Grüne Regeln für Radler

Nummerntafeln am Fahrrad bringen nichts

16. Juni 2011, 16:31
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    foto: apa/hans klaus techt

    Nur einmal gab es in Österreich Nummerntafeln mit einer "Fahrradabgabe": im Ständestaat zwischen 1934 und 1937.

Einen Knigge und Nummerntafeln für Fahrradfahrer fordern die Grünen - Die Sinnhaftigkeit des ewigen Saure-Gurken-Zeit-Themas widerlegt ein historischer Abriss

Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou ist mit ihrer Forderung nach einem Knigge für Radfahrer in den letzten Tagen ins Visier der Medien und ihrer Parteikollegen geraten. "Ich finde es unglaublich, wie manche Fahrradlenker rücksichts- und bedenkenlos Fußgeher, aber auch langsamere Radler in Gefahr bringen", wetterte Vassilakou in der Kronen Zeitung. "Das muss einfach abgestellt werden."

Rotlicht-, Zebrastreifen-, Gegen-die-Einbahn- und Gehsteigradlern - und damit ihren Parteikollegen Karl Öllinger und Peter Pilz - will sie mit polizeilichen Sanktionen Einhalt gebieten. Damit nicht genug, dachte sie auch Nummerntafeln für Fahrräder an. Ein ewiges Sommerthema, das vor allem Ost-Österreich zu beschäftigen scheint, Emotionen hochgehen lässt und damit bestens in die "Saure-Gurken-Zeit" für Politik und Medien passt. 

Kleine Historie der Fahrradnummerntafel

Zwar hat sich Vassilakou mittlerweile in einem Brief an den Standard auf facebook von der Zitation distanziert, dennoch soll an dieser Stelle mit einem kleinen, von der Radlobby ARGUS recherchierten Abriss über die Historie des immer wieder aufkeimenden Wunsches nach einer Kennzeichnungspflicht berichtet werden.

Nur einmal gab es in Österreich Nummerntafeln mit einer "Fahrradabgabe": im Ständestaat zwischen 1934 und 1937. In Wien waren ca. 140.000 Fahrräder angemeldet. Mit dem Anschluss an das Deutsche Reich 1938 wurde diese "Sonderregelung" wieder abgeschafft. 

"Bürokratischer Aufwand wäre nicht zu rechtfertigen"

Als Antwort auf die auch Anfang der 1990er-Jahre von österreichischen Boulevardmedien wiederholt strapazierte Forderung nach einem "Kennzeichen für Fahrräder", erstellte der Mitarbeiter des Bundesministeriums für öffentliche Wirtschaft und Verkehr, Othmar Thann, 1993 ein Gutachten. Das Ergebnis war negativ: "Es müsste jedenfalls eine Verfassungsbestimmung für die Lenkerauskunft geschaffen werden. Dies wäre ein massiver Eingriff in die Grund- und Freiheitsrechte."

"Es besteht keine Notwendigkeit zur Einführung von Nummerntafeln für Fahrräder. Die vorliegenden Statistiken über Verkehrsunfälle belegen dies eindeutig", fährt Thann fort. "Für das Institut einer zivilrechtlichen Halterhaftung ist eine Fahrradnummerntafel nicht notwendig." Und zu guter Letzt: "Der bürokratische Aufwand wäre nicht zu rechtfertigen." Mit der Einführung von Nummerntafeln für das Fahrrad hätte übrigens ein Zulassungsvorgang eingeleitet werden müssen, der 1993 pro Fahrrad auf 500 bis 700 Schilling geschätzt wurde. 

Expertise weltweit

1995 wurde von ARGUS im Auftrag der Stadt Graz eine Expertise erstellt, in der ein Land ausfindig gemacht werden sollte, wo ein funktionierendes System von Fahrradregistrierung vorhanden wäre. Gleich vornweg: Es wurde keines gefunden. Recherchiert hat man weltweit und in Portugal etwa kleine Taferln entdeckt, ausgegeben von öffentlichen Polizeistellen, die aber keinerlei Verpflichtungen mit sich bringen, sondern laut Studienverfasser eher als ein Symbol stolzer Fahrradbesitzer wahrgenommen werden. In den Niederlanden gibt es blaue Taferln auf Fahrrädern, die, im Galuben, es handle sich um "Nummerntafeln", auch in Österreich als Diskussionsbasis strapaziert werden, tatsächlich aber der Kennzeichnung von Leihrädern dienen.

