Brooklyn liegt an der Wolga

15. Juni 2011, 18:15
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Regisseur André Engel verlagert den konfliktreichen Stoff von Leos Janáceks "Kátja Kabanová" in ein Emigrantenghetto des 20. Jahrhunderts

Wien - Aktualisierung - das könnte das allgemeine Motto für die Inszenierungen von André Engel sein, der am Freitag als letzte Staatsopernpremiere dieser Saison Leos Janáceks Kátja Kabanová herausbringt.

Richard Strauss' Ariadne auf Naxos hat er einmal in die Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts verlagert und die Handlung der Oper in der Oper dabei nicht auf einer stilisierten Bühne spielen lassen, sondern an den Strand von Naxos versetzt.

Und auch Janáceks Dreiecksdrama siedelt er weder im 19. Jahrhundert noch am Ufer der Wolga an, wie André Engel im Standard-Interview erläutert: "Ich versuche, die Geschichte unserer Zeit und unseren Erfahrungen anzunähern, damit das Stück noch stärker wird und seine Konflikte noch mehr akzentuiert werden." So wird statt einer malerischen russischen Kleinstadt ein Emigrantenghetto in Brooklyn zu sehen sein, in dem Kátja an ihrer Liebespein, vor allem aber an den sozialen Normen zugrunde geht.

Für die Gemeinschaft, die Engel auf die Bühne der Wiener Staatsoper bringen wird, ist es aus Sicht des Regisseurs "typisch, dass die älteren Personen noch an ihren Wertvorstellungen festhalten, besonders an den religiösen, während die jüngeren davon Abstand nehmen. Kátja ist eine Person, die es nicht schafft, sich von diesen alten Werten zu lösen."

Die amouröse Ménage-à-trois sei für ihn daher gar nicht so sehr das Thema der Oper, sagt der 1946 geborene Franzose. Viel mehr interessiert ihn die unausweichliche Situation, in der sich die Protagonistin befindet und die für den Regisseur vor allem in ihren inneren Konflikten zum Ausdruck kommt: "Sie schafft es nicht, die Lust durch ihre außereheliche Liebesbeziehung zu akzeptieren, ohne sich selber dafür bestrafen zu wollen."

Faszination Deutsch

In der Sprache von Janáceks 1921 uraufgeführtem Bühnendrama sieht Engel indessen nicht eine derart starke Verankerung in einer vergangenen Zeit, dass sich das Stück nicht daraus lösen ließe: "Natürlich bin ich kein Tscheche, aber ich habe nicht das Gefühl, dass das Libretto so sehr auf eine bestimmte Zeit festgelegt ist."

Apropos Sprache: 90 Prozent seiner bisherigen Arbeit als Regisseur, bilanziert Engel selbst, hat deutschsprachige Stücke betroffen - und dies, ohne die Sprache aktiv zu beherrschen: "Alles, was ich auf Deutsch verstehe, habe ich von den Autoren gelernt. Deutschsprachige Autoren interessieren mich einfach viel mehr als französisch-, englisch- oder italienischsprachige."

André Engels Werkliste liest sich denn auch ein bisschen wie das Register einer deutsch-österreichischen Literaturgeschichte: Brecht, Grabbe, Hofmannsthal, Horváth, Kafka, Kleist und Wedekind - aber auch Thomas Bernhard ist mehrfach vertreten. Woher kommt denn diese große Affinität zum deutschsprachigen Theater? Engel: "In meiner Jugend habe ich mich sehr für Philosophie interessiert, und da vor allem für die deutsche, das war der erste Kontakt." Ein Kontakt von einiger Intensität: Bis 1969 hat er nach seinem Philosophie-Studium dieses Fach auch unterrichtet. Seit den frühen Siebzigerjahren ist Engel als Regisseur tätig, zunächst mit dem experimentellen Théâtre de L'Espérance, dann mehr und mehr in etablierteren Kontexten.

Geballte Intensität

Bei seinen Adaptionen von Sprechtheater legte Engel immer wieder ein gerüttelt Maß an Freiheit an den Tag, das verdeutlichte, dass es ihm stets darauf ankam, seine Regiearbeit als einen Übersetzungsvorgang in die aktuelle Zeit zu begreifen - und die Tätigkeit des Regisseurs an die eines Autors anzunähern.

So hat er etwa für das Projekt La Nuit des chasseurs ("Die Nacht der Jäger") den Text von Georg Büchners Woyzeck radikal umgestaltet oder im Falle von Heinrich von Kleists Penthesilea überhaupt nur weniger als die Hälfte des originalen Textes verwendet, um daraus selber wiederum ein zusammenhängendes Ganzes zu gestalten.

Seit Engel indessen Opern inszeniert - dies nahm seinen Ausgang 1988 mit Strauss' Salome in Cardiff -, weiß er, dass da vollkommen andere Gesetze gelten. Dass hier schon die Musik für Kohärenz sorgt, findet er "sehr praktisch. Im Theater ist es etwas vom Schwierigsten, den richtigen Rhythmus zu finden.

In der Oper haben Sie dieses Problem nicht. Dieses Problem hat nämlich schon der Komponist für Sie gelöst. Das ist für den Regisseur also sehr bequem. Da ist die Intensität schon von vornherein zusammengeballt - wie eben auch bei Kátja Kabanová. Man braucht nur noch zu inszenieren!" (Daniel Ender / DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2011)

 

  • "Deutschsprachige Autoren interessieren mich viel mehr als französisch-, englisch- oder italienischsprachige": André Engel.
    foto: standard /fischer

    "Deutschsprachige Autoren interessieren mich viel mehr als französisch-, englisch- oder italienischsprachige": André Engel.

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