Jürgen Wallner hat den Zusammenhang zwischen Zins, Kapitalrendite und realer Produktivitätssteigerung behandelt. Ich möchte das zum Postulat eines quantitativen Zusammenhangs verschärfen: Die Summe der realen Vermögen in einem geschlossenen ökonomischen System wächst so schnell wie der Nutzwert der Produktionsmittel, in denen Kapital gebunden ist.
Vermögenszuwachs, quantifiziert
Was mit Nutzwert gemeint ist: Durch die Modernisierung einer Fabrik wächst das Vermögen, welches dem Besitz daran entspricht, weil größerer Mehrwert pro Zeiteinheit produziert wird. Wenn ich und mein Nachbar einander aber unsere Häuser heute für je € 500.000 verkaufen und morgen kaufen wir sie voneinander für je 1 Million zurück, ist das reale Vermögen nicht gewachsen. Darin unterscheidet sich 'reales Kapital' im Sinne des Besitzes von realen, physischen Produktionsmitteln vom Geldvermögen im Sinn eines Konzepts, welches Geldwert als uninterpretierten Grundbegriff voraussetzt. Übrigens gilt das auch, wenn wir Goldbarren statt Papiergeld verwenden; der Glaube, das habe irgendwas mit Golddeckung zu tun, ist ein Aberglaube.
Bezogen auf das reale Vermögen ist die Summe der Vermögenszuwächse aus Erwerbstätigkeit, unternehmerischer Tätigkeit und der Rendite des Kapitals, welches gegen Zinsen verliehen wird, daher vorgegeben: sie ist eben das Wachstum des realen Gesamtvermögens. Unmittelbare Konsequenz: Wenn sich Erwerbsarbeit und unternehmerische Initiative lohnen sollen, dann muss der Erwartungswert für das Wachstum von Vermögen, welches der Wirtschaft gegen Zins zur Verfügung gestellt wird, unter dem realen Wirtschaftswachstum liegen. Wäre nämlich der Erwartungswert der Nettorendite aus Geldverleih so groß wie das Produktivitätswachstum, dann entspräche die Akkumulation von Vermögen aus Zinseinkünften bereits dem gesamten Wachstum des Realvermögens, so dass es nichts mehr an arbeitende oder unternehmerisch engagierte Akteure zu verteilen gäbe.
Der große Bluff
Scheinbar und vorübergehend lässt sich der Verteilungskonflikt auflösen, indem die Limitierung des Vermögenswachstums mit einem Taschenspielertrick überspielt wird. Nämlich, durch ein stetiges Wachstum des Volumens an Verbindlichkeiten aus Konsumkrediten. In bestimmten Kennzahlen schlägt sich das nämlich so nieder wie reales Wachstum: Jedem Kredit entspricht eine Forderung, die irgendwo als Guthaben verbucht werden kann. Das Problem dabei: Verbindlichkeiten aus kreditfinanziertem Konsum steht kein Eigentum an Produktionsmitteln gegenüber, aus dem die Kredite bedient werden könnten.
Im Unterschied zu Investitionskrediten, bei denen die Zinslast geringer sein sollte als die Rendite aus den damit finanzierten Investitionen, sind Zinsen bei Konsumkrediten daher tatsächlich ein systematisches Problem. Wenn das aus dem Ruder läuft, türmen sich auf der einen Seite uneinbringliche Verbindlichkeiten und auf der anderen virtuelle Vermögen - zum Beispiel Bankguthaben, denen in der Realität uneinbringliche Forderungen der Bank gegenüberstehen.
Diese Anhäufung von uneinbringlichen Forderungen und den korrespondierenden virtuellen Vermögen hat in den letzten Jahren ein unglaubliches Ausmaß erreicht - Billionen Dollar. Durch diesen Trick war es möglich, gleichzeitig konservativ angelegtes Kapital mit hohen Zinsen zu bedienen, Gewinn aus unternehmerischer Tätigkeit und Wirtschaftswachstum zu ermöglichen, den Massenkonsum und die Auslastung der Kapazitäten hochzuhalten - alles wunderbar. Nur, dass das Geldsystem jetzt ziemlich vergiftet ist.
