasachstan" von Stefan Kaegi

Wien - In Kasachstan hat es in der Früh minus vierzig Grad, zu Mittag aber Plusgrade. Schlecht für die Dieseltanks, die deshalb Risse bekommen. Lkw-Lenker Heinrich Wiebe, ein in der Ukraine geborener Russlanddeutscher, der mit seiner Familie in den 1940ern ins kasachische Semipalatinsk exiliert wurde, hat die Tanks dann mit Seife abgedichtet. Heute lebt er in einem Berliner Plattenbau und ist einer der "Experten des Alltags", die in den Stücken der Theatergruppe Rimini Protokoll stets die Hauptrolle spielen.

In Bodenprobe Kasachstan stellt Herr Wiebe neben vier weiteren mit der zentralasiatischen Republik verbundenen Menschen biografische Daten zur Verfügung, die diesem Land ein Gesicht geben. Herrn Wiebes Jugend war von unzähligen Atomtests geprägt, die fast allen seiner Generation gesundheitlichen Schaden und dann die Frühpension einbrachten. 1995 ging er nach Berlin.

Elena Panibratowa, in Hannover zu Hause, wuchs nahe dem Weltraumbahnhof Baikonur auf und erzählt vom Lärm der dort aufsteigenden Raketen; Gerd Baumann ist Erdölingenieur und hat in Kasachstan Partys gefeiert und nach Erdöl gebohrt - am Laufband legt er die Geschwindigkeit zurück, mit der Öl durch die Pipeline fließt. Helene Simkin ist Tadschikin und lebt heute als Tänzerin im Westen. Und Nurlan Dussali, den die Großeltern mit gesungenen Videobotschaften wieder heimlocken möchten, arbeitet als Energieberater in München. Sein Opa hat einst Faschisten getötet, will dem deutschen Volk aber nichts Böses und schätzt sogar "den Kanzler, diese Frau".

Sind die Arbeiten von Rimini Protokoll (hier: nur Regisseur Stefan Kaegi) oft große formale Entwürfe, etwa die mobile Performance Cargo Sofia - Wien oder im Vorjahr 100 % Wien, so ist Bodenprobe Kasachstan in seinem Erzähltheatergestus vergleichsweise bescheiden; einige Manöver erscheinen lediglich als Mittel zum Zweck der Belebung. Ein wenig erinnert die Produktion an einen animierten Diavortrag, der am allermeisten mit Fachwissen und den Biografien punktet. Eine schöne formale Idee war allerdings die akustisch-stoffliche Repräsentation des klimatisch extremen Landes in Gummistiefel-Trials auf Kieselsteinen oder im Schlamm des Schmelzwassers.

Die Festwochen-Koproduktion ist, wie immer bei Rimini Protokoll, auf das regionale Publikum zugeschnitten: So sind auch die von der OMV mitbetriebene Nabucco-Pipeline Thema oder die Beratertätigkeiten hiesiger Exkanzler im Kabinett des Präsidenten Nasarbajew. Einschlägig Interessierte also nichts wie hin! (Margarete Affenzeller/ DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2011)

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