"King Kongs Tränen": Die große Einverleibungskunst

16. Juni 2011, 17:16
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Peter Kern schickt in "King Kongs Tränen" ein Alter Ego durch ein Erzähllabyrinth

Wien - Peter Gläubiger, einst ein großer Schauspieler, jetzt höchstens noch Statist, bewirbt sich um die stumme Rolle eines Riesenaffen. Im Wartezimmer, beim Friseur und auf der Bühne des Theaters, das den Part auslobt, kommt es zum Absingen der Bundeshymne, zu traumatischen Kindheitserinnerungen und zum Einsatz der "sprechenden Titten" Adolf und Pauline. Schließlich hat die Kritikerin (Kathrin Beck) ihren Auftritt: die Antagonistin des Künstlers, zu der er gleichwohl ein ambivalentes Naheverhältnis - bis zur buchstäblichen Einverleibung - pflegt.

Der Gläubiger von Oz

Der gläubige Gläubiger im Film wird vom Schauspieler, Autor und Regisseur des Films, Peter Kern, verkörpert. Im Unterschied zu dessen vorherigem Kinofilm, Blutsfreundschaft, ist King Kongs Tränen wieder offener angelegt. Es gibt keine klassische Erzählung. Stattdessen eine assoziative Verknüpfung einzelner Episoden, die der Protagonist Gläubiger durchlebt - oder sich zwischen Wiener Großfeldsiedlung, Theaterbühne und seinem persönlichen Oz erträumt.

Dabei wähnt man sich manchmal in einer Kellertheateraufführung, manchmal in einem Amateur-Horrorfilm oder doch in einem luftigen Musical: Die musikalischen Sequenzen sind die stärksten und schönsten in diesem Cinemascope-Film - etwa wenn der Kunstschnee fällt und die Hauptfigur zum elegischen Gesang aus dem Off kleine verlorene Gesten setzt. Oder wenn die Kritikerin mitten in einem gelb blühenden Feld zur Glücks-Arie anhebt.

Die Kern'schen Äquivalente zum Couplet, seine recht unvermittelten Zugriffe und Bezugnahmen auf (ehemalige) Tagesaktualitäten ("Fortell - den schickt das Arbeitsamt") oder die Grässlichkeit des Österreichertums an sich wirken dagegen schnell etwas grob und holprig und anachronistisch.

An anderen Stellen werden aus der Not fehlender Mittel treffende filmische Schlüsse gezogen: Der gewaltige Sturm, den Gläubiger entfesselt, reißt die größten Gebäude nieder - eine Montage von entsprechenden Archivaufnahmen macht das möglich.

Zum beharrlichen, inzwischen bereits ins vierte Jahrzehnt gehenden Schaffen Peter Kerns als Filmemacher ist jetzt außerdem ein druckfrischer Band aus der kompakten TaschenKino-Reihe des Filmarchivs Austria erhältlich. Die Texte zu und ausführlichen Gespräche mit Kern, die von Olaf Möller und Christoph Huber geschrieben beziehungsweise geführt wurden, werden von einer DVD ergänzt:

Diese enthält mit Ishmael Bernal - Truth and Dare und Visionary Filmmaker - Marilou Diaz-Abaya zwei kurze Raritäten aus den 1990er-Jahren sowie die beiden in Österreich entstandenen Langfilme Donauleichen (2005) und Die toten Körper der Lebenden (2007). King Kongs Tränen läuft jetzt erst einmal im Kino, das nächste Kern-Werk, Mörderschwestern, gab es auf der Diagonale bereits zu besichtigen. (Isabella Reicher/ DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2011)

  • Kunstschnee rieselt leise auf einen elegischen Helden: "King Kongs 
Tränen" 
von und mit Peter Kern.
    foto: waystone film

    Kunstschnee rieselt leise auf einen elegischen Helden: "King Kongs Tränen" von und mit Peter Kern.

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