Hymnen für den Hausgebrauch

17. Juni 2011, 18:13
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Wolfgang Ambros geht auf Jubiläumstournee

Wien - Wer in den späten 1970ern in Österreich eine Gitarre in die Hand nahm, um einem geselligen Beisammensein mit gut mitsingbaren Liedern den letzten Schliff zu geben, konnte auf das Kufstein-Lied zurückgreifen. Selbstverständlich konnte er sich auch zur Rosamunde ins Bett im Kornfeld durchschlagen oder Marmor, Stein und Eisen brechen. Richtig leiwand wurde es allerdings erst, wenn jemand ein paar Lieder vom Wolferl draufhatte.

Schifoan, eh klar. Zwickt's mi sowieso. Hoit do is a Spoit, Baba und foi ned: Selbst mit seinen scheinbar unverfänglichsten Liedern gelangen Ambros damals in der Blüte seiner Kreativität von 1971 bis herauf in die Mitte der 1980er fröhlich vom Zeltfest oder Heurigen heimwärts torkelnde Verdichtungen der österreichischen Befindlichkeit. Das Kunststück dabei ist nicht das geringste. Gerade mit diesen von der breiten Öffentlichkeit begeistert empfangenen Bundeshymnen für den Hausgebrauch wurde der Dissident zum Teil der Mitte.

Der Kritiker drang in den Kernbereich des Österreichertums vor, tief hinein in die Ideengeschichte von Minderwertigkeitsgefühl, Größenwahn und Selbstmitleid. Und er legte dort im Gefolge seines ersten Nummer-eins-Hits aus 1971 Bomben mit Zeitzünder. Stichwort: Da Hofa und seine sich anfangs mit dem Pöbel gemein machende Litanei und schließlich die wie eine Watsche aus dem Nichts gegen Volkes Stimme daherkommende Schlusspointe. Prack. Auch Tagwache brüllen seit nunmehr drei, vier Jahrzehnten Generationen von Grundwehrdienern nächtens gen Himmel, während sie in ihr Bier weinen. Es lebe der Zentralfriedhof mit seiner Botschaft von den Menschen, die alle gleich sind, zumindest wenn sie tot sind, spart überhaupt mehrere Laufmeter an Studien zur österreichischen Seele. Heite drah i mi ham, ergänzt vom Song Gezeichnet fürs Leben, erklärt sich von selbst.

Die heimische Morbidität, immer auch narzisstisch kombiniert mit der Spekulation auf das Leid der anderen, die dann grausam erkennen müssen, wie sehr man ihnen fehlt, sie kennt kein Halten. Wie hört das auf, wie wird das weitergehen? Zwei wunderbare Liebeslieder hat Ambros aus dieser Zeit noch im Talon, Die Blume aus dem Gemeindebau und Du bist wia de Wintersunn. Selbstverständlich muss man auch noch das Album von 1978 erwähnen. Auf Wie im Schlaf adaptierte Ambros Songs von Bob Dylan. Und er konnte damals noch von keinem Austropop-Produzenten überredet werden, die Songs vom alten Grantler Dylan anders als staubtrocken, also wienerisch unversöhnlich umzusetzen.

Hoffentlich wird man im Rahmen der Jubiläumstour in Sachen 40 Jahre Karriere auch einige ernste Klassiker hören. Danach hatte es der Ambros, der das System von innen verändern wollte und dafür bestraft wurde, indem dieses ihn als Wolferl Nationale eingemeindete, nicht immer leicht. Er sang vom schaffnerlosen Leben in Wiener Linien und vom Idealgewicht. Und er interpretierte zuletzt Hans Moser und leider auch wieder die ursprünglich als Parodie gemeinte Gaudi Watzmann, die nun ernst daherkam. (Christian Schachinger/ DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2011)

18. 6., Arena, ab 18.00  (17.6. ausverkauft)

  • Bilder aus der guten ernsten Zeit: Wolfgang Ambros und Georg Danzer.
    foto: votava

    Bilder aus der guten ernsten Zeit: Wolfgang Ambros und Georg Danzer.

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