"Platform": Langsame Kreise durch die Provinz

23. Juli 2004, 11:06
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Jia Zhang-Kes "Platform" schildert den Aufbruch in Chinas Hinterland anhand von Theater und Popkultur

Wien - Neuerungen in einem Land wie China brauchen Zeit, bis sie in entlegene Gegenden vordringen. In der Stadt Fenyang in der kargen Shanxi-Provinz nimmt man die jüngsten Entwicklungen daher erst verzögert wahr.

Im Jahr 1979, zu Beginn von Platform / Zhantai, führt dort eine Wandertheatertruppe ein Drama auf, das Mao huldigt. 1990 tanzen deren Mitglieder auf der Straße zu einer sinisierten Version eines Modern-Talking-Songs. Von den Umwälzungen, die in diesem Zeitraum China und seine jüngste Generation prägen, erzählt der zweite Film des jungen Regisseurs Jia Zhang-Ke.

Platform ist eigentlich der Titel einer beliebten Popnummer aus den 80ern: "The long and empty platform - the wait seems neverending" heißt es darin. Mit solchen Verweisen auf die Populärkultur zeigt Jia auf, dass sich trotz der vorherrschenden Stasis Auffassungen wandeln. Die jugendlichen Ensemblemitglieder entdecken mit Glockenhosen oder auch Dauerwellen die Mode für sich - und damit einen neuen Ausdruck für Individualität.

Es geht um ein nicht sichtbares Außen, welches das Dasein der Figuren reorganisiert. Die offiziellen Mitteilungen aus öffentlichen Lautsprechern betreffen auch die Zukunft der Theatertruppe. Um weiter zu bestehen, muss sie privatisiert werden - was bedeutet, dass die Aufführungen weniger vermitteln als unterhalten müssen. Die neuen Freiheiten schaffen auch neue Möglichkeiten der Zerstreuung. Jia hält in langen Totalen einen Protest fest, der sich im Nichtstun erschöpft, ein Dahindriften der Jugendlichen.

Vor diesem Hintergrund vollziehen sich zwei Liebesgeschichten. Die eine entfaltet sich nie, die andere hört irgendwann einfach auf. Was ihnen jeweils dazwischenkommt, sind nicht nur die üblichen privaten Differenzen - es ist auch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die etwas Diffuses hat.

Die 80er-Jahre sind eine Zeit des Aufbruchs in China, aber in der Provinz von Platform scheint unklar, wohin. Platform ist ein Film, der dramatische Momente scheut und sich mehr an Reaktionen als an Aktionen beteiligt, ohne das Tun seiner Protagonisten zu bewerten.

Konsum und Kreativität

In einer anderen Figur, dem Cousin von einem der Darsteller, findet Jia allerdings einen Gegenpart: Dieser ist ein Tagelöhner, der in einer der wenigen emphatischen Gesten die Hälfte seines Lohns an seine Schwester übergibt, die in der Stadt studiert - sie soll nie zurückkehren. Während der Cousin sich selbstlos aufopfert, geraten die Theaterleute durch die Liberalisierung in eine Situation, die ihnen keinen kreativen Freiraum lässt. Die Popkonzerte am Ende von Platform sind denn auch erbärmliche Darbietungen.

Darin liegt die Dialektik von Jias Sichtweise: Er sympathisiert mit der Öffnung des Landes, die den Zugriff auf (westliche) Konsumgüter bringt. Zugleich zeigt er jedoch auf, dass diese Bewegung allein zu wenig ist, um zu einem veränderten Bewusstsein zu führen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.5.2003)

Von
Dominik Kamalzadeh

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'Platform' @ Trigon-Film

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