Die Barbaren des Enthusiasmus

15. Juni 2011, 17:35
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Die Programmschiene "Forum Festwochen ff" setzt sich mit Überlebensstrategien auseinander. Dabei behaupten sich widerständige Körper und werden Identitäten probeweise gewechselt. Eine ansteckende Sache

Wien - Bis vor kurzem hat noch gegolten: Viele Gesellschaften auf diesem Planeten durchleben Krisen. Aber seit dem Abflauen der Finanzkrise vermehren sich die Anzeichen für eine Umkehr. Die Krise hat sich verselbstständigt und begonnen, die Gesellschaften zu leben und zu formen. In diese Situation passt das Thema "Überlebensstrategien" des vom Wiener Festwochendramaturgen Matthias Pees koordinierten "Festivals im Festival" Forum Festwochen ff (bis 19. Juni).

Überlebensstrategien, das klingt nach Survival-Camp und Konserven einlagern, Bunkerbauen und Jodtabletten, ganz so wie es in den patentlösungsseligen 1970er-Jahren gelehrt wurde. Heute ist alles noch komplizierter, - und genau das wird beim diesjährigen Forum Festwochen im Brut Theater und im Project Space der Kunsthalle mit großem Erfolg nachvollziehbar gemacht.

Als überraschende Konsequenz daraus infiziert sein Thema den großen Festwochenzusammenhang rundum und verleiht diesem eine neue Diskursebene.

Umherirren nach Plan

Als Figurenspektrum aus planmäßig Umherirrenden wie in Christoph Marthalers Stück ±0 folgt zum Beispiel bei den "Überlebensstrategien" das Publikum der Wiener Künstlerin Barbara Ungepflegt in ihren Notstand. Und eine skurrile Konferenztischrunde von Funktionären in der Videoperformance tagfish der Gruppe Berlin im Forum wirkt wie eine Real-Karikatur der Zockerei in Frank Castorfs Dostojewski-Fiktion Der Spieler.

In Carlos Mottas wunderbarer Installation Six Acts: An Experiment in Narrative Justice lassen sich die musealen Gespenster bei Jon Fosses und Patrice Chéreaus Rêve d'automne wiederfinden: als Videoreihe von Re-Enactments ausgewählter Ansprachen ermordeter venezolanischer Oppositionspolitiker in einem musealen Theatersetting.

Und auch in Luc Bondys Inszenierung von Ionescos Die Stühle wird der rührende Versuch einer Überlebensstrategie hin zum Tod erkennbar - die durchaus mit den tragikomischen Ansätzen der Figuren bei Toshiki Okadas The Sonic Life of A Giant Tortoise verwandt ist, dem großen Sinnverlust noch etwas Halt abzutrotzen.

Sehr leicht lassen sich Parallelen zwischen Angélica Liddells Performance San Jeronimo und Daisuke Miuras Castle of Dreams erkennen. Hier eine Figur, die sich selbst verletzt und einmauern lässt, dort eine Gruppe junger Leute, die sich in ihrem Apartment einbunkert und selbstquälerisch "von der Barbarei des Enthusiasmus, des Optimismus, des obligatorischen Glücks" (Zitat Liddell) isoliert.

Liddell wird oft als "Enfant terrible" oder "Schmerz-Performerin" hervorgestrichen und damit banalisiert. Ganz so, als hätten mit ihr nicht Gina Pane, Marina Abramovic, Franko B oder Roberta Lima eine Widerstandsgeschichte des Körpers formuliert - sozusagen als Negativ jenes gnadenlosen Zweckoptimismus, in den derzeit auch Künstler gerne hineingedrängt werden.

Eng an Liddells stark inszenierte Herstellung von Wirklichkeit fügt sich der Realismus sowohl von Carlos Mottas Interview-Installation La Buena Vida und Harish Khannas Doku-Performance mit dem ironischen Titel The Survival Project / Surviving Survival.

Darin wird gezeigt, wie die schmerzlichsten politischen Konstellationen von normalen Menschen verarbeitet und die prekärsten Lebensbedingungen durch Erfindungsreichtum und spezialisierte Praxis einigermaßen bewältigbar werden.

Identitäten wechseln

Ein anderes Projekt, dessen Eintrittskarte gleich ein ganzes neues Leben mitliefert, heißt The Norm Olympics der isländischen Gruppe Kviss Búmm Bang, das sind Eva Rún Snorradóttir, Eva Björk Kaaber und Vilborg Ólafsdóttir. Die hundertprozentige Teilnahme des Publikums ist gefordert. Doch führen diese Norm Olympics über die üblichen klein portionierten Einstreusel des sogenannten Mitmachtheaters hinaus. In dieser Performance fallen die Rollen von Zuseher und Akteur nämlich ganz in eins:

Ausgestattet mit einer neuen, per Skript zugewiesenen Identität (auch neue Kleidung ist inbegriffen bis hin zum Geschlechterwechsel), tritt man in ein fünfstündiges Spiel ein, in dem man sich der neuen Identität entsprechend verhält und dieses Verhalten freilich permanent hinterfragt. Das macht die Qualität dieser Arbeit aus - sie generiert Erfahrungen, die nicht vorhersehbar sind.

Es sind fünf Stunden eines frühen Abends im Leben eines Paares, das sich zu einer Dinnerparty bei Freunden aufmacht und dort mit den mitunter eingeübten Masken speist und parliert, als ob alles "echt" wäre.

Lehrreich

Das Regieskript, das Schritt für Schritt Anweisungen vorgibt, ist der Fahrplan für einen Norm-Abend unter Norm-Freunden. An dieser Konstellation arbeitet sich das Publikum ab. Dazu gehören Verpflichtungen wie Kuchen backen oder entspannendere Dinge wie etwa "zu Hause" ein Vollbad nehmen und den Gatten auf der Fernsehcouch in Ruhe lassen.

Das Überleben in dieser künstlichen Norm, in der auch Lächeln auf dem Plan steht, ruft Strategien des Ausbruchs wach. Eine lehrreiche und ansteckende Sache.  (Helmut Ploebst & Margarete Affenzeller/ DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2011)

  • Eine Figur verletzt sich selbst und lässt sich einmauern: Die 
Performance "San Jeronimo" von Angélica Liddell im Project Space der 
Kunsthalle am Karlsplatz.
    foto: armin bardel

    Eine Figur verletzt sich selbst und lässt sich einmauern: Die Performance "San Jeronimo" von Angélica Liddell im Project Space der Kunsthalle am Karlsplatz.

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