"Bodenprobe Kasachstan" von Stefan Kaegi
Wien - In Kasachstan hat es in der Früh minus vierzig Grad, zu Mittag aber
Plusgrade. Schlecht für die Dieseltanks, die deshalb Risse bekommen. Lkw-Lenker
Heinrich Wiebe, ein in der Ukraine geborener Russlanddeutscher, der mit seiner
Familie in den 1940ern ins kasachische Semipalatinsk exiliert wurde, hat die
Tanks dann mit Seife abgedichtet. Heute lebt er in einem Berliner Plattenbau und
ist einer der "Experten des Alltags", die in den Stücken der Theatergruppe
Rimini Protokoll stets die Hauptrolle spielen.
In Bodenprobe Kasachstan stellt Herr Wiebe neben vier weiteren mit der
zentralasiatischen Republik verbundenen Menschen biografische Daten zur
Verfügung, die diesem Land ein Gesicht geben. Herrn Wiebes Jugend war von
unzähligen Atomtests geprägt, die fast allen seiner Generation gesundheitlichen
Schaden und dann die Frühpension einbrachten. 1995 ging er nach Berlin.
Elena Panibratowa, in Hannover zu Hause, wuchs nahe dem Weltraumbahnhof
Baikonur auf und erzählt vom Lärm der dort aufsteigenden Raketen; Gerd Baumann
ist Erdölingenieur und hat in Kasachstan Partys gefeiert und nach Erdöl gebohrt
- am Laufband legt er die Geschwindigkeit zurück, mit der Öl durch die Pipeline
fließt. Helene Simkin ist Tadschikin und lebt heute als Tänzerin im Westen. Und
Nurlan Dussali, den die Großeltern mit gesungenen Videobotschaften wieder
heimlocken möchten, arbeitet als Energieberater in München. Sein Opa hat einst
Faschisten getötet, will dem deutschen Volk aber nichts Böses und schätzt sogar
"den Kanzler, diese Frau".
Sind die Arbeiten von Rimini Protokoll (hier: nur Regisseur Stefan Kaegi) oft
große formale Entwürfe, etwa die mobile Performance Cargo Sofia - Wien
oder im Vorjahr 100 % Wien, so ist Bodenprobe Kasachstan in seinem
Erzähltheatergestus vergleichsweise bescheiden; einige Manöver erscheinen
lediglich als Mittel zum Zweck der Belebung. Ein wenig erinnert die Produktion
an einen animierten Diavortrag, der am allermeisten mit Fachwissen und den
Biografien punktet. Eine schöne formale Idee war allerdings die
akustisch-stoffliche Repräsentation des klimatisch extremen Landes in
Gummistiefel-Trials auf Kieselsteinen oder im Schlamm des Schmelzwassers.
Die Festwochen-Koproduktion ist, wie immer bei Rimini Protokoll, auf das
regionale Publikum zugeschnitten: So sind auch die von der OMV mitbetriebene
Nabucco-Pipeline Thema oder die Beratertätigkeiten hiesiger Exkanzler im
Kabinett des Präsidenten Nasarbajew. Einschlägig Interessierte also nichts wie
hin! (Margarete Affenzeller/ DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2011)