Nicht entzifferbare Kennzeichen

Als nicht beantwortbar stellte sich bislang die Frage heraus: Wie groß muss ein Fahrrad-Kennzeichen sein, um einen flüchtenden "Fahrradrowdy" identifizieren zu können? "Bereits bei vorbeifahrenden Mopeds wird sich ein Polizist hüten, das Kennzeichen abzulesen", sagt Hans Doppel von der ARGUS und greift dabei auf die Aussage eines Polizisten zurück. Die Wahrscheinlichkeit eines Irrtums, in Anbetracht der geringen Dimension des Kennzeichens und des geringen Kontrastes (Weiß auf Rot) der Ziffern und Buchstaben, sei allzu groß.

Die Schweizer Radfahrer waren mit Aluschildern auf ihren Fahrrädern bis 1989 unterwegs, dann wurde wegen der hohen Materialkosten eine "ersatzlose Abschaffung der Fahrradregister und Fahrradpapiere" (vgl. DiePresse, 1990) verordnet und auf selbstklebende Vignetten umgesattelt. Diese Kennzeichen dienen allerdings nicht der Identifizierung von "Fahrerflüchtigen", sondern sind der Nachweis für eine abgeschlossene Haftpflichtversicherung. Darüber hinaus nutzen sie der Polizei zum Ausfindigmachen gestohlener oder "ausgeborgter" Fahrräder.

Haftpflichtversicherung kein Argument

Während Österreich aktuell über die Einführung einer Vignette nachdenkt, wird in der Schweiz allerdings die Abschaffung geplant: Der Verwaltungsaufwand sei größer als der Nutzen, da heute rund 90 Prozent der Radfahrer ohnehin über eine private Haftpflichtversicherung verfügten. In Österreich liegt der Anteil der Haftpflichtversicherten gar bei 94 Prozent.

Nummerntafel wirkt sich nicht auf Unfälle aus

Dass sich eine Einführung von Nummerntafeln nicht auf das Unfallaufkommen auswirken werde, begründet die ARGUS folgendermaßen: "Dass an einem Auto zwei Kennzeichen angebracht sind, hindert manche Kfz-Lenker nicht daran, Fahrerflucht zu begehen", und weiter: "90 Prozent der statistisch erfassten Unfälle am Ringradweg in Wien passieren in der Begegnung zwischen Kfz und Fahrrad. Daran sieht man, wie maßlos übertrieben die Konflikte Radler - Fußgänger dargestellt werden!" (Eva Tinsobin, derStandard.at, 16.06.2011)

Kommentar posten
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Ben Hemmens
00
22.6.2011, 12:45
Die Schweizer Vélovignette

ist in Abschaffung.

Sie gilt nämlich nur noch in diesem Jahr. 2012 ist sie Geschichte. Sie hat sich im Sinne von Kosten und Nutzen nicht bewährt.

RadlerInnen wie allen anderen Menschen ist eine "stinknormale" Haftpflichtversicherung sehr zu empfehlen. Diese kann problemlos alle Schäden, die von RadfahrerInnen verursacht werden, abdecken. Es gibt keine so große oder charakteristische Schadenskategorie, die analog zum Auto eine eigene und gesetzlich verpflichtende Versicherung rechtfertigen würde.

http://blog.veloplus.ch/2011/05/3... vergessen/

Hugo Strudl
22
20.6.2011, 15:07

Wenn es ein Beitrag wäre, dass weniger Räder gestohlen werden, wärs ja eine nette Sache.
Ansonsten sind Nummerntafeln für Räder wohl eine dämliche Idee. Die Möglichkeit nicht wegen einer Einbahn 5min Umweg fahren zu müssen würde der Rücksichtslosigkeit mehr Einhalt gebieten.
Haltet euch doch ans bisherige Konzept: Mehr Raum für Radfahrer und alles wird gut.

joky1
00
20.6.2011, 16:24

ist schon richtig so:

Fußgänger brauchen Nummerntafeln, Hunde sowieso.
Auch Rehe sollten, zumindest im 5km-Umkreis einer Siedlung, mit Nummernschilder ausgestattet werden (die Anzahl der Fahrerflüchtigen ist bei Rehen besonders groß).

Und überhaupt sollte alles verboten werden, was nicht durch Airbag geschützt und innerhalb von 2 Tonnen Plastik-Stahl stattfindet.

