Roadrunner und Würstelmaus

20. Mai 2003, 18:26
posten

Vielleicht ist M. ja wirklich feig geworden. Also erwachsen. Oder vernünftig. Aber ...

... ich kann ihn nicht fragen. Weil er nicht mehr zur Tankstelle kommt. Und die Würstelmaus ist jetzt auch kaputt. Der Würstelstand in der Nähe der Gasometer war kürzlich nämlich einem Schnellfahrer im Weg. Jetzt ist er kaputt. Der Würstelstand, an dem ich M. das letzte Mal gesehen habe. Obwohl: M. hat sich eigentlich nie in der Umgebung der Gasometer herumgetrieben. Auch damals wäre er dort nicht stehen geblieben. Aber ich wollte ausstiegen. Und zwar sofort.

Das ist schon lange her. Fast so lange, wie der Tag, an dem mir M. über den Weg gelaufen ist. Wobei "gelaufen" falsch ist: M. ist - natürlich - gefahren. Ich war ihm im Weg. Das sind Leute wie ich Leuten wie ihm immer. Weil ich es nicht darauf anlege, mich der Schallgeschwindigkeit anzunähern. M. schon. Er hat mir das so erklärt. Und als ich ihm das Wort "asymptotisch" entgegenwarf, war er glücklich. Weil er jetzt an der Tankstelle auf der Triesterstraße angeben könne. Und damit - M. sagte das ohne Ironie - wäre er was Besonderes. Eine Ausnahme.

Der Club

M. war das, was Polizisten "Roadrunner" nennen. Er selbst hat dieses Wort nie in den Mund genommen. Es sei, sagte M., ein Club. Und er gehöre dazu. Er war einer von den Leuten, die sich an der Tankstelle hinter den Wienerbergtürmen treffen. Und M. hat mir nie verziehen, dass ich das Ritual des Dem-anderen-in-den-Kofferraum-schauen mit der Arschschnüffelei von Hunden verglichen habe. Auch nicht, dass ich mich über die Sprache der bei ihm herumliegenden Tuning-Postillen lustig gemacht habe. Und dass in diesen Heften die von mir erwartete Dichte an Go-Go-Girls auf Motorhauben nicht erreicht wurde, verbuchte er als Beleg für meine Vorurteile: Frauen, erklärte er, würden manchmal den Blick aufs Wesentliche verstellen. Aufs Auto. Aufs getunte Auto.

M. gab sich Mühe. Als es ihm nicht gelang, meine Begeisterung für seine Obsession durch detailreiche Erklärungen über die Kunst, mit Wattestäbchen Bremsscheiben durch Speichenfelgen zu putzen, zu erwecken, packte er mich seinen Recaro-Beifahrersitz, schnallte mich fest und versprach mir den Ritt meines Lebens. Und als ich 25 Minuten später bei der Würstelmaus darauf bestand, jetzt und hier auszusteigen, war er ehrlich enttäuscht: Er hatte bis dahin noch nie einen Außenstehenden zu einem Rennen über Wienerberg, Gürtel oder Tangente mitgenommen. Und wie man zuerst den Verkehr aufgehalten habe, um die vor ihnen liegenden Straße frei zu bekommen, sei nicht doch nur wahnsinnig clever, sondern auch ein Zeichen von Verantwortungsbewusstein. Irgendwie halt. Das erklärte mir M., als wir bei der Würstelmaus standen und ich mich weigerte, wieder einzusteigen.

Vernunft und Feigheit

Vor dem Wochenende hat irgendeiner die Würstelmaus zu Sperrholz gefahren. Aber M. hätte ich dort ohnehin nicht getroffen. Den haben sie aber auch schon länger nicht mehr an der Triesterstraße gesehen, sagt einer an der Tankstelle. M. sei zuletzt immer öfter nicht gekommen. Bis er ganz weg blieb. Außerhalb der Szene hieße das wohl „Vernunft annehmen“ oder "erwachsen werden". Hier nennt man das "feig werden". Aber M. sei schon immer einer gewesen, der den Ausstiegsszenarien Hauswand, Baum oder Straßengraben wenig abgewonnen habe. Ein Außenseiter halt.

Nachlese

--> Balkonien

--> Lifeballkarten
--> Kunstraub
--> In der Lagunenstraße
--> Banales Kreuzungsgeschehen
--> Der Mitesser

--> Gratis parken
--> Sternmarsch
--> Wie bei Oma
--> Indien
--> Ein Geschenk

--> Speckgürtel
--> Valentinsdebakel
--> Die Mulde
--> Die Tunnel unter der Stadt
--> Flugrattenpflege

--> Telefonieren für 0 Cent
--> Spaß mit den Nachbarn
--> Drei Zentimeter
--> Noch ein Zimmer
--> Eleanor Rigby

--> Quartierschreberei revisited
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

Dienstags auf derStandard.at/
Panorama
  • Artikelbild
Share if you care.