Manchmal würde Frau Dai gerne alles vergessen

  • Falun-Gong-Aktivistin Zhi Zhen Dai mit ihrer Tochter Chen Fadu in Wien
    foto: der standard/thomas rottenberg

    Falun-Gong-Aktivistin Zhi Zhen Dai mit ihrer Tochter Chen Fadu in Wien

Die Witwe eines in China zu Tode gefolterten Falun-Gong-Anhängers berichtete in Wien über die Verfolgung der Anhänger

Wien - Es gibt nur einen Menschen, der Zhi Zhen Dai nicht vergeben würde, wenn sie aufhören würde zu erzählen. "Dabei könnte ich ein neues Leben anfangen. Jedes Mal, wenn ich davon spreche, zerreißt es mir das Herz", sagt die 40-jährige Chinesin mit australischem Pass.

Frau Dai spricht oft "davon". Von dem Tag, als ihr Mann verschwand. Von den Tagen, die ihre Schwägerin im Gefängnis verbrachte. Von der Ungewissheit. Und von dem Augenblick, als sie im Internet las, dass ihr Mann die Folter in einem chinesischen Gefängnis nicht überlebt hatte.

Die studierte Betriebswirtin reist durch die Welt. Als Botschafterin. Als Zeugin. Kürzlich referierte sie in Genf bei der UN-Menschenrechtskonferenz. Derzeit ist sie in Österreich, um auf die systematische Verfolgung, Inhaftierung, Folter und auch Ermordung von Falun-Gong-Anhängern hinzuweisen.

Wie rund 100 Millionen Menschen in über 50 Ländern praktiziert Frau Dai die friedliche Meditationspraxis, die neben körperlichen Übungen großen Wert auf die Prinzipien Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht legt. In China, dem Ursprungsland von Falun Gong, werden Anhänger der Bewegung seit den 90er-Jahren brutal verfolgt. Falun-Gong-Aktivisten schätzen, dass die Zahl der Ermordeten in die Tausende geht. Mehr als 100.000 sollen in Arbeitslager verschleppt worden sein.

ai: "Unbestritten"

Zahlen, erklärt Heinz Patzelt von Amnesty International Österreich, habe er dazu keine: Amnesty unterscheidet nicht zwischen Falun-Gong-und Nicht-Falun-Gong-Anhängern. "Unbestritten und belegt", sagt Patzelt, sei aber, dass Falun-Gong-Leute in China "systematischen, brutalen und schwersten Verfolgungen" ausgesetzt seien.

"Was das Regime an Falun Gong stört", erklärt Zhi Zhen Dai, "ist, dass die Leute daran und nicht mehr an das System glauben." Sie selbst habe Falun Gong als "Antwort auf Lebensfragen" entdeckt. Und zwar nachdem sie Anfang der 90er-Jahre nach Australien aus- und dann, weil der Westen ihr diese Antworten nicht gab, wieder nach Südchina zurückgezogen sei.

Ihr Mann, Cheng Yong Chen, habe mehrfach versucht, bei offiziellen Stellen für die alte, aber erst seit etwa zwölf Jahren öffentlich praktizierte Technik zu intervenieren, erzählt Frau Dai. Chen wurde mehrfach verhaftet, gefoltert und brutalen "Gehirnwäschen" unterzogen. Im Jänner 2001 holte ihn die Polizei zum letzten Mal. Und weil die Behörden das Visum der australischen Staatsbürgerin Zhi Zhen Dai nicht verlängerten, musste sie mit ihrer Tochter ausreisen. Ohne jede Nachricht von ihrem Mann.

Friedlich

Erst sechs Monate später erfuhr sie, dass man seine Leiche auf einem Feld gefunden hatte. Als Dais Schwägerin den Toten identifizierte, wurde sie festgenommen. Australische Medien griffen den Fall auf - aber es dauerte acht Monate, bis Frau Dai die Asche ihres Mannes bekam.

Wien, sagt Frau Dai, sei wunderschön. So friedlich. Wenn sie am Heldenplatz jene Hand voll Falun-Gong-Anhänger sieht, die hier allmorgendlich ihre Übungen abhalten, möchte sie fast an eine heile Welt glauben.

Sie würde manchmal gerne vergessen, sagt Zhi Zhen Dai. Niemand würde ihr einen Vorwurf machen. Außer einem Menschen: "Ich könnte mir nicht vergeben. Weil ich weiß, dass es in China Tausenden Menschen so geht - und keiner für sie die Stimme erhebt." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 19.5.2003)

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