Freier Fall im entleerten Raum

19. Mai 2003, 18:30
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Lars von Trier erfüllte nach einer eher mittelprächtigen Anfangsphase der 56. Filmfestspiele alle in ihn gesetzten Erwartungen

Nach einer eher mittelprächtigen Anfangsphase der 56. Filmfestspiele in Cannes erfüllte nun mit dem dänischen Regisseur Lars von Trier ein großer Favorit alle in ihn gesetzten Erwartungen: "Dogville" mit Nicole Kidman ist nichts weniger als einer der radikalsten Filme der letzten Jahre.


Alles könnt ihr uns nehmen, scheint das Kino des Lars von Trier und der mit ihm assoziierten dänischen Dogma-Bewegung seit Jahren zu rufen. Alles: Das gute alte Zelluloid, die Mittel für Experimente, die Möglichkeit, im Einheitsbrei des Konsenskinos über das zu erzählen, was uns umtreibt - Sozialkritik, Religion, Passionen: Wir werden trotzdem weiter filmen, weiter erzählen, weiterhin genau das tun, was wir für notwendig halten.

Mag der Rahmen, in dem wir uns bewegen können, auch immer enger werden: Wir werden gerade aus dieser Enge zu größter Inspiration gelangen. Wir werden die Schlinge, die man uns um den Hals gelegt hat, zeigen und über den Schmerz, der uns dabei zugefügt wurde, wird auch das Publikum weinen. Und wir werden so viel Publikum haben, dass auch andere Filmemacher ermutigt werden, über sich und uns zu erzählen.

Das war, wie gesagt, Dogma, in dessen Rahmen von Trier Idioten drehte. Dann kam Dancer in the Dark, das Musical mit Björk, mit dem sich der Regisseur kurzfristig vom Purismus befreite. Und jetzt Dogville: die vielleicht radikalste Übung in Befreiung durch Einschränkung, die man im Kino der letzten Jahre sah. Es gibt nur noch ein Minimum an Ausstattung und Requisiten in diesem Film. Wo Häuser und Straßen gebaut werden sollten, sind am Boden einer riesigen Studiohalle nur noch Umrisse eingezeichnet. Selbst der Hund, der dem Film und dem Ort, von dem erzählt wird, den Namen gibt, ist nur ein Bellen aus dem Off, eine Kreideskizze, neben die lakonisch "Dog" hingemalt wurde.

Wieder, wie schon in Breaking The Waves, Idioten und Dancer in the Dark, stellt von Trier eine leidende, von ihrer Umwelt mehrfach missbrauchte Heldin in den Mittelpunkt seines (Melo-)Dramas. Wieder entwickelt diese Frau - diesmal heißt sie Grace - darüber (auch) Starqualitäten bzw. hier wird sie gespielt von Nicole Kidman, die seit ihrer Kollaboration mit Stanley Kubrick (Eyes Wide Shut) exemplarisch vorführt, dass man sich gerade als Star größte künstlerische Freiheit erlauben können sollte.

Unschuld in Ketten

Mit einer Verletzlichkeit, die meilenweit vom sonst in Hollywood obligaten Method-Acting entfernt ist, kommt sie als von Gangstern verfolgte junge Frau in einen verarmten Ort, in dem ihr zuerst Skepsis gegenüber einer Fremden entgegenschlägt, schließlich eine gewisse Sympathie - und dann: beinharte Spekulation mit der Erpressbarkeit eines Menschen, dem offenkundig auch die Polizei auf den Fersen ist. Grace wird zunehmend für Arbeiten eingespannt, die niemand tun will. Sie wird mehrfach vergewaltigt und schließlich an ein Eisenrad gekettet, das sie mit sich zieht wie einen Schatten aus der antiken Unterwelt.