Ich habe bisher noch kein einziges Argument Pro Nummerntaferl vernehmen können, die Sache bzgl. Diebstahl ist wohl besser mit einer Kodierung bzw. der bekanntgabe des Fahrradrahmens erledigt,..

Gruß

der_gote
21
20.6.2011, 11:54
bin für eine Nummerntafelpflicht für Grüne Politiker

rauf aufs Hirn und wenns wieder mal einen ihrer üblichen B..... verzapfen kriegens einen Strafzettel.

silverbridge
02
20.6.2011, 11:37
Wenn PS Boliden in der Innenstadt bis zum 3. Gang bis zum Anschlag ausfahren, schreibt dann einer die Nummer von der Tafel ab?

Hirnlose Proleten fahren und die anderen hirnlosen Proleten klatschen Beifall...

...und schreien dann dass Fahrräder Nummerntaferln brauchen.
Da ist jedes Argument vergebene Mühe.

marty fink
10
27.6.2011, 10:41
Bis zum dritten Gang?

Na sicher...sind ja jeden Tag überall Boliden mit 170 in der Innenstadt unterwegs...scho klar...

Karl Krammer
121
20.6.2011, 00:28
"Dass an einem Auto zwei Kennzeichen angebracht sind, hindert manche Kfz-Lenker nicht daran, Fahrerflucht zu begehen"

dann können wir die Schilder an den Autos ja auch gleich abschaffen. Versichert sind aktuell ja auch über 99%.
Vor etwas über 100 Jahren durfte auch nirgendwo in Europa eine Frau wählen. Finnland hat damit angefangen. Keine Ahnung, ob damals jemand mit dem Argument gekommen ist, man wäre ja das einzige Land, wo das möglich ist. Aber irgendwer muß ja der erste sein.
Und warum sollen die Schilder nicht auch Einnahmen bringen? Fahrräder profitieren ja auch von den gut ausgebauten Straßen, also sollen sie auch dafür zahlen.

mukl
00
20.6.2011, 19:53

ja, vor allem die tangente bringt mir als radfahrer unglaublich viel.

Tussitherapeut
10
25.6.2011, 16:35

kann ja keiner etwas dafür, wenn du den radweg unter der tangente über die donau nicht nutzt. fakt ist aber, dass selbst die tangente streckenweise einen radweg hat.

legal eagle
 
03
20.6.2011, 10:26

was an dem einwand "mehr bürokratiekosten als verwaltungseinnahmen" verstehen sie denn nicht?

time to get sober
10
25.6.2011, 19:47
dann sind entweder

die verwaltungskosten zu reduzieren, oder die einnahmen zu erhöhen. nahezu jedes unternehmen arbeitet nach diesem prinzip.

Helmut Jiranek
00
30.6.2011, 14:29
Wenn Radfahren zu teuer oder zu bürokratisch wird,

werden viele Menschen aufs Radfahren verzichten.

Das hätte viele negative Auswirkungen: mehr KFZ-Verkehr --> höherer CO2 Ausstoß und damit Strafzahlungen weil Klimaschutzziele nicht erreicht werden, mehr Schadstoffausstoß, mehr Lärm, mehr Stau und damit höhere Folgekosten (die Anfahrtskosten z.B. eines Installateurs sind jetzt eh schon "geschmalzen"), mehr Krankenstände aufgrund Bewegungsmangel und damit Produktivitätsverringerung sowie höhere Belastung für Krankenkassen, negative Auswirkungen auf Tourismus, u.s.w.

Unser Staat handelt klug wenn er sich davor hütet, Radfahren für viele Menschen unattraktiv zu machen.

akis96
 
06
19.6.2011, 20:15

Es wäre ja schon einmal nett, wenn die Exekutive Vergehen von AutofahrerInnen ahnden würden (die haben ja schon Nummerntafeln).
Wohne in einer 30er Zone in Wien 7... kontrolliert wird die nur leider nie. Ganz abgesehen von den Kreuzungen Westbahnstrasse / Zieglergasse bzw Westbahnstrasse / Bandgasse - 6 von 10 Autos ignorieren die dortigen Gebote (linksabbiegen über Schienenstraße; Einfahrtsverbot, usw.). 2-3 mal eine Aktion "scharf" und die Leute gewöhnen sich das wieder ab.
Wenn sich keiner an diese Gebote hält und sie sowieso nicht kontrolliert werden, dann kann man sie gleich abschaffen (und ich erspar mir ein paar 100m kreisen als einer der 4 von 10, die korrekt fahren).