Was man lernen könnte. Vielleicht.
Wenn man fragt, was aus der Krise zu lernen sei, ist immer sehr schnell von Regulierung und Eindämmung von Spekulation die Rede. Das mag ja richtig sein. Nur: wenn man damit verhindert, dass sich auf der einen Seite uneinbringliche Verbindlichkeiten auftürmen, dann verhindert man auf der anderen Seite auch das Auftürmen von fiktiven Vermögen, denen solche Verbindlichkeiten gegenüberstehen.
Das kann man nicht voneinander trennen, weil die virtuellen Vermögen ja genau die Gegenbuchungen zu den faulen Krediten sind: Einer, der das nie tun kann, verspricht, irgendwelches Geld zurückzuzahlen. Der Gläubiger tut so, als würde er ihm glauben, weil der Schuldner ein Staat ist, oder ein Haus zu einem spekulativ überhöhten Preis gekauft hat, oder sein Schuldschein in einem Derivate-Paket eingepackt ist. Daher verbucht er die Forderung als 'Haben'. Womit bei Gläubiger ein virtuelles Vermögen entsteht und beim Schuldner eine uneinbringliche Verbindlichkeit. Verhindert man den einen Teil des Spuks, dann verhindert man auch den anderen - wenn man niemandem erlaubt, nicht-bedienbare Kredite aufzunehmen, dann kann auch niemand die Forderungen an solche Kredite als Guthaben verbuchen.
Wenn sich andererseits der Zinssatz für sichere Anlagen nach den Gesetzen des Marktes in der Höhe des Produktivitätswachstums einpendelt, dann hätten wir ohne den Trick mit den virtuellen Vermögen genau das eingangs beschriebene Verteilungsproblem: es bliebe kein Anteil des realen Vermögenswachstums mehr übrig, der als Lohn für Erwerbsarbeit oder unternehmerisches Engagement verteilt werden könnte. In einer solchen Gesellschaft könnte man also nicht durch Arbeit wohlhabend oder gar reich werden. Damit entfiele der Anreiz für all jene Tätigkeiten, die Wachstum und Fortschritt generieren.
Das führt zur Frage, wie man in einem modernen Kapitalismus nachhaltig stabilisieren kann, ohne ein scheinbares Wachstum zu benötigen, welches in Wirklichkeit auf dem Wachstum von Schulden ohne korrespondierendes Wachstum der Fähigkeit zur Bedienung der Kredite beruht.
Wenn man solche Fragen seriös beantworten möchte, braucht man Modelle, die Konsequenzen möglicher z.B. steuertechnischer Maßnahmen zu prognostizieren erlauben. Was würde passieren, wenn man Erbschaften in die Bemessungsgrundlage zur Versteuerung einbezöge, dafür aber einkommenssteuertechnisch eine Flat-Tax erhöbe? Was, wenn man dies mit einem bedingungslosen Grundeinkommen kombinierte? Was, wenn man Vermögen nach dem durchschnittlich erzielbaren Ertrag statt dem realen besteuerte?
Eine rationale Wirtschafts- und Steuerpolitik müsste von den Antworten auf solche Fragen ausgehen, die sich in wissenschaftlichen Modellen begründen lassen; nicht von unreflektierten Überzeugungen, die irgendwann Eingang in Partieprogramme gefunden haben. Das ist noch viel zu wenig der Fall. Insofern ist die Wirtschaftskrise einem Mangel an grundlegenden Theorien geschuldet. Und ein Programm zur Reduktion der Krisenanfälligkeit des modernen Kapitalismus muss vor allem eines sein: ein Programm zur Erforschung komplexer dynamischer Systeme, in denen Geld- und Warenströme stattfinden und miteinander verkoppelt sind. (Leser-Kommentar, Peter Krall, derStandard.at, 15.6.2011)
Autor
Peter Krall, geboren 1960, studierte Logik, Informatik und Biologie und promovierte an der Universität Wien mit einer Dissertation zu einem Thema aus der formalen Logik. Seit 1994 arbeitet er als Softwareentwickler.