Frankreichs Banken und die Angst vor einem Dominoeffekt

15. Juni 2011, 17:48
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Frankreich stemmt sich gegen den deutschen (Aus-)Weg aus der Griechenlandkrise

Bei der angestrebten Lösung der griechischen Schuldenkrise gibt es derzeit nur Rückschläge. Mit einer Einigung der EU-Chefs beim Gipfel nächste Woche wird nicht mehr gerechnet, es dürfte lediglich zu einer allgemeinen Erklärung kommen. Und die zuletzt von der EU-Kommission favorisierte freiwillige Fristerstreckung für die Schuldentilgung Athens wird von den Ratingagenturen auch nicht geschluckt. Das käme einem Insolvenzfall gleich, erklärte die Agentur Fitch.
Die Kollegen von Moody's brachten zeitgleich Frankreich in Turbulenzen. Die Ratingagentur drohte, die Bonitätsnote der drei Pariser Großbanken BNP Paribas, Crédit Agricole und Société Générale wegen ihres großen Engagements in Griechenland um einen oder sogar zwei Punkte herabzusetzen. Frankreichs Europaminister Laurent Wauquiez sah sich sofort zum Wogenglätten veranlasst: Er meinte, laut den neusten Zahlen der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hielten deutsche Banken mit 22,6 Mrd. Dollar mehr Anteile an der griechischen Staatsschuld als die französischen mit 15 Milliarden.
Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Vor Jahresfrist hatte die gleiche Bank geschätzt, dass französische Banken in Griechenland insgesamt mit 75 Mrd. Dollar engagiert seien, deutsche „nur" mit 45 Milliarden. Auch bei Privatkrediten ist das Pariser Bankentrio am härtesten getroffen - der Crédit Agricole insbesondere über seine griechische Bank Emporiki.

Frankreich hält derzeit noch das begehrte Triple-A. In dieser Kategorie ist Frankreich aber das einzige Land, das die deutschen Plänen für eine Umschuldung und „Privatisierung" der Griechenlanddarlehen ablehnt. Der tiefere Grund liegt in der Angst vor einem Dominoeffekt, der Frankreich mehr oder weniger stark erfassen könnte. Deshalb liegt Paris auf der gleichen Linie wie die Europäische Zentralbank EZB und ihres Chefs Jean-Claude Trichet.

Sarkozy berät mit Merkel

Alle Augen richten sich nun auf ein Treffen von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel Freitag in Berlin. Diplomaten erhoffen die Festlegung der großen Linien zu Griechenland. Aber ein deutsch-französischer Kompromiss reicht nicht, um das Paket für Griechenland freizumachen. Auch die Slowakei und Großbritannien legen sich quer. Bratislava lehnt eine Beteiligung via Euro-Rettungsfonds (EFSF) ab, weil es selber ärmer sei als Griechenland. Die Briten fühlen sich für die Eurozone nicht zuständig, wollen keine Zahlung aus EU-Fonds.

Im Ringen um eine zweites Kredithilfspaket für Griechenland und die Art der Beteiligung privater Investoren legten alle Hauptakteure am Mittwoch - zumindest nach außen hin - im wahrsten Sinn des Wortes einen Ruhetag ein. „Die EU-Kommission gibt dazu keine Stellungnahme ab", wehrte ein Sprecher von Währungskommissar Olli Rehn alle Fragen nach den Differenzen beim Treffen der Eurozone tags zuvor kategorisch ab. Man halte sich an das vereinbarte Stillhalten, die Beratungen würden Sonntag in Luxemburg fortgesetzt.

Die Kommission kommentiere auch nicht, dass Ratingagenturen Griechenland mit der Vergabe eines CCC-Ratings so schlecht wie kein Land der Welt einstufe, so der Nicht-Sprecher Rehns. Dazu müsse man „die Präsidentschaft der Eurozone fragen". Aber auch von dort - angesprochen war Eurozonenchef Jean-Claude Juncker - kam Mittwoch kein Hinweis, ob, wann und wie eine Entscheidung über die Auszahlung weiterer Kredithilfen bzw. neuer Vereinbarungen zu erwarten seien. Athen braucht im Juli 12 Mrd. Euro, sonst droht die Pleite. Für die nächsten Jahre soll der Finanzbedarf 120 Mrd. Euro ausmachen.
Stumm blieben auch die in Währungsfragen entscheidenden Finanzministerien Frankreichs und Deutschlands. Aus der Europäischen Zentralbank (EZB) betonten Vertreter der zweiten Reihe den Standpunkt, dass man eine Umschuldung Griechenlands ablehne, jede Beteiligung Privater an Maßnahmen nur vollkommen „freiwillig" erfolgen könne, weil sonst Marktturbulenzen drohten. (Stefan Brändle aus Paris/Thomas Mayer aus Brüssel, DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2011)

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