Die Programmschiene "Forum Festwochen ff" setzt sich mit Überlebensstrategien auseinander. Dabei behaupten sich widerständige Körper und werden Identitäten probeweise gewechselt. Eine ansteckende Sache
Wien - Bis vor kurzem hat noch gegolten: Viele Gesellschaften auf diesem
Planeten durchleben Krisen. Aber seit dem Abflauen der Finanzkrise
vermehren sich die Anzeichen für eine Umkehr. Die Krise hat sich
verselbstständigt und begonnen, die Gesellschaften zu leben und zu
formen. In diese Situation passt das Thema "Überlebensstrategien" des
vom Wiener Festwochendramaturgen Matthias Pees koordinierten "Festivals
im Festival" Forum Festwochen ff (bis 19. Juni).
Überlebensstrategien, das klingt nach Survival-Camp und Konserven
einlagern, Bunkerbauen und Jodtabletten, ganz so wie es in den
patentlösungsseligen 1970er-Jahren gelehrt wurde. Heute ist alles noch
komplizierter, - und genau das wird beim diesjährigen Forum Festwochen
im Brut Theater und im Project Space der Kunsthalle mit großem Erfolg
nachvollziehbar gemacht.
Als überraschende Konsequenz daraus infiziert sein Thema den großen
Festwochenzusammenhang rundum und verleiht diesem eine neue
Diskursebene.
Umherirren nach Plan
Als Figurenspektrum aus planmäßig Umherirrenden wie in Christoph
Marthalers Stück ±0 folgt zum Beispiel bei den "Überlebensstrategien"
das Publikum der Wiener Künstlerin Barbara Ungepflegt in ihren Notstand.
Und eine skurrile Konferenztischrunde von Funktionären in der
Videoperformance tagfish der Gruppe Berlin im Forum wirkt wie eine
Real-Karikatur der Zockerei in Frank Castorfs Dostojewski-Fiktion Der
Spieler.
In Carlos Mottas wunderbarer Installation Six Acts: An Experiment in
Narrative Justice lassen sich die musealen Gespenster bei Jon Fosses und
Patrice Chéreaus Rêve d'automne wiederfinden: als Videoreihe von
Re-Enactments ausgewählter Ansprachen ermordeter venezolanischer
Oppositionspolitiker in einem musealen Theatersetting.
Und auch in Luc Bondys Inszenierung von Ionescos Die Stühle wird der
rührende Versuch einer Überlebensstrategie hin zum Tod erkennbar - die
durchaus mit den tragikomischen Ansätzen der Figuren bei Toshiki Okadas
The Sonic Life of A Giant Tortoise verwandt ist, dem großen Sinnverlust
noch etwas Halt abzutrotzen.
Sehr leicht lassen sich Parallelen zwischen Angélica Liddells
Performance San Jeronimo und Daisuke Miuras Castle of Dreams erkennen.
Hier eine Figur, die sich selbst verletzt und einmauern lässt, dort eine
Gruppe junger Leute, die sich in ihrem Apartment einbunkert und
selbstquälerisch "von der Barbarei des Enthusiasmus, des Optimismus, des
obligatorischen Glücks" (Zitat Liddell) isoliert.
Liddell wird oft als "Enfant terrible" oder "Schmerz-Performerin"
hervorgestrichen und damit banalisiert. Ganz so, als hätten mit ihr
nicht Gina Pane, Marina Abramovic, Franko B oder Roberta Lima eine
Widerstandsgeschichte des Körpers formuliert - sozusagen als Negativ
jenes gnadenlosen Zweckoptimismus, in den derzeit auch Künstler gerne
hineingedrängt werden.
Eng an Liddells stark inszenierte Herstellung von Wirklichkeit fügt sich
der Realismus sowohl von Carlos Mottas Interview-Installation La Buena
Vida und Harish Khannas Doku-Performance mit dem ironischen Titel The
Survival Project / Surviving Survival.
Darin wird gezeigt, wie die schmerzlichsten politischen Konstellationen
von normalen Menschen verarbeitet und die prekärsten Lebensbedingungen
durch Erfindungsreichtum und spezialisierte Praxis einigermaßen
bewältigbar werden.
Identitäten wechseln
Ein anderes Projekt, dessen Eintrittskarte gleich ein ganzes neues Leben
mitliefert, heißt The Norm Olympics der isländischen Gruppe Kviss Búmm
Bang, das sind Eva Rún Snorradóttir, Eva Björk Kaaber und Vilborg
Ólafsdóttir. Die hundertprozentige Teilnahme des Publikums ist
gefordert. Doch führen diese Norm Olympics über die üblichen klein
portionierten Einstreusel des sogenannten Mitmachtheaters hinaus. In
dieser Performance fallen die Rollen von Zuseher und Akteur nämlich ganz
in eins:
Ausgestattet mit einer neuen, per Skript zugewiesenen Identität (auch
neue Kleidung ist inbegriffen bis hin zum Geschlechterwechsel), tritt
man in ein fünfstündiges Spiel ein, in dem man sich der neuen Identität
entsprechend verhält und dieses Verhalten freilich permanent
hinterfragt. Das macht die Qualität dieser Arbeit aus - sie generiert
Erfahrungen, die nicht vorhersehbar sind.
Es sind fünf Stunden eines frühen Abends im Leben eines Paares, das sich
zu einer Dinnerparty bei Freunden aufmacht und dort mit den mitunter
eingeübten Masken speist und parliert, als ob alles "echt" wäre.
Lehrreich
Das Regieskript, das Schritt für Schritt Anweisungen vorgibt, ist der
Fahrplan für einen Norm-Abend unter Norm-Freunden. An dieser
Konstellation arbeitet sich das Publikum ab. Dazu gehören
Verpflichtungen wie Kuchen backen oder entspannendere Dinge wie etwa "zu
Hause" ein Vollbad nehmen und den Gatten auf der Fernsehcouch in Ruhe
lassen.
Das Überleben in dieser künstlichen Norm, in der auch Lächeln auf dem
Plan steht, ruft Strategien des Ausbruchs wach. Eine lehrreiche und
ansteckende Sache. (Helmut Ploebst & Margarete Affenzeller/ DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2011)