Hilfesuchende mit hoher Dunkelziffer

16. Juni 2011, 09:36
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Manche Mädchen fahren ahnungslos auf Urlaub in das Herkunftsland und kommen nach dem Sommer nicht mehr zurück - Notwohnungs-Projekt bisher an Politik gescheitert

Wien - Sie machen im Sommer Urlaub bei der Familie in der Türkei, in Ägypten oder Pakistan und kommen nie wieder zurück in die österreichische Heimat. Für manche Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund wird die Fahrt in die Ferien eine Reise in die Zwangsehe. Anlaufstellen für Betroffene, wie der Verein Orient Express in Wien-Leopoldstadt, haben vor den Sommermonaten alle Hände voll zu tun. Für die Opfer mangelt es aber an geeigneten Unterbringungsmöglichkeiten, wo sie geschützt vor den Eltern untertauchen können.

"Die Dunkelziffer ist hoch", meinte Meltem Weiland von Orient Express. Angaben zu den Zahlen der Betroffenen oder von Zwangsheirat Bedrohten kann sie nur schwer machen. "Wir wurden in zehn Jahren so oft nach Zahlen gefragt. Ich kann nur sagen, sie steigen und werden weiter steigen, wenn wir nichts machen." Laut Statistik des Vereins wurden im vergangenen Jahr 79 Klientinnen wegen Zwangsverheiratung beraten und betreut - 56 waren von einer bevorstehenden Ehe bedroht und 23 bereits von Zwangsheirat betroffen. In den vergangenen Jahren ist die Klientinnenzahl kontinuierlich gestiegen (2009: 72, 2008: 61, 2007: 57, 2006: 51, 2005: 46, 2004: 26).

"Gut für die Tochter sorgen..."

Die meisten Betroffenen sind minderjährig (zwischen 15 und 19 Jahre alt). Gerade für diese Gruppe ist die Präventionsarbeit in Schulen wichtig. "Altersmäßig sind Zwangshochzeiten am Ende der Pflichtschule ein Thema. Weil dann niemand mehr fragt, warum das Mädchen nicht mehr zur Schule kommt", sagte Meltem Weiland.

Rund 27 Prozent der Betroffenen waren im Vorjahr Migrantinnen aus der Türkei oder haben Migrationshintergrund aus diesem Land. Jeweils zehn Prozent gaben Bangladesch und Pakistan als Herkunftsland an, der Rest verteilt sich auf den Kosovo, Albanien, Ägypten, Serbien, Indien, Afghanistan, Rumänien oder den Iran.

Verheiratet werden die Mädchen in der Regel mit Cousins oder anderen Verwandten, Fremde kommen als Ehepartner für die Tochter eher selten infrage. Die Familien wollen damit erreichen, dass der Reichtum in der Familie bleibt, "aber man kennt auch den Mann und die Eltern gehen davon aus, dass dieser gut für die Tochter sorgen wird", erzählte Meltem Weiland.

Die Hochzeiten finden meistens in den Ferien statt, weil die Eltern dann ihren Urlaub in der Heimat verbringen und das Jahr über Zeit haben zu planen. Manche Mädchen erfahren erst in der Heimat, dass sie verheiratet werden sollen.

Für die Betroffenen ist es wichtig, die Anlaufstellen zu kennen. Bei Workshops in Schulen "kommen die Mädchen in der Pause und reden mit uns oder sie rufen uns später an", erzählte Meltem Weiland. Mittlerweile würden so mehr Bedrohte als Betroffene erreicht, was ein Erfolg sei, weil die Zwangsheirat noch verhindert werden kann. Manchmal nimmt auch die Schule Kontakt auf. "Es gibt Mädchen, die völlig unter Kontrolle der Eltern stehen. Sie werden zur Schule gebracht und wieder abgeholt", sagte Weiland.

Anzeigen und Prozesse

Bei akuten Problemen, wenn das Mädchen binnen kürzester Zeit in die Heimat gebracht werden soll, kommen die Betroffene in einem Krisenzentrum unter, diese sind allerdings mit der Betreuung für derartige Fälle häufig überfordert. Zudem ist es bei Minderjährigen die Pflicht der Krisenzentren, Kontakt mit den Eltern aufnehmen - dieses Vorgehen endet dann meist mit fatalen Folgen für die Mädchen. Deshalb bedarf es einer geeigneten Unterbringungsmöglichkeit, die von verschiedenen Organisationen seit Jahren gefordert wird.

Wenn Mädchen Anzeige gegen ihre Eltern erstatten möchten, "dann können sie das tun, wir arbeiten gut mit der Polizei zusammen", so die Sozialarbeiterin. In Einzelfällen kommt es zu Prozessen, "bei denen wir die Mädchen hinbegleiten".

"Unser Ziel war immer, Bedrohte zu erreichen. Das haben wir erreicht. Wir können verhindern, dass Mädchen gegen ihren Willen verheiratet werden", sagte Meltem Weiland.

Unstimmigkeiten zwischen Frauen- und Innenministerium

Unterdessen fordern seit Jahren Frauenverbände eigene Unterbringungsmöglichkeiten für von Zwangsheirat bedrohte Mädchen, wo sie anonym und vor den Eltern versteckt Zuflucht finden. Ein Konzept für Notwohnungen des Vereins Orient Express liegt nach eigenen Angaben seit 2005 im Frauenministerium auf. Benötigt würde eine etwa 250 Quadratmeter große Wohnung. Bis dato scheiterte die Realisierung an Unstimmigkeiten zwischen Frauen- und Innenministerium.

Die Errichtung betreuter Notwohnungen für Betroffene von Zwangsheirat "steht im Regierungsprogramm. Wir haben die Finanzierung seit Jahren im Budget", sagte Julia Valsky, Sprecherin von Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Für die Errichtung und den Betrieb sei aber eine 50-Prozent-Kofinanzierung mit dem Innenministerium vorgesehen. "Wir haben mit der damaligen Ministerin Fekter (Maria, Anm.) Gespräche geführt. Sie hat sich aber eher unwillig gezeigt", so die Sprecherin. "Von unserer Seite aus könnten wir sofort loslegen."

Aus dem Büro von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner von der ÖVP, der Nachfolgerin Maria Fekters, hieß es, dass es in den nächsten Wochen Gespräche mit der Frauenministerin geben werde. Dabei werde es unter anderem auch um dieses Thema gehen, sagte Sprecher Hermann Muhr. (APA)

  • Gewalt wirft lange Schatten und Dunkelziffern: So auch bei durch Zwang zustande gekommenen Ehen.
    foto: der standard/fischer

    Gewalt wirft lange Schatten und Dunkelziffern: So auch bei durch Zwang zustande gekommenen Ehen.

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