Ermittler suchen neue DNA-Spur im Fall Barschel

15. Juni 2011, 17:30
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Immer noch wird spekuliert, dass der Exministerpräsident von Schleswig-Holstein durch einen Mörder starb

10. Oktober 1987, Hotel Beau Rivage, Genf. Eingecheckt hat der ehemalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel (CDU). Er bezieht das Zimmer 317 und bestellt gegen 18.30 Uhr beim Zimmerkellner eine Flasche 1985er-Beaujolais-Le-Chat-Botté. Einen Tag später wird er in der Badewanne des Hotelzimmers tot aufgefunden. Das Bild, das ein Fotograf des Stern davon machte, ging um die ganze Welt.

Offiziell kamen die Ermittlungsbehörden in der Schweiz und in Schleswig-Holsten zum Schluss, Barschel habe Selbstmord begangen, zumal bei der Obduktion acht verschiedene Medikamente im Leichnam gefunden wurden. In den Neunzigerjahren führte die Lübecker Staatsanwaltschaft dann noch ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts des Mordes gegen unbekannt durch. Die Untersuchungen wurden im Jahr 1998 eingestellt.

Jetzt öffnet die Behörde ihre Asservatenkammer noch einmal. Der Anzug, das Hemd, die Socken und die Krawatte, die Barschel am Todestag trug, werden mithilfe von DNA-Analysen noch einmal neu überprüft. "Heute ist mehr möglich als damals", sagt der frühere Barschel-Chefermittler Heinrich Wille. Er geht davon aus, dass Barschel ermordet wurde und hat darüber auch ein Buch geschrieben. Der Kieler Landtagsabgeordnete Werner Kalinka (CDU) publizierte ebenfalls zum Thema Barschel, auch er ist überzeugt, dass Barschel nicht freiwillig starb. Von Kalinka ging die Initiative aus, noch einmal genauer auf Barschels Kleidung zu schauen.

Barschel zählte in den Achtzigerjahren zu den Shootingstars der CDU. Mit 38 Jahren wurde er 1982 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und galt als kommender Mann der Partei. Am 13. September, einen Tag vor der Landtagswahl 1987, berichtete der Spiegel, dass Barschel persönlich hinter einer Verleumdungskampagne stecke, die die CDU gegen den SPD-Gegenkandidaten Björn Engholm führte. Barschel gab wenige Tage später sein berühmtes "Ehrenwort" ab und erklärte, die Vorwürfe seien "haltlos". Dennoch musste er nach einer Wahlniederlage der CDU am 2. Oktober 1987 zurücktreten.

Aussage vor Ausschuss

Am 12. Oktober hätte er in einem Untersuchungsausschuss des Kieler Landtags aussagen sollen. Seine Witwe, Freya Barschel, behauptet nach wie vor, ihr Mann habe sich in Genf mit einem Informanten treffen wollen. Dieser habe Entlastungsmaterial in der Barschel-Engholm-Affäre geboten.

Doch es gibt noch andere Theorien: Barschel sei wegen illegaler Waffengeschäfte mit der DDR von der Stasi ermordet worden. Victor Ostrovsky, ein Exagent des israelischen Geheimdienstes Mossad, behauptet, Barschel sei Opfer des Mossad geworden, weil er sich 1987 geheimen Waffengeschäften zwischen Israel und dem Iran widersetzt habe, die über Schleswig-Holstein hätten laufen sollen. Der renommierte Schweizer Toxikologe Hans Brandenberger erklärt, Barschel könne die verschiedenen Substanzen gar nicht alle selbst zu sich genommen haben.

Ob das Ermittlungsverfahren 24 Jahre später wiederaufgenommen wird, hängt von den DNA-Spuren ab. Die erste Untersuchung wird einige Wochen dauern.

Im Landtagswahlkampf 1987 in Schleswig-Holstein trat Uwe Barschel häufig mit seiner Frau Freya auf. Auf dem Bild sind auch zwei seiner vier Kinder zu sehen. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2010)

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    Im Landtagswahlkampf 1987 in Schleswig-Holstein trat Uwe Barschel häufig mit seiner Frau Freya auf. Auf dem Bild sind auch zwei seiner vier Kinder zu sehen.

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