legal eagle
 
00
20.6.2011, 10:30
heute wurde ich wieder mal in einer wohnstraße von einem polzeiwagen angehalten,

weil ich gegen die fahrrichtung fuhr.

das ist mein täglicher arbeitsweg, und ich kann gar nicht zählen, wie oft da unerlaubter weise autos durchfahren (ist ein schleichweg aus einem unübersichtlichen einbahndschungel, der zur schonung der anwohner vor durchzugsverkehr angelegt wurde).

aber nie sieht man einen streifenwagen am beginn der wohnstraße stehen und kontrollieren.

dabei könnte man nur mit den geldern für die organverfügungen alle schlaglöcher in der umgebung reparieren...

Tompkins, Mr. Tompkins
 
00
20.6.2011, 10:48
Sie haben denen ...

... aber schon erklärt, daß Sie das dürfen, oder?

Jene Grüne Straßenkatze
07
19.6.2011, 16:37
...

"Zwar hat sich Vassilakou mittlerweile in einem Brief an den Standard auf facebook von der Zitation distanziert"

Einen Brief, der recht klar macht, was für ein Stück sich der Standard geleistet hat und wohl deshalb nicht wiedergegeben wurde.

https://www.facebook.com/notes/mar... 5651206487

lanebbia
21
19.6.2011, 15:04
traurig

In letzter Zeit ist die Radberichterstattung zu einem Mittelding zwischen Orchideenthemen-Homestories ("Wir transportieren ein Bett mit dem Lastenrad und der Standard ist dabei") und Zitieren von Radlerlobbyorganisation (egal ob unbedeutend oder bedeutend) herabgesunken. Das Ganze noch mit einem Schuss "Radlerideologie" vermischt, fertig ist der Cocktail.

yourworstnightmare
01
19.6.2011, 14:57

Wenn Wien (im Gegensatz zu den Bundesländern!) so große Probleme mit Fahrradfahrern hat, dann soll es in den Hauptproblemzonen Polizisten aufstellen. Kann der Staat auch noch schön verdienen an der Abmahnung der Betroffenen und die ÖsterreicherInnen braucht sich nicht zu sorgen, ob wiedereinmal KleinverdinerInnen mit neuen Gebühren (Vignetten, Versicherungen...) belastet werden.

meinrad
03
19.6.2011, 08:28
"Nummerntafeln für Fahrradfahrer fordern die Grünen"

http://derstandard.at/plink/130... id21636679

http://tinyurl.com/3n28awg

mmeister
00
19.6.2011, 00:47
neues bewilligungsverfahren

würde ja eigentlich sehr gerne grün wählen.

nach dem zigarettenautomatenverbotsvorschlag vor einigen tagen jetzt auch noch das!

ich schlage somit ein bewilligungsverfahren für wortspenden von grünparteimitgliederinnen (und ich meine dabei NICHT mitgliederInnen) vor und übernehme gerne auch dieses verfahren. kostenfrei.

cheers

Kaktus
015
19.6.2011, 00:31
Ich bin für Nummertaferl für Fußgänger.

Vorne und hinten ist genug Platz, dann könnte man dieser Radweggehrowdies und Rotlichtgeher endlich mal identifizieren!

Ben Hemmens
00
18.6.2011, 20:41
"...verordnet und auf selbstklebende Vignetten umgesattelt. Diese Kennzeichen dienen allerdings nicht der Identifizierung von "Fahrerflüchtigen", sondern sind der Nachweis für eine abgeschlossene Haftpflichtversicherung."

Anm.: auch diese Vignetten gibt es nicht mehr.

Sommerkind
00
19.6.2011, 16:03
Doch, gibt es.

Die Abschaffung ist zwar beschlossen, aber noch nicht umgesetzt: http://www.suedostschweiz.ch/vermischt... b-mittwoch

Sir Panda
 
00
18.6.2011, 20:39
gut recherchiert

unangenehm
67
18.6.2011, 19:59
fahrradfahren im schritttempo

sollte auf gehsteigen erlaubt werden. auch das rechtsabbiegen bei rot - ist in amerika ja auch für autos erlaubt und funktioniert gut. bei geringem verkehr sollte auch das bei rot über die kreuzung fahren erlaubt werden.
das ganze ist doch nur eine frage von kleinkariert oder nicht. auch als fußgänger kann ich rücksichtslos unterwegs sein, auch als autofahrer, motorradfahrer und fahrer ferngesteuerter autos.

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