Nicht nur die griechische Tragödie hat von Trier inspiriert, in diesem Studiokosmos, der durch starre Seitenwände fast schon zu einer Scheibenwelt wird, an deren Rändern nur noch der Abgrund droht. Auch Brechts Verfremdungseffekte reflektiert er mit, mit direktem Verweis auf die Dreigroschenoper. Und: Alte BBC-Verfilmungen, etwa von Charles Dickens' Nicolas Nickleby, in denen die Welt gewissermaßen aus dem Über-sie-Erzählen erstand. Aus Schauspielern, die mit kunstvoller Modulation, Mimik und Gestik die Gemachtheit der Bühne vergessen ließen.

Mit Ben Gazzara, Lauren Bacall, Paul Bettany und vielen anderen stehen in Dogville unfassbar beredte Charakterköpfe zur Verfügung. Und: Erstmals verharrt von Trier nicht in der Schilderung eines Opfergangs, sondern thematisiert gleichzeitig - in Zeiten wie diesen brisanter denn je - den Topos "Rache". Mehr sei vorläufig über dieses Meisterwerk nicht verraten, das uns in den nächsten Monaten (auch als mögliche Antwort auf das Container-Theater eines Frank Castorf) ausgiebig beschäftigen wird.

Extrem interessant, wenn auch schlussendlich etwas daneben, war zuletzt im Wettbewerb von Cannes auch der neue Film des US-Regisseurs Gus Van Sant.

Elephant versucht nichts weniger als eine Annäherung an den Amoklauf zweier Schüler in der High School von Columbine, den ja auch schon der Dokumentarist Michael Moore thematisierte. Abseits der Konventionen des Teenagerkinos rekonstruiert Van Sant in knapp 80 Minuten die letzten Handlungen von Tätern und Opfern an einem ganz normalen Tag, der plötzlich in einer Katastrophe gipfelt. Jeder Blick, jedes banale Gespräch wird dabei zum Platzhalter für eine allgemeine Sinnkrise und Leere, die ab dem Moment besonders belastend werden, in dem man sieht, dass zwei Jungen in Combat-Anzügen das Gebäude betreten.

Gott Zufall Dadurch nämlich, dass die Handlung aus immer neuen Perspektiven permanent zurückspringt, entwickelt dieser "Einmarsch" eine virulente Macht, deretwegen es gar nicht nötig wäre, das Große Schießen am Ende wirklich zu zeigen. Hier tritt Van Sant gewissermaßen endgültig in die Falle, in der es sich schon Michael Haneke mit 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls unbequem machte: Gott Zufall regiert die Welt, wir sind alle seine kleinen Marionetten, und wenn wir nach links statt nach rechts abbiegen, laufen wir einem Massenmörder in die Quere, der zu viele Hitler-Videos und Computerspiele konsumierte.

Van Sant macht hier unweigerlich aus kleinen Dingen Elefanten, obwohl er doch von einer ganz intelligenten Prämisse ausgeht: Ein altes indisches Sprichwort besagt, dass Menschen, die einem Elefanten zu nahe kommen, bestenfalls in der Lage sind, einzelne Gliedmaßen des Tieres zu beschreiben. Ähnlich wie im Fall "Wald und Bäume" lässt uns der Regisseur aber nur an der Ratlosigkeit darüber teilhaben, dass er zu seinem Sujet keinen Abstand gewinnt. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2003)

Von Claus Philipp aus Cannes
  • Eine verheerende Romanze im Mittelpunkt von "Dogville": Grace, die verfolgte Unschuld (Nicole Kidman), und ein Dichter namens Thomas Edison (Paul Bettany), 
der gerade mit seinen Erklärungen und Bemühungen um Besserung ihre Qual noch erhöht.
    foto: polyfilm

    Eine verheerende Romanze im Mittelpunkt von "Dogville": Grace, die verfolgte Unschuld (Nicole Kidman), und ein Dichter namens Thomas Edison (Paul Bettany), der gerade mit seinen Erklärungen und Bemühungen um Besserung ihre Qual noch erhöht.

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