Wem Frauensprache schadet

20. Mai 2003, 01:00
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Kommentar zur hohlen Argumentationslogik der Sprachreform-VerweigerInnen

Erst kürzlich hatte ich wieder einen Disput aufgrund der Frauensprache. Eine Kuratorin, pardon ein Kurator, denn selbige ist ja gänzlich gegen weibliche Sprachformen eingestellt, trat mit dem Thema an mich heran. Vor Aufregung zitternd, über die Bösartigkeit der Feministinnen empört, setzte sie zu einer Schimpftirade an. Also wirklich, diese "extremen Emanzen" würden vor allem durch die Versessenheit auf "diese Sprache" allen anderen Frauen schaden, stieß sie hervor und ihr Weinglas um, dessen Inhalt sich glücklicherweise auf ihren Business-Hosenanzug und nicht auf mich ergoss. Es sei ein "absoluter Blödsinn" zum Beispiel "Frau Ministerin" zu sagen, weil, so erklärte sie mir, dass eine Verdoppelung sei. Und "Minister" außerdem eine Berufsbezeichnung, die für beide Geschlechter gelte. Nachdem die Vorbringung meiner Argumente nicht fruchtete, wendete ich mich mit "dann sagen Sie eben 'Herr Ministerin', wenn Ihnen 'Frau Ministerin' nicht zusagt" ab.

Frauensprache bedroht. Von Heruntermacherei und Verniedlichung mittels Vokabeln wie "unwichtig", "Nebensächlichkeit", "habt ihr keine anderen Probleme?" bis zu aggressiven Äußerungen und wüsten Beschimpfungen á la "totalitäres Gehabe", "militante Männerfeindlichkeit", "weibliche Machos" und "feministoide Extremistinnen" reicht die Palette an Kommentaren gegen sie.

Dabei ist die weibliche Sprachform entgegen allen Vorurteilen keine Sprache von/für Frauen, die jene bevorzugt und Männer benachteiligt. Vielmehr wird sie als ein geschlechtsneutrales Element verstanden, welches die Unsichtbarkeit von Frauen in der Sprache beseitigen und somit gleichheitsfördernd wirken soll. Trotzdem scheint, wie die emotional aufgeladenen Diskussionen und abwehrenden Statements belegen, Frauensprache weite Teile der Bevölkerung zu bedrohen. Nicht nur Männer, auch Frauen. Fragt sich, warum eigentlich?

Was ist am Binnen-I auszusetzen? Jeder halbwegs denkenden MenschIn wird wohl einleuchten, dass sie/er beispielsweise im Wort LeserInnen mitgedacht ist, was für gemischtgeschlechtliche "Leser" nie gelten kann, jedoch für Frauen und Männer als "Leserinnen" schon eher. Am korrektesten ist natürlich "LeserInnen", weil hier beide Geschlechter sichtbar gemacht und eine deutliche Unterscheidung zur Mehrzahl von Leserin erzeugt werden. Leider empören sich auch noch siebzehn Jahre nach der Veröffentlichung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, den "Linguistischen Empfehlungen zur sprachlichen Gleichbehandlung von Mann und Frau im öffentlichen Bereich" viele MenschInnen über das Binnen-I.

Die vorgebrachten gegnerischen Argumente erweisen sich als äußerst hohl. Da gibt es zum einen jene, die sich mit Vorliebe hinter der Bewahrung eines "kulturellen Erbes" verstecken. Sprache dürfe nicht "verunstaltet" werden. Außerdem werde sie durch die Einbeziehung des weiblichen Geschlechts "unlesbar" und "verkompliziert". Dem kann entgegen gehalten werden, dass erstens durch die Geschichte hindurch Sprache immer Veränderungen und Anpassungen an die jeweilige Kultur unterworfen war. Beispielsweise waren bis ins 19. Jahrhundert hinein weibliche Sprachformen ganz normal und in aller Munde. Zweitens drückt Sprache kulturelles Niveau und Kultur der Sprechenden aus und ist somit ein Gradmesser ihrer Aufgeschlossenheit für Gleichberechtiung. Und drittens könnte die "Kompliziertheit" von Frauensprache ganz einfach gelöst werden, beispielsweise durch die alleinige Verwendung von weiblichen Formen. So wie im obigen Beispiel ersichtlich können sich Männer im Wort "Leserinnen" ganz einfach mitgedacht fühlen. Das wäre dann sogleich ein gerechter Ausgleich für mindestens hundert Jahre patriarchaler Sprachgebahrung.

20.05.2003

Von Dagmar Buchta
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