Der Bass sei mit uns

16. Juni 2011, 17:22
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Das Londoner Label Soul Jazz Records bietet mit "Invasion Of The Mysteron Killer Sounds" einen Überblick über das Genre der computergenerierten Dubmusik

Den britischen Musiker und Produzenten Kevin Martin kennt man aus grauer Vorzeit als sinistren Mann hinter Industrial-Rock-, Freistil-Jazz-Hardcore und Elektronik-Projekten wie God, Techno Animal oder Ice. Im letzten Jahrzehnt wandte er sich verstärkt der ursprünglich jamaikanischen Dubmusik als Vorstufe so gut wie jedes heutigen digitalen Dancefloorstils zu. Mit seinem Projekt The Bug und dem herausragenden Album London Zoo (2008) oder einem Album mit King Midas Sound begann sich Martin auch zunehmend mit zeitgenössischen Klängen zwischen Grime, Dub Step, Dancehall und Hyperdub zu beschäftigen.

Gemeinsam mit Stuart Baker, dem Chef des Londoner Labels Soul Jazz Records, kompilierte er nun eine Doppel-CD, die sich mit heutigen Deutungen der Dubmusik beschäftigt. Dabei wird der Schwerpunkt auf digitale, also rein auf dem Computer produzierte Sounds gelegt, die eines beweisen. Dub ist keineswegs eine historische Stilrichtung. Sie befindet sich noch immer an vorderster Front, wenn es darum geht, modernistische, zukunftsweisende Sounds mit Stoßrichtung Zukunft zu produzieren.

Dem vorliegenden Doppelalbum Invasion Of The Mysteron Killer Sounds ist deshalb auch ein opulentes Sciencefiction-Comics-Booklet beigelegt. Gestaltet vom italienischen Comics-Designer Paolo Parisi, erzählt es im schönen Retro-Design jamaikanischer Reggae- und Dub-alben der 1970er- und 1980er-Jahre von der Weltbedrohung böser Aliens, gegen die nur ein Kraut gewachsen ist. Die Sounds von altvorderen Dubproduzenten wie King Tubby und King Jammy sollen die Erde davor bewahren unterzugehen.

Unterstützt werden die Gründerväter des Genres dabei von gelehrigen Schülern aus dem Hier und Heute. So finden sich neben anderen beinahe vergessenen und unbedankten Granden wie Prince Jazzbo (der zwecks Unterhalt heute in Kingston vor dem alten Studio Bob Marleys selbstkopierte Kassetten eigener Großtaten an Touristen verkaufen muss) Kapazunder wie Diplo, Harmonic 313 oder The Bug selbst. Der Österreicher Stereotyp alias Stefan Mörth ist mit einem Track ebenso vertreten wie die jamaikanischen Irren von Ward 21 oder der britische MC Roots Manuva und der Reggaeheilige Sly Dunbar.

Mit an alte Computerspiele erinnernden lustigen Pfeif- und Fiepgeräuschen und abgrundtiefen Bässen wird gegen die bösen Mächte ein Klangwall aufgezogen, der die Menschheit vor dem Untergang bewahren soll. Auf jeden Fall schützt er aber auch die kostbaren Pflanzen, die auf Jamaika blühen, gedeihen und dann getrocknet werden. Wir hören eine abenteuerliche Reise ins digitale Takatuka-Land. Und das Auge hört ja bekanntlich auch immer mit.

Nichts weniger als eine schöne Sommerplatte für kleine und speziell auch große Kinder. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2011)

 

  • "Invasion Of The Mysteron Killer Sounds" (Soul Jazz)
    foto: soul jazz

    "Invasion Of The Mysteron Killer Sounds" (Soul Jazz)

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