Kurz macht den Fehler, den Kindergarten vorrangig als Deutsch-Lerninstitut zu loben - Er will das zweite Pflichtjahr nur "für jene, die es brauchen"
Er wird heuer 171 Jahre alt und ist moderner denn je. Er war eine so kluge und zeitenüberdauernde Erfindung, dass er als Marke, die keine Übersetzung braucht, um die Welt ging: der Kindergarten. Sein "Erfinder", der deutsche Pädagoge Friedrich Fröbel, betonte schon damals, 1840, den Bildungswert dieser Einrichtung.
Die Politik hat für diese Erkenntnis länger gebraucht. Immerhin, ein verpflichtendes Gratiskindergartenjahr mutet der österreichische Staat den Kindern zu. Zwei wären nötig, fordern Experten schon lange. In Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) haben sie nun einen Verbündeten auf der Regierungsbank. Allerdings einen ohne Geld. Und Kurz macht leider auch den Fehler, den Kindergarten vorrangig als Deutsch-Lerninstitut zu loben - und will das zweite Pflichtjahr daher nur "für jene, die es brauchen". Das ist zu kurz gegriffen.
Der Kindergarten ist die erste Bildungseinrichtung, die für alle Kinder wichtig ist. Sie lernen dort viel mehr als "nur" Deutsch, auch die, die es vermeintlich können sollten, weil sie ohne "Migrationshintergrund" sind. Und integriert werden in die Welt muss jedes einzelne Kind.
Etwas Wesentliches wird bei all den Lobpreisungen des Kindergartens aus Politikermund seit Jahren vergessen: die Kindergartenpädagoginnen. Ihr Aufschrei über unzumutbare Arbeitsbedingungen, Überlastung und Unterbezahlung wird von der Politik ignoriert. Dabei sind sie es, die die Integrationsmaschine Kindergarten am Laufen halten. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD; Printausgabe, 16.6.2011)