Belgrad-Priština: Eine verbotene Liebe

    16. Juni 2011, 09:10
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    Eine Anthologie zeitgenössischer serbischer und albanischer Literatur bricht mit einem politischen Tabu

    "Es war im Jahr 2010, wir waren auf der Leipziger Buchmesse und beide sturzbetrunken", erzählt der serbische Autor und Mitbegründer der Literaturzeitschrift Beton Saša Ilić die Entstehungsgeschichte der heuer erschienenen Doppelanthologie "Aus Belgrad mit Liebe" bzw. "Aus Priština mit Liebe".

    Leipzig und der Alkohol - in diesem Fall nicht so sehr atmosphärische Kulisse, als vielmehr notwendige Voraussetzungen, damit Saša Ilić und der albanisch-kosovarische Dramatiker Jeton Neziraj die an und für sich naheliegende, aber in politisch angespannten Zeiten geradezu irrwitzige Idee zur Sprache bringen konnten, nämlich serbische Erzählungen ins Albanische zu übersetzen und vice versa, und diese im Kosovo und in Serbien gleichermaßen zu publizieren.

    Politisch-literarischer Tabubruch

    Ein solches Unterfangen hatte seit fast 40 Jahren keiner mehr gewagt oder für notwendig befunden. Der letzte aus dem Albanischen übersetzte Lyrikband erschien in Belgrad im Jahr 1972, ein albanisches Prosawerk wurde zuletzt 1977 in serbischer Übersetzung publiziert. Die vorliegende zweisprachige Anthologie will lediglich das zeitgenössische literarische Schaffen einem breiteren Publikum vorstellen: Ein Ansinnen, das im aktuellen Kontext eine brisante politische Dimension erlangt.

    Von Patrioten und Verrätern und dem Dazwischen

    Die beiden Initiatoren Ilić und Neziraj starteten nach ihrem denkwürdigen Treffen in Leipzig zunächst eine private und später publizierte Korrespondenz, in der sie sich über ihre Erfahrungen mit den Angehörigen der jeweils anderen Volksgruppe offen austauschten.

    Darin thematisierten sie die seit Generationen überlieferte Angst vor dem Anderen und das latent vorherrschende gegenseitige Misstrauen - ein dankbarer Nährboden für nationalistische Propaganda. "Albaner und Serben wachsen mit stereotypen Vorstellungen vom jeweils Anderen auf", erzählte Ilić bei der Präsentation der Anthologie am 7. Juni in Wien. "Und so gibt es bei uns nur Patrioten oder Verräter und nichts dazwischen. Vor diesem Hintergrund sind Jeton und ich gerne Verräter." Ein Dazwischen gibt es aber offenbar doch, und das ist die Literatur.

    Übersetzungsprobleme

    Angesichts der politischen Implikationen sollte der sprachliche Transfer das geringste Problem bei der Realisierung des Projekts darstellen, möchte man meinen. Dem war aber nicht so, erzählten die beiden Herausgeber. Am Institut für Albanologie in Belgrad fand sich niemand, der in der Lage gewesen wäre, mit der zeitgenössischen kosovo-albanischen Sprache im literarischen Kontext umzugehen. So wurden schließlich alle Übersetzungen von albanischen Übersetzern angefertigt.

    Die beiden Herausgeber unterhalten sich übrigens in einer Mischung aus Serbisch, Englisch und Albanisch. "Ich kann schon einige Worte auf Albanisch", erzählt Ilić stolz.

    "Eine verbotene Liebe" liege also dem literarischen Projekt von Ilić und Neziraj zu Grunde, schlussfolgerte die Übersetzerin und Moderatorin des Abends Alida Bremer. Verbotene Liebe als Reaktion auf verordneten Hass. (Mascha Dabić, 16. Juni 2011, daStandard.at)

    • Jeton Neziraj, Antje Contius, Sasa Ilić bei der Präsentation der Anthologie in Wien.
      foto: kulturkontakt austria

      Jeton Neziraj, Antje Contius, Sasa Ilić bei der Präsentation der Anthologie in Wien.

    • Deutschsprachige Spezialausgabe der Zeitschrift Beton.
      foto: kulturkontakt austria

      Deutschsprachige Spezialausgabe der Zeitschrift Beton